München – Der Mann hinter dem Wandel hat viele Namen, neuerdings nennen sie ihn Mr. Everything, den Prinzen für alles. Für so einen Spitznamen braucht man sich nicht zu schämen, aber er deutet schon auch darauf hin, wie die Saudis ihren Kronprinzen erleben: als Getriebenen. Mohammed bin Salman scheint sich daran nicht zu stören, er kennt sich selbst ja am besten. „Ich befürchte, dass ich sterbe, ohne das erreicht zu haben, was ich beabsichtigt hatte“, sagte er vor einiger Zeit. „Deswegen muss ich mich so beeilen.“
Gerade mal 32 Jahre alt, gilt „MbS“ längst als mächtigste Figur seines Landes. Sein Vater, König Salman, machte ihn 2015 zum Kronprinzen. Seither krempelt er das vom ultrareligiösen Wahabismus geprägte Königreich so schnell um, dass es Traditionalisten im Land schwindelig wird.
Das zeigt sich am deutlichsten dort, wo die Saudis bislang besonders reaktionär waren: bei den Frauen des Landes. Seit Kurzem dürfen sie Auto fahren, arbeiten, ins Stadion und zu Konzerten gehen. Als vergangene Woche der ägyptische Popstar Tamer Hosny in der Stadt Dschiddah auftrat, kamen tausende weibliche Fans, zeigten sich teils ohne Kopftuch und lächelten in ihre Smartphones. Zwar herrschte striktes Tanzverbot. Aber verglichen mit 2012, als Frauen aus religiösen Gründen aus dem saudischen Ikea-Katalog retuschiert wurden, ist so ein Verbot eine Kleinigkeit.
Saudi-Arabien wandelt sich – zumindest vorsichtig und angeschubst vom rührigen Kronprinzen. Dahinter steckt nicht zuletzt ein gesellschaftlicher Druck, der stärker wird. Etwa 70 Prozent der gut 32 Millionen Menschen im Land sind unter 30, viele von ihnen – Männer wie Frauen – haben im westlichen Ausland studiert. „Diesen Leuten kann man nicht mehr verbieten, ins Kino zu gehen“, sagt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). „Bin Salman hat das verstanden – und ist deshalb unter den jungen Leuten ziemlich populär.“
Zum gesellschaftlichen kommt auch ein wirtschaftlicher Druck. Denn die Saudis haben längst begriffen, dass ihre Zukunft nicht nur mit Öl zu machen ist. Bin Salman hat deshalb gewaltige Wirtschaftsreformen angestoßen und sie in die etwas fade Formel „Vision 2030“ gegossen. Ausländische Investoren sollen angelockt werden, die brauchen Arbeitskräfte – und zwar möglichst mobile. Kurz gesagt: Dass Frauen nun Auto fahren dürfen, hat auch ökonomische Gründe.
Im Moment befindet sich der Prinz in den USA und es ist wohl kein Zufall, dass er gerade hier die jüngste kleine Überraschungsbombe platzen ließ. In einem am Montag veröffentlichten Interview mit dem US-Magazin „The Atlantic“ sprach er sich ausdrücklich für das Recht Israels auf ein eigenes Land aus. „Ich glaube, dass jedes Volk, überall, das Recht hat, in einem friedlichen Staat zu leben“, sagte er. Das gelte für Palästinenser und Israelis gleichermaßen. Deshalb brauche es ein Friedensabkommen. Denn im Frieden könne man besser auf gemeinsame wirtschaftliche Interessen schauen.
Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil Saudi-Arabien keine diplomatischen Beziehungen zu Israel pflegt und beide Länder ideologisch wie Feuer und Wasser sind. Die Reaktionen fallen entsprechend positiv aus. Der Prinz habe eine „sehr vernünftige Position“, sagte der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Hellmut Königshaus, auch wenn er glaube, dass die saudische Gesellschaft „noch nicht ganz so weit“ sei. Und der Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johann David Wadepuhl, sprach von einer „mutigen Initiative“.
Allerdings nähern sich Saudi-Arabien und Israel schon seit einiger Zeit an. Ihre Geheimdienste tauschen Informationen aus, ranghohe Militärs wie der israelische Generalstabschef Gadi Eisenkot werben offen für eine Zusammenarbeit. Und als US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, kam ausgerechnet aus Riad keine kritische Reaktion. Es ist nicht so, dass beide Länder auf einmal große Sympathien füreinander entdeckt hätten. Aber sie haben einen gemeinsamen Feind: den Iran.
Hier beginnt die Kehrseite des saudi-arabischen Wandels: Unter Mohammed bin Salman, der auch Verteidigungsminister ist, hat die Außenpolitik des Landes zunehmend aggressive Züge angenommen. „MbS verfolgt eine sehr klare Anti-Iran-Strategie“, sagt Islamwissenschaftler Sons. „Und er braucht einen Akteur in der Nachbarschaft, der ihm dabei hilft.“ Vor allem jetzt, da sich die USA aus der Region zurückziehen wollen.
Tatsächlich hat der schiitisch geprägte Iran seinen Einfluss in der Region in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Den sunnitischen Saudis passt das schon aus religiösen Gründen nicht. Vor allem fürchten sie aber, der Iran könnte zur stärksten Macht der Region werden und seinen Einfluss über den Irak und Syrien bis in den Libanon festigen. „Prinz Salman sieht das zu Recht kritisch“, sagt Sebastian Sons. „Aber er tut nichts, um das Verhältnis zu stabilisieren. Im Gegenteil.“
Es ist schwer zu sagen, wer der größere Aggressor ist. Unter dem Konflikt haben ohnehin andere zu leiden: nämlich vor allem die Menschen im Jemen. Der Iran und Saudi-Arabien liefern sich hier seit fast drei Jahren einen Stellvertreterkrieg, in dem die eine Seite die schiitischen Huthi-Rebellen unterstützt, während die andere Seite genau jene Rebellen bombardiert. Inzwischen sind 18 Millionen Menschen in dem bettelarmen Land auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Der Regionaldirektor des UN-Welternährungsprogramms, Muhannad Hadi, erklärte erst gestern, er erlebe ein „nie da gewesenes Ausmaß von Leid und Hunger“.
Bin Salmans Strategie hat bisher nicht zur Schwächung der Huthis geführt. Stattdessen feuern sie immer wieder Raketen Richtung Riad, was wiederum die saudische Bevölkerung trifft. Experten halten die Außenpolitik des Kronprinzen, der auch erfolglos gegen Katar und den Libanon stichelt, daher für gescheitert. Was den Jemen betrifft, spricht man in Saudi-Arabien schon vom „saudischen Vietnam“ – ein teures, nicht enden wollendes Unglück.
Solche Kritik wird nicht offen, sondern hinter vorgehaltener Hand geäußert. Denn der neue starke Mann im Land hat nicht nur politische Konkurrenten aus der eigenen Königsfamilie verhaften lassen, sondern geht auch mit Andersdenkenden rigoros um. „Um die Redefreiheit steht es schlecht in Saudi-Arabien“, sagt Sebastian Sons, der vor einigen Wochen selbst dort war. Wissenschaftler wie Journalisten sagten ihm, dass sie bald keinen anderen Weg mehr sähen als die Flucht.
Aggressor nach außen, Reformer nach innen. Der Wandel in Saudi-Arabien hat zwei Seiten – und beide tragen den Namen des jungen Kronprinzen. Noch kann er sich im Angesicht des großen Feindes Iran als starker Führer gerieren und die Bevölkerung hinter sich versammeln. Kleiner Nebeneffekt: Große politische Reformen sind in dieser Stimmungslage nicht nötig.
Der Prinz hat auch keine geplant, jedenfalls wehrt er im „Atlantic“-Interview ab. Demokratie sei nur der amerikanische Weg, Redefreiheit oder Frauenrechte zu stärken. Der saudische Weg sei ein anderer.