Rosenheim – Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass sich Rosi Lindner* das letzte Mal gesehen hat. Ihre Stimme hat sie noch nie gehört. Sie wurde taub geboren, als junge Frau erblindete sie. Seitdem lebt sie im Dunkeln und im Stillen. Sie sitzt im Dämmerlicht auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Rosenheim. An den Wänden hängen Bilder ihrer Familie. Auch wenn sie sie nicht sehen kann, es tut gut zu wissen, dass sie dort sind. Die 76-Jährige lebt von ihrer Fantasie – von den Bildern, die sie in ihrem Kopf entstehen lässt. Manchmal gelingt ihr ein Ausflug in die Welt der Hörenden und Sehenden. Doch jeder Ausflug beginnt mit einem Fax.
Es vibriert in Rosi Lindners Hosentasche – ihr Alarm. Er gibt ihr ein Signal, wenn es an der Tür klingelt. Oder wenn ein Fax ankommt. Konzentriert, aber zielstrebig geht sie zur Kommode. Zwei Schritte geradeaus, einer nach rechts. Sie tastet nach dem Papier, setzt sich an ihren Tisch. Darauf steht ein Monitor. Wenn sie ein Blatt Papier darunter schiebt, verwandelt er Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz.
Rosi Lindner besitzt noch zwei Prozent Sehfähigkeit. Das reicht, um hell und dunkel zu unterscheiden. Es reicht nicht, um ihre Wohnung allein zu verlassen. Es reicht nicht zum Lesen, zum Fernsehen oder zum Kochen. Es reicht nicht, um ihre Enkelin oder ihre Tochter zu sehen – sei es nur verschwommen. Es reicht nicht, um Gebärdensprache zu erkennen und sich zu verständigen. Doch diese zwei Prozent reichen, um mit der Welt in Kontakt zu bleiben. Etwas so Veraltetes wie ein Faxgerät ist Rosi Lindners Tor nach draußen.
Auf dem Bildschirm wenige Zentimeter vor ihren Augen erscheint weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund. Nur drei Zeilen: „Bin aus Südtirol zurück. Das Wetter ist schön heute. Hast du Lust?“ Rosi Lindner vergrößert die Schrift, bis nur noch wenige Buchstaben auf dem Bildschirm zu sehen sind. Langsam schiebt sie das Fax weiter, bis sie alles gelesen hat. Dann lächelt sie. Es ist eine Nachricht von Nikolaus Oppenrieder – einem ihrer wertvollsten Helfer. Es ist die Nachricht, auf die sie gewartet hatte.
Rosi Lindner leidet am Usher-Syndrom. Eine Erbkrankheit. Allein in Bayern sind hunderte Menschen daran erkrankt. Die meisten wurden gehörlos geboren, irgendwann kommt es zur Netzhautdegeneration. Zur Erblindung. Rosi Lindner hat nie gehört. Aber sie hatte ihr Leben im Griff, lernte die Gebärdensprache, wurde Schneiderin. Als sie 22 war, ließ ihre Sehkraft nach. Erst wurde ihr Sichtfeld kleiner, dann dunkler. Ein Augenarzt war es schließlich, der ihr erklärte, dass sie an einer Krankheit leidet. Er musste schon viele Patienten auf die Dunkelheit vorbereiten. Aber wie bereitet man einen Menschen auf die Isolation vor? Rosi Lindner brauchte ihre Augen nicht nur zum Sehen. Sie brauchte sie, um sich zu verständigen. Blindheit bedeutete für sie Einsamkeit. Ihre Angst war riesengroß, dann kamen die Depressionen.
Wie sie heute als 76-jährige Frau aussieht, kann Lindner nur ahnen. Sie weiß, dass sie die Haare kurz trägt, kann fühlen, dass die kleinen Falten um ihre Augen etwas tiefer geworden sind. Sie möchte gut aussehen. Deshalb macht sie jeden Tag zu Hause Sport auf ihrem Hometrainer. Ihre Tochter hat ihr die Kleidungsstücke im Schrank so sortiert, dass sie weiß, was farblich zusammenpasst. Sie trägt gerne Schmuck. Aber kein Parfüm. Zu intensive Gerüche sind anstrengend für sie. Nur Lavendelduft liebt sie. Sie ist schon so lange blind, dass sie nicht mehr in Bildern träumt. Es spielt für sie keine Rolle, wie die Menschen aussehen, die ihr begegnen.
Seit dem Tod ihres Mannes vor 13 Jahren lebt sie allein. Sie hatte ihn in einer Gehörlosengruppe kennengelernt. Die beiden bekamen eine gesunde Tochter. Solange Rosi Lindner ihren Mann hatte, war alles einfacher. Er war ihre Augen. Und er konnte lormen – das ist eine Verständigungsart für Taubblinde. Den Handpartien sind Buchstaben zugeordnet, Worte werden Buchstabe für Buchstabe in die Hand getippt. Es ist anstrengend, kostet viel Konzentration. Seit ihr Mann nicht mehr lebt, gibt es Tage, an denen Rosi Lindner ganz allein ist in ihrer stillen, dunklen Welt. Ihre Tochter ist berufstätig, kommt sie aber besuchen, sooft sie kann. Auch sie kann lormen. Und sie hilft ihr im Haushalt. Das Mittagessen wird der 76-Jährigen von einem Hilfsdienst gebracht. Allein vor die Tür gehen kann sie nicht. Rosi Lindner ist nicht hilflos – aber sie braucht Hilfe, um am Leben teilzunehmen.
Diese Hilfe für Taubblinde ist in Deutschland noch keine Selbstverständlichkeit. Es gibt rund 200 ausgebildete Taubblindenassistenten, doch deren Bezahlung ist nicht gesetzlich geregelt. Die meisten arbeiten ehrenamtlich oder auf Honorarbasis. Die Kosten werden nur übernommen, wenn die unterstützte Person kein oder nur ein geringes Einkommen hat. Schweden und Finnland sind viel weiter – dort hat jeder Taubblinde ein Recht auf eine Assistenz im Alltag.
Britta Achterkamp hofft, dass sich die Situation für Taubblinde bald verbessern wird. Sie ist die Leiterin des Fachdienstes ITM, der die Integration taubblinder Menschen verbessern will. Er vermittelt Assistenten, berät Betroffene und Angehörige, besucht Taubblinde und organisiert für sie Treffen oder Ausflüge. „Aber für viele Taubblinde ist die Teilnahme nur möglich, wenn sie einen Fahrdienst haben.“ Die Arbeit des Fachdienstes ist ein Anfang – aber sie erreicht längst nicht alle, die einsam in ihren Wohnungen leben. „Taubblindheit war lange gar kein Thema in unserer Gesellschaft“, sagt Achterkamp. „Erst seit einigen Jahren bekommt es mehr Aufmerksamkeit.“
Das Bundesteilhabegesetz hat die Situation 2017 für viele Betroffene etwas verbessert. Taubblindheit ist seitdem ein eigenes Kennzeichen im Schwerbehindertenausweis, auch die Qualifizierung der Dolmetscher wird nun gefördert. Aktuell wird im Bundessozialministerium diskutiert, ob Taubblinde ein Recht auf eine Assistenz für 20 Stunden pro Woche bekommen. „Das wäre eine enorme Verbesserung“, sagt Achterkamp. Rosi Lindner würde sich das sehr wünschen. Um etwas unternehmen zu können – wandern oder vielleicht schwimmen. An den Tagen, an denen ihre Tochter nicht bei ihr sein kann, wäre sie schon glücklich, wenn sie jemanden hätte, mit dem sie sich unterhalten kann.
Aber sie hat jemanden, der sehr wertvoll für sie ist: Nikolaus Oppenrieder. Der 63-Jährige hat über die Nachbarschaftshilfe von Rosi Lindner erfahren. Kontakt mit Taubblinden hatte er nie – Hemmungen aber auch nicht. Es gab ein Treffen, bei dem auch Rosi Lindners Tochter dabei war. Schon die Woche danach hat er das erste Fax geschrieben. „Könnte dich heute abholen für einen Spaziergang.“ Die Antwort kam schnell: „Ich freue mich, komm um 10.“ Fünf Jahre ist das her. Seitdem gehen die beiden mindestens einmal in der Woche spazieren. Immer ohne zu sprechen, denn Oppenrieder kann nicht lormen. Rosi Lindner hakt sich bei ihm ein. Anfangs schrieb er ihr nach jedem Ausflug ein Fax und erzählte ihr, wo sie entlanggelaufen waren. Bald merkte er, dass das für Rosi Lindner keine Rolle spielt. Ihr geht es darum, die Welt zu riechen und zu spüren.
Die Bekanntschaft mit Rosi Lindner ist für Nikolaus Oppenrieder eine Bereicherung. Für die 76-Jährige ist es viel mehr. Er ist ihre Brücke in die Welt. „Ich sehe ihr an, wie gut ihr das Spazierengehen tut“, sagt er. Er hat es zwar noch nie gesehen, aber er ist sich sicher, dass sie lächelt – jedes Mal, wenn ein Fax bei ihr ankommt. *Name geändert