Berlin – Es ist kurz vor zwölf. Minutenlang sitzt Angela Merkel allein auf der violetten Regierungsbank. Nur ein Mal in vier Jahren gibt es dieses Motiv. Die 63-Jährige ist schon zur Kanzlerin gewählt, ernannt, aber noch nicht vereidigt. Dann nimmt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ihr im Bundestag den Amtseid ab – hinter der Kanzlerin die große Deutschlandfahne. Merkel verspricht, ihre ganze Kraft zum Wohle des Volkes einzusetzen, gefolgt von den Worten: „So wahr mir Gott helfe.“
Die Szene wirkt feierlich – und Merkel nach den turbulenten sechs Monaten der Regierungsbildung irgendwie erleichtert. Auch das knappe Ergebnis der Wahl – nur neun Stimmen mehr als unbedingt erforderlich – trübt die Stimmung jetzt kaum. Von 688 gültigen Stimmen entfielen 364 auf Merkel, 355 brauchte sie mindestens.
Nach Routine ist Merkel auch bei ihrer vierten Wahl zur Kanzlerin nicht zu Mute. Immer wieder dreht sich die CDU-Vorsitzende von ihrem Platz in der ersten Reihe um, schaut nach hinten. Ihr Blick wandert durch die Reihen der Unionsabgeordneten. Oft sucht sie den Augenkontakt mit ihrer Familie, die rund um ihren Ehemann Joachim Sauer auf der Ehrentribüne in der ersten Reihe sitzt.
Auch eine so erfahrene und oft nüchterne Frau wie Merkel zeigt an diesem Tag Gefühl. Kein Wunder, nach fast sechs Monaten kräftezehrender, quälender Regierungsbildung, bei der das politische Schicksal der als mächtigste Frau der Welt gerühmten Kanzlerin gleich mehrmals auf der Kippe stand. Dass dieser Tag für Merkel etwas ganz Besonderes ist, zeigen auch die Gäste, die sie eingeladen hat. Ihr Ehemann Joachim Sauer sitzt zum ersten Mal bei einer ihrer Kanzlerinnen-Wahlen auf der Ehrentribüne – den drei früheren 2005, 2009 und 2013 war er fern geblieben. Nun, wo seine Frau wahrscheinlich zum letzten Mal angetreten ist, hat der 68-Jährige sich anders entschieden – und auch seinen Sohn Daniel aus erster Ehe mitgebracht.
Merkels Mutter Herlind Kasner, 89, ist ebenfalls wieder gekommen – wie immer, wenn ihre Tochter zur Regierungschefin gewählt wird. Die 89-Jährige wird von einem Freund der Familie, dem früheren Bildungsminister von Brandenburg, Roland Resch (Grüne), zum Sitzplatz geleitet. In der Pause, als gerade die Stimmen ausgezählt werden, fragt sie Resch neugierig: „Zählen die eigentlich per Hand aus?“
Joachim Sauer vertreibt sich die Zeit des Wartens auf das Ergebnis am Laptop. Später plaudert er mit Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, den Computer immer noch auf den Knien.
Als seine Frau gerade wiedergewählt ist, antwortet er auf die Reporterfrage, ob er die Wahl seiner Ehefrau kommentieren wolle, nur trocken: „Ich sage wie immer nichts.“
Unten im Saal spielen sich schon vor der Sitzungseröffnung durch Schäuble um neun Uhr bemerkenswerte Szenen ab. Merkel, die im cremefarbenen Blazer mit schwarzer Hose erschienen ist, amüsiert sich in einer Frauenrunde mit ihrer alten und neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sowie Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Ex-Grünen-Chefin Claudia Roth. Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) bekommt ein Lächeln geschenkt. Der kommissarische SPD-Chef Olaf Scholz, Merkels neuer Vizekanzler, lässt sich derweil auf der Tribüne von Familienministerin Franziska Giffey (SPD), Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) – alle in Königsblau gekleidet – in die Mitte nehmen. Sie dürfen nicht im Plenarsaal sitzen, weil sie nicht Bundestagsabgeordnete sind.
Als Schäuble dann um 9.52 Uhr das Ergebnis für Merkel verkündet, macht sich Ernüchterung breit. Wie viele Abgeordnete der Koalition nicht für Merkel gestimmt haben, dürfte im Dunkeln bleiben: Die Wahl war geheim.
Genau um 10.59 Uhr überreicht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Kanzlerin im Schloss Bellevue die Ernennungsurkunde. Davor spricht er ein paar Minuten unter vier Augen mit ihr. Die beiden kennen sich gut. Möglich, dass dabei das knappe Wahlergebnis zur Sprache kommt. In seiner Rede bei der Ernennung der 15 Minister eineinhalb Stunden später geht der Bundespräsident darauf nicht ein. Die positive Stimmung soll nicht getrübt werden. Steinmeier hatte die SPD in Richtung Neuauflage der Großen Koalition gedrängt – und rechtfertigt dies in seiner Ansprache noch einmal. Aber er mahnt auch: „Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, wird ein schlichter Neuaufguss des Alten nicht genügen.“ Die Regierung sei gut beraten, gerade bei den alltäglichen Konflikten im Land „genau hinzuhören und hinzuschauen“. Dabei gehe es etwa um „Gerechtigkeitsfragen, Flüchtlingspolitik und Migration, Integration und Heimat“, sagte Steinmeier. „Über all das brauchen wir offene und ehrliche Debatten.“
Trotz des knappen Wahlausgangs spricht man in der Union von einem „ganz vernünftigen Ergebnis“. Doch nach den Verlusten der Union bei der Wahl und der internen Kritik an Merkels Wahlkampf ist es ein Signal, wenn dutzende Abgeordnete aus den eigenen Reihen der Kanzlerin die Stimme verweigern.
Als Schäuble die Zahl der Ja-Stimmen nennt, bleibt Merkel zunächst sitzen, nickt einmal auf ihre typische Art heftig mit dem Kopf. Ich habe verstanden, könnte das heißen. Die Unionsfraktion steht geschlossen auf und applaudiert, nicht euphorisch, aber auch nicht kurz. Bei der SPD bleiben sie sitzen, viele klatschen, darunter der unterlegene Schulz, aber längst nicht alle.