Der S-Bahn-Gipfel

„Wir quetschen das Letzte raus“

von Redaktion

von Josef Ametsbichler (Text) und Marcus Schlaf (Fotos)

München – Es gibt Sätze, die einen wurmen, kaum dass man sie gesagt hat. „Das System funktioniert unter den gegebenen Rahmenbedingungen optimal“, das ist so einer – jedenfalls, wenn er vom Chef der Münchner S-Bahn stammt. Für diese ungewollte Pointe erntete Heiko Büttner Gelächter und verärgerte Zwischenrufe aus dem Publikum. Bei den S-Bahn-Fahrgästen unter unseren Lesern hat sich einiges an Redebedarf angestaut, das war beim S-Bahn-Gipfel am Donnerstag zu spüren.

In einem Punkt immerhin waren sich die Diskutanten und die 200 Besucher in München einig: Das Netz ist am Limit. Bis zu 840 000 Fahrgäste pro Tag sind ein Vielfaches dessen, was die Planer damals, vor Olympia 1972, im Sinn hatten. Seitdem ist zu wenig passiert, sagt auch Heiko Büttner: „Wir haben ein großes strukturelles Defizit.“ Die Lage sei so, als ob in München-Riem das Passagieraufkommen des heutigen Flughafens „Franz Josef Strauß“ abgefertigt würde: Das S-Bahn-Netz ist zu alt und zu eng für das, was es leisten muss.

Keine Aussicht auf Verbesserung? Das wollen die Verantwortlichen so nicht stehen lassen. Die zweite Stammstrecke, die 2026 eröffnet werden soll, und deren Sinn aus dem Publikum immer wieder bezweifelt wurde, „ist der größte Quantensprung seit Inbetriebnahme der S-Bahn“ – das sagte Johann Niggl, Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG). Er sprang Büttner bei der Diskussion öfter bei. Mehr Züge, mehr Gleise: Pünktlicher und weniger anfällig für Störungen werde das Netz. Die Jahre bis dahin müsse man überstehen, sagte Niggl: „Wir quetschen das Letzte aus der vorhandenen Infrastruktur raus.“

Der Applaus für Büttner und Niggl war dünn gesät – die Sympathien des Publikums lagen eher bei ihren Kritikern auf dem Podium. Günter Heyland (FW), Bürgermeister der S7-Anliegergemeinde Neubiberg (Kreis München), plädierte energisch für einen schnelleren Ausbau der Außenäste. 31 Prozent der S-Bahn-Strecke sei nur eingleisig, ungefähr ein Drittel müsse einen Mischbetrieb mit Regionalzügen und Güterverkehr aushalten. „Das Fass ist voll“, sagte Heyland. Die Ausbaumaßnahmen kämen zu spät, die Planung laufe regelmäßig an den betroffenen Gemeinden vorbei.

Ähnlich argumentierte auch der Münchner Verkehrsplaner Thomas Kantke, Kritiker der zweiten Stammstrecke. „Das große Wachstum findet an den Außenästen statt“, sagte er. Der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs in der Innenstadt liege bei 90 Prozent, „der Markt ist gesättigt“. Dringlicher als die zweite Stammstrecke seien die Trennung des S-Bahn-Verkehrs von den Regional- und Güterzügen sowie die Versorgung der Außenäste mit einem flächendeckenden Zehn-Minuten-Takt. „Es ist nicht zulässig, mit der teuersten Maßnahme zu beginnen“, sagte Kantke.

Ums Finanzielle drehte sich die Diskussion immer wieder. „Es fehlt an Geld vom Bund im kompletten System“, beklagte BEG-Geschäftsführer Niggl. Frank Kutzner vom Verkehrsministerium und Bernd Pfeiffer, der bei der DB Netz in München für Großprojekte zuständig, schalteten sich immer wieder in die Diskussion ein. Sie warben angesichts zahlreicher Fragen aus dem Publikum zu langwierigen Ausbau-Diskussionen und maroder Infrastruktur um Verständnis für komplexe Planungsverfahren und gedeckelte Finanztöpfe. „Wir tun unser Möglichstes“, sagte Pfeiffer.

Ausbau von Gleisen und Bahnhöfen, Instandhaltungsarbeiten, Bedarf an Zügen und der Tunnelbau in der Innenstadt: „Lächerlich“ nannte Neubibergs Bürgermeister Heyland die für die kommenden 15 Jahre veranschlagten sechs Milliarden Euro Ausbaugelder – die Mittel für die zweite Stammstrecke bereits eingerechnet – und nahm, den Applaus des Publikums im Rücken, die Gemeinsamkeiten der Podiumsteilnehmer ins Visier: Wenn es an Geld vom Bund fehle, müsse man gemeinsam dort Einfluss nehmen, um mehr Baustellen gleichzeitig in Angriff zu nehmen. „Dieses Nacheinander bricht uns sonst das Genick.“

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