Der Minister und seine engsten Mitarbeiter

Söders leise Helfer im Hintergrund

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Neulich, beim Franken-Fasching in Veitshöchheim, legten die Komiker Markus Söder einen lustigen Satz über seine Mitarbeiter in den Mund. „Ich will keine Ja-Sager um mich herum haben. Wenn ich Nein sage, dürfen die auch Nein sagen.“ Das Publikum kicherte, der echte Söder lächelte nachgiebig. Mal wieder das Klischee vom Politiker bedient, der sich am liebsten mit Speichelleckern umgibt, Vasallen, die dem Herrn Staatsminister dreimal täglich die Lackschuhe wienern.

Die Realität ist anders. In der modernen Mediendemokratie kommt kaum noch ein Politiker nach oben, der sich nicht mit einem engen Kreis an Ratgebern und Kritikern umgibt, bedingungslos loyale Beamte, die hinter verschlossenen Türen Argumente wägen und Widerspruch wagen. Sobald eine solche Runde so abflacht, dass nur noch Ja-Sager das Ohr des Chefs finden, ist das der zentrale Schritt zu seinem Niedergang.

Solche Gespanne finden sich bei allen Spitzenpolitikern. Edmund Stoiber hatte seinen Zirkel (den Begriff „Küchenkabinett“ hassen sie alle) mit hohen Beamten wie Martin Neumeyer und Walter Schön; Angela Merkel hat ihre Beraterinnen Beate Baumann (seit 1995) und Eva Christiansen; Horst Seehofer ist selten ohne seinen Büroleiter und Parteisprecher Jürgen Fischer anzutreffen.

Söder hat seine Mannschaft gefunden, ein halbes Dutzend Leute, deren Namen höchstens tief im Politbetrieb ein Begriff sind. Im Kern sind das sein Büroleiter Gregor Biebl (50), Sprecherin Tanja Sterian (35), der Öffentlichkeitsarbeiter Stefan Feldmann (49), eine langjährige Sekretärin, zwei Fahrer. Keiner von ihnen drängt sich in den Vordergrund, allein den eigenen Namen in der Zeitung zu lesen, empfinden sie als sehr unangenehm. Das ist das krasse Gegenteil zum Politiker Söder, aber Teil des bayerischen Ministerialbeamten-Ethos: Ins Rampenlicht gehört der Minister, die Berater bleiben, möge ihre Macht auch noch so groß sein, im Schatten.

Wobei man sich die Schattenfiguren durchaus selbstbewusst vorstellen darf. Biebl entstammt einer stolzen Beamten- und Politikerfamilie: Der Vater war Generalstaatsanwalt, die Tante wurde 1974 Abgeordnete, was etwas heißt zu einer Zeit, als der Landtag sieben Prozent Frauenanteil hatte. „Er ist die zentrale Figur in Söders System“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Biebl begleitete Söder durch alle Ministerien, auch 2007 für ein Jahr in die Staatskanzlei, die den jungen Europaminister teils feindlich empfing. Söder spricht von ihm als „Stabschef“, ein Titel, den es im Weißen Haus gibt, im bayerischen Beamtenrecht eigentlich nicht.

Sterian, fast immer mindestens zwei Mobiltelefone in der Hand, regelt von Nürnberg aus die persönliche Pressearbeit Söders. Sie ist eine von drei ranggleichen Sprecherinnen des Ministeriums. Wenn aber ein Thema heikel oder sehr wichtig wird, ist seit vielen Jahren sie in seiner Nähe. Wenn es zu heikel wird, zaubern Söders Sprecher ihren Chef einfach weg – dann ist er unsichtbar, unerreichbar für Journalistenfragen. Für sein Umfeld bleibt er jede Sekunde greifbar. Sterian und Söder kommunizieren knapp – ein Blick, ein geraunter Satz, kurze SMS – aber pausenlos. Liest sie um 20:02 Uhr etwas Brisantes im E-Paper der morgigen Tageszeitung, weiß er es um 20:03 Uhr.

Die Runde wird mit ihm, davon ist auszugehen, heute in die Staatskanzlei umziehen. Zum engeren Zirkel gehört auch Amtschef Wolfgang Lazik. Der 61-Jährige ist der oberste Beamte und der administrative Kopf des Ministeriums, für Söder bereits im Umweltressort. Lazik, der schon für Gauweiler, Streibl, Stoiber arbeitete, wird den Zirkel allerdings Richtung Wirtschaft verlassen. Seine Rolle könnte Karolina Gernbauer übernehmen, die Amtschefin der Staatskanzlei – sie ist Seehofers rechte Hand, kennt Söder aber vom Umweltressort.

Die Aufgaben des Teams sind klar verteilt. Interessant: Weder ein Redenschreiber noch eine Art Chef-Ideengeber sind im engen Umfeld. Söder denkt sich seine Pläne selbst aus. Das meiste aus seinem Zehn-Punkte-Programm vom Januar, das seine ersten Amtsmonate bis zur Wahl im Oktober umreißt, hat er über Weihnachten selbst entworfen, ab und zu ein paar Parteifreunde eingebunden. Wichtige Reden – die in Banz, den Passauer Aschermittwoch und in Kürze die erste Regierungserklärung – formuliert er bis aufs Komma selbst, ein wildes Gekrakel in grüner Ministertinte. Aufgabe seiner Mitarbeiter: Ihm Ideen ausreden. Oder sie umsetzen, und zwar zügig.

Intern ist der Umgangston offen, per Du, Kritik erwünscht. „Man darf mir widersprechen. Jedes Argument wird gewogen“, sagt er. Söder fordert allerdings bedingungslosen Einsatz von seinem engsten Umfeld, dazu gute Nerven, Präzision und politisches Denken. Ehemalige Sprecher berichten von Anrufen um 7:30 Uhr, sonntags, und völligem Unverständnis, sollten sie zu dieser Zeit noch nicht die großen Sonntagszeitungen analysiert haben.

Über Söders schroffen Umgang mit Mitarbeitern kursieren aus früheren Jahren viele Anekdoten. Laute, und welche mit fliegenden Gegenständen. Im Umweltministerium sollen sie mal begonnen haben, Vorfälle zusammenzutragen, ein Anti-Söder-Dossier. Zur Wahrheit zählt: Einen zitablen Augenzeugen fand bisher keiner der Journalisten, und es suchten mehrere. Manches entpuppt sich als Legende. Der Glastisch im Umweltressort zum Beispiel soll wirklich ohne sein Zutun zerbrochen sein.

Die Mitarbeiter haben die Wahl: absolute Loyalität, dafür wird es mit diesem Chef nicht langweilig. Oder Flucht. Manche scheitern, mitunter nach wenigen Wochen. Eine zweistellige Zahl allein an Sprechern kamen und gingen in den vergangenen Jahren. Zuletzt kehrte Berater Michael Backhaus seiner B6-Stelle (9300 Euro Grundgehalt) im Finanzministerium den Rücken. Söder verliert aber, berichten Ehemalige, im Nachhinein kein schlechtes Wort über Mitarbeiter, kümmert sich mitunter persönlich um Ersatz-Jobs. „Die fallen weich“, heißt es.

Die Ministerkollegen verfolgen Söders Stab mit Neugier, manche mit Neid. Sie akzeptierten zum Teil Amtschefs, zu denen die Chemie nicht stimmt. Oder verheddern sich mit Organigrammen, in denen die wichtigsten Mitarbeiter hinter langen Weisungsketten verschwinden, statt unmittelbar dem Chef zugeordnet zu sein. Nicht mal Vize-Ministerpräsidentin Ilse Aigner gelang es, einen eingeschworenen, landespolitisch versierten Beraterstab um sich zu bilden. Ein anderer Minister leistet sich Pressesprecher, die ihn ab 17:30 Uhr nicht mehr erreichen können (oder wollen).

Für Söder wäre diese Vorstellung eher belastend.

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