Washington/Damaskus – Es ist 21 Uhr in Washington, als ein entschlossen wirkender Donald Trump seine Begründung dafür verliest, warum die USA zur Stunde Angriffe auf Syrien begonnen haben – gemeinsam mit Frankreich und mit Großbritannien.
Trump schlägt einen großen Bogen, seine Worte sind markig. Bis zu den Giftgas-Gräueln des Ersten Weltkriegs geht er zurück, um den Militärschlag auf Syriens Chemiewaffen-Infrastruktur zu rechtfertigen. Präsident Baschar al-Assad sei kein Mensch, er sei ein „Monster“, sagt er. Dass Assad in Duma chemische Waffen eingesetzt habe, stelle eine signifikante Eskalation dar. Der Angriff sei „teuflisch und verabscheuungswürdig“ gewesen. Mütter, Väter, Säuglinge und Kinder hätten vor Schmerz um sich geschlagen und nach Luft geschnappt.
Auch Frankreich und Großbritannien suchen klare Worte: Die Angriffe seien ein starkes Signal für alle, die auch nur an Chemiewaffen dächten. „Die rote Linie ist überschritten“, sagt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Russland, seit Jahren Assads Schutzmacht, bezweifelt, dass es den Angriff überhaupt gab und spricht von einer Inszenierung.
Trotz aller harschen Rhetorik der USA ist der Angriff begrenzt. Trump wiederholt in seiner Rede sein Mantra, dass er sich im Nahen Osten eigentlich raushalten will. Man mache sich keine Illusionen. Amerika könne die Welt nicht vom Bösen befreien.
Die Angriffe richten sich ausschließlich gegen Einrichtungen, die nach Darstellung der USA mit Chemiewaffen in Verbindung gebracht werden (siehe Kasten). Sie zielen nicht auf einen Umsturz der Regierung. Und: Um Stellungen mit russischen Soldaten machen die Streitkräfte der drei Länder einen Bogen.
Der Militärschlag dauert auch nicht lange. Eine Stunde nach Trumps Ansprache tritt Verteidigungsminister James Mattis im Pentagon vor die Kameras und erklärt, der Einsatz sei beendet. Das Pentagon nennt als Ziele eine Forschungseinrichtung und zwei Lagerstätten. Eines der Depots soll auch eine Kommandozentrale gewesen sein.
Schnell nach Beginn der Angriffe verbreitet die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana Meldungen, dass zahlreiche Raketen der „feindlichen Aggression“ abgeschossen worden seien. Russland erklärt, dass der Großteil abgefangen wurde. Die USA widersprechen. Alle Geschosse hätten ihr Ziel erreicht, sagt der Leiter des Generalstabs des US-Militärs, Kenneth F. McKenzie. Überprüfen lässt sich das zunächst nicht.
Die syrische Regierung gibt sich unbeugsam. Ein kurzes Video des Präsidentenbüros vom Morgen zeigt Assad, der mit Aktentasche in der Hand unter Vogelgezwitscher den Präsidentenpalast betritt. Der Titel des Videos: „(Guten) Morgen der Standhaftigkeit“. Keine großen Worte oder Gesten. Die Botschaft: Es ist ein Tag wie jeder andere, wir sind nicht beeindruckt.
So sehen das auch viele in der Hauptstadt Damaskus – jedenfalls wenn man den Bildern syrischer Regierungskanäle glaubt. Sie zeigen, wie Menschen auf die Straße ziehen, um den Widerstand zu feiern. Jubelnd schwenken sie syrische Fahnen.
Rhetorisch zeigt sich die syrische Regierung dagegen aggressiv. Sie spricht von einer „Achse zur Unterstützung des Terrors“, die mit dem Angriff gegen internationales Recht verstoßen habe. Auch Russland verurteilt den Angriff. Präsident Wladimir Putin wirft den USA vor, die humanitäre Situation zu verschlimmern. „Sie begünstigen Terroristen, die das syrische Volk schon seit sieben Jahren quälen, und provozieren eine neue Flüchtlingswelle aus dem Land und der ganzen Region.“ Immerhin: Militärische Gegenmaßnahmen Moskaus gibt es nicht. Nach Darstellung der US-Seite kam es auch nicht zu einem Einsatz des russischen Luftabwehrsystems.
Schon vor einem Jahr hatten die USA Syriens Regierung angegriffen. Nach dem verheerenden Giftgasangriff auf die Stadt Chan Scheichung mit mehr als 80 Toten bombardierten sie den Militärflughafen Al-Schairat. Auch das sollte eine Botschaft an Assad sein. Beobachter hofften, der Angriff könnte in Syrien eine neue Dynamik entfachen, die die syrische Regierung stärker in Schach halten könnte. Tatsächlich aber hatte der Angriff praktisch keine Auswirkungen auf den Bürgerkrieg.
Auch der Angriff in der Nacht zu Samstag scheint eine weitgehend symbolische Bedeutung zu haben. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass er aufseiten der USA das Ergebnis einer größeren Strategie für Syrien ist.
Trumps Politik in Bezug auf das Bürgerkriegsland steckt voller Widersprüche. Er prangert die Unmenschlichkeit der syrischen Regierung an, aber seine Regierung tut wenig, um das Leid der Menschen zu lindern. Das Außenministerium fror kürzlich gut 200 Millionen Dollar für den Wiederaufbau Syriens ein. In den vergangenen fünf Monaten nahmen die USA gerade einmal elf syrische Flüchtlinge auf.
Für Trump ist die Rede an die Nation das Ende einer krassen Woche. Ermittlungen gegen seinen persönlichen Anwalt Michael Cohen setzen ihm zu, die Auseinandersetzung mit Ex-FBI-Chef James Comey hatte das Niveau einer Wirtshausschlägerei. Syrien, so wird berichtet, sei einer der wenigen roten Fäden in diesen neuen Chaostagen des Präsidenten gewesen, Trump habe sich hier ungewöhnlich persönlich engagiert.
Dabei waren die Befürchtungen groß, Trumps kurze Lunte am Pulverfass Nahost würde eine schwere Eskalation bringen. Das „Wall Street Journal“ hatte am Freitag berichtet, Trump habe seine militärischen Berater zu einem harten Schlag gedrängt, der nicht nur die syrische Regierung treffe, sondern auch Russland und den Iran. Danach war auch Trumps neuer Sicherheitsberater John Bolton für einen „verheerenden Schlag“ gegen Assad. Offenbar konnte sich am Ende Verteidigungsminister James Mattis durchsetzen, der vor allem eine Konfrontation mit Russland fürchtete.
Trump lobt den Angriff am nächsten Tag, nennt ihn auf Twitter einen „perfekt ausgeführten Schlag“. Er dankt Frankreich und Großbritannien und fügt ein „Mission accomplished“ hinzu – „Mission erfüllt“. Das weckt Erinnerungen an George W. Bush, der 2003 unter einem Banner mit eben jenem Slogan erklärte, die großen Kampfhandlungen im Irak seien beendet. Tatsächlich dauerte der Krieg dort noch mehrere Jahre.