Barbara Niese, 50, aus Schongau hat ihr Gehör als Vierjährige durch eine Hirnhautentzündung verloren. Seit 2014 assistiert sie Taubblinden.
Wieso sind Sie Taubblindenassistentin (TBA) geworden?
Ich arbeite in einem Konstruktionsbüro, wollte aber nebenher etwas Gutes und Spannendes tun. Etwas für andere Menschen. Bei mir in Schongau gibt es für Gehörlose aber wenig Möglichkeiten. Schon in meiner Schulzeit hatte ich mit Kindern zu tun, die taubblind waren. So entstand die Idee.
Kann jeder TBA werden?
Grundsätzlich ja. Man muss aber die Gebärdensprache und das Lormen beherrschen. Auch für die Führungstechnik und das empathische Verständnis ist die Ausbildung sehr hilfreich.
Wie schwer ist die Ausbildung zur Assistentin?
Sie dauert ein Jahr. Die Kurse fanden immer am Wochenende statt, dazu kamen 30 Stunden Praktikum. Man lernt unter anderem die Kommunikation mit taktilen Gebärden und mit Lormen und macht einige Selbsterfahrungsübungen. Zum Beispiel Frühstücken mit Augenbinde und Kopfhörer. Vor gut drei Jahren habe ich die Ausbildung mit fünf Prüfungen abgeschlossen.
Ist es für Ihre Tätigkeit ein Vor- oder Nachteil, dass Sie selbst gehörlos sind?
Weil ich nicht höre, sehe ich mit meinen Augen mehr als andere. Ich habe außerdem gelesen, dass gehörlose Assistenten besser beschreiben können als hörende. Ein Nachteil ist sicher, dass ich oft auch psychologisch helfen muss. Viele wollen auch über meinen Alltag mit mir sprechen. Es ist schwer, diese Aufgabe von meinem Privatleben zu trennen.
Wie unterstützen Sie Taubblinde im Alltag?
Ich gebe ihnen meine Augen und beschreibe die Welt mit Gebärdensprache und Lormen. Außerdem begleite ich Taubblinde dorthin, wo sie hinwollen. Etwa zweimal im Jahr begleite ich meine Klienten auch auf Reisen. Einmal im Monat besuche ich mit ihnen einen Gottesdienst.
Taubblindenassistenz ist kein anerkannter Beruf. Ärgert Sie das?
Ja, sehr. Es gibt nur eine geringe Aufwandsentschädigung. Davon kann niemand leben. Ich bin Mitglied im TBA-Verband, der seit zehn Jahren um Anerkennung des Berufs kämpft. Die Assistenz-arbeit ist abhängig vom Klienten oft sehr belastend, besonders auf Reisen. Das müsste viel mehr gewürdigt werden.
Interview: Katrin Woitsch