Moskau – „Schmeißt diese Prostituierte raus, diesen Dreck!“ – „Halt’s Maul, Idiotin!“: Es ist keine Reality-Show, aus der diese Beschimpfungen stammen – sondern eine Debatte der Präsidentschaftskandidaten im staatlichen Sender „Rossija 1“. Wobei „Debatte“ ein irreführendes Wort ist für ein ständiges gegenseitiges Überschreien. Als schlagendes Argument dient schließlich auch noch ein Glas Wasser – mit dem überschüttet das Glamour-Model Ksenja Sobtschak den Polit-Clown Wladimir Schirinowski.
Glaubt man der russischen Opposition, ist das absurde TV-Theater kein Ausreißer – sondern Programm. „Das ist alles inszeniert“, sagt der liberale Politiker Leonid Gosman. Wenn am Sonntag mehr als 109 Millionen Russen zu den Wahlurnen aufgerufen sind, handelt es sich nach Ansicht von ihm und den meisten Kreml-Gegnern nicht um eine Wahl im westlichen Verständnis dieses Wortes – sondern um deren Imitation. „Bei diesen Wahlen ist der Hauptpreis, das Amt des Präsidenten, schon vorab vergeben, an Wladimir Putin“, sagt Gosman. „Seinen vermeintlichen Gegenkandidaten wurden andere Prämien versprochen dafür, dass sie in dieser Show mitwirken, etwa, dass ihr Bekanntheitsgrad in die Höhe getrieben wird.“
Absurde Debatten wie die bei „Rossija 1“ hinterlassen bei den meisten Russen vor allem ein Bild: Die sieben Gegenkandidaten wären allesamt deutlich schlechter als Putin. Putin selbst meidet jedes Treffen mit den Kandidaten. Die Botschaft: Der solide Landesvater steht über der politischen Schlammschlacht. 80 Prozent der Sendezeit in den Nachrichten ist Putin gewidmet – und er wird präsentiert als Superstar, der es dem Westen endlich wieder einmal so richtig zeigt. Zar Putin.
Das Feld der vermeintlichen Herausforderer wirkt dagegen wie für eine Reality-Show besetzt. Die Schrille gibt das Glamour-Modell Sobtschak – die „Paris Hilton“ von Russland. Als Tochter von Putins politischem Ziehvater Anatoli Sobtschak hat sie eine gewisse Narrenfreiheit und darf die Regierung lautstark kritisieren – solange es nicht gegen Putin persönlich geht. Der Unternehmer und Multimillionär Boris Titow, Sekt-Lieferant des Kremls, ist für die Wähler in etwa so attraktiv wie Donald Trump in Deutschland.
Der bizarre, operettenhafte Sergej Baburin wirkt wie mit der Zeitmaschine aus einer sowjetischen Epoche in die Gegenwart geschleudert. Grigori Jawlinski ist ein in Ehren ergrauter Liberaler, der seine besten Zeiten schon unter Jelzin hinter sich hatte. Schirinowski gilt als KGB-Kreatur, der sich gerne als rechtsradikal maskiert, bei allen entscheidenden Fragen aber immer stramm mit dem Kreml stimmt. Der Kandidat der Kommunisten, Pawel Grudinin, hat es als Agrarunternehmer zu einem Millionenvermögen gebracht. Pünktlich zur Wahl wurden dann auch noch millionenschwere Schwarzgeldkonten in der Schweiz bekannt, sowie eine Zweitfamilie.
Kremlnahe Meinungsforschungsinstitute sagen Putin 69 bis 73 Prozent voraus. Ob solche Zahlen realistisch sind oder vom Kreml bestellt – darauf gibt es keine Antwort. Aber eines will Putin auf jeden Fall vermeiden: eine geringe Wahlbeteiligung. Das wäre peinlich. Zwar lässt sich das Ergebnis korrigieren mithilfe „administrativer Ressourcen“, wie man das umfangreiche Repertoire von unfairen Tricks nennt: Vom Einwerfen vorab ausgefüllter Wahlzettel über das Abkommandieren von Staatsdienern mit Handy-Foto-Beweis für die richtige Wahlentscheidung bis hin zu „Karussellen“, bei denen Wähler von Wahllokal zu Wahllokal gefahren werden, um mehrfach ihre Stimmen abzugeben.
Hinter vorgehaltener Hand geben Staatsbeamte solche Manipulationen zu. Aber sie verweisen auch darauf, dass ihr Einsatz seine Grenzen hat: „Bis zu zehn Prozent gehen recht unauffällig, mehr wird riskant“, berichtet ein Insider.
Spannend an diesen Wahlen scheint nur die Frage, wie es nach ihnen weitergeht. Größere Proteste wegen Wahlfälschungen gelten anders als 2011 als wenig wahrscheinlich. Und so bereitet sich die Opposition schon auf die nächsten Wahlen vor – 2024. Dann, so die Hoffnung, könne es eng werden für Putin. Nicht nur, weil er laut Verfassung erst wieder nach einer erneuten Auszeit antreten dürfte – er wäre dann auch schon 71 Jahre alt.
Boris Reitschuster