Lahm: Darum verdient Deutschland die EM 2024

von Redaktion

Der Fußball-Star über die Bewerbung um das Turnier, Impulse für Europa, Risse in der Gesellschaft und Sehnsüchte

München – Deutschland soll ein neues Sommermärchen erleben. Gestern reichte der Deutsche Fußball-Bund in Nyon (Schweiz) seine Bewerbungsunterlagen zur Ausrichtung der EM 2024 ein. Am 27. September wird entschieden, ob man den Zuschlag erhält. Auch München wäre als Gastgeber von Spielen vorgesehen. Einziger Mitbewerber ist die Türkei. Philipp Lahm, langjähriger Kapitän des FC Bayern und DFB-Ehrenspielführer, ist das Gesicht der Bewerbung. Der Botschafter für die EM 2024 erklärt in unserem Interview, warum eine EM in Deutschland gesellschaftspolitische Impulse in ganz Europa geben kann.

-Herr Lahm, Sie wurden EM-Botschafter, weil Ihre Erinnerungen an die WM 2006 so intensiv sind. Abgesehen von Toren wie Ihrem 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica – was blieb am meisten hängen?

Die WM 2006 hat meine Sicht auf den Fußball verändert. Ich habe gesehen, welche Bedeutung der Fußball für die Menschen in Deutschland hat. Es war für mich unfassbar, wie viele Menschen an den Straßen die Mannschaften unterstützt haben und wie sie gefeiert haben. Diese Begeisterung war für mich der Anlass, dass ich ein Jahr später nach Südafrika gereist bin. Ich wollte damals das Land kennenlernen, das die nächste WM ausrichten sollte. Danach habe ich auch meine Stiftung gegründet – ich will etwas zurückgeben.

-Ist es 2024 möglich, in Deutschland wieder so eine Stimmung zu erzielen?

Ja, weil sich Deutschland wieder nach einem Fußballfest sehnt, nach einem Moment, in dem unser Land wieder den Zusammenhalt spürt. Fußball ist eine gute Gelegenheit, dass man deutlich sieht, dass Europa in Deutschland zu Gast ist. Wir lernen uns kennen, begrüßen unterschiedliche Nationen und Völker in Deutschland. Das ist identitätsstiftend und ein Impuls für die Menschen, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Fußball sorgt für unvergessliche Gemeinschaftserlebnisse, und wir brauchen diese Erlebnisse – in Deutschland wie in Europa.

-Wie hat sich Ihr Bild von Deutschland geändert? Nehmen wir drei Anhaltspunkte: Die Situation 2006 vor und nach der WM, dazu Deutschland im April 2018.

Die Jahre gleichen sich ein wenig. Auseinandersetzung und Aggressivität spielen im Leben immer eine Rolle. Auch eine demokratische Gesellschaft entwickelt sich nicht kontinuierlich. Im Kleinen und Großen bietet Sport die Möglichkeit, Turniere zu veranstalten. Sportlicher Wettkampf setzt Emotionen frei, er macht Menschen für einen Moment gleich. Das gibt die Chance zur positiven Veränderung.

-Welche Vision haben Sie von Deutschland 2024?

Erhalten wir den Zuschlag für diese EM, kann Deutschland in Europa einen Impuls setzen. Was eine Mannschaft und eine Gesellschaft zusammenhält, ist nicht Konkurrenz, sondern Kooperation, Wettstreit unter klaren Regeln und Fairplay. Deutschland kämpft für ein demokratisch vereintes Europa und ist sich seiner Verantwortung vor diesem Hintergrund durchaus bewusst.

-Bei einem Rückblick sagten Sie mal, 1990 habe man Spielern mit den Namen Lothar und Jürgen zugejubelt, nun heißen sie Jerome und Mesut – ist die integrative Kraft des Fußballs in der heutigen Zeit, in Zukunft, wichtiger denn je?

Meiner Meinung nach gibt es keine kontinuierliche Entwicklung in der Gesellschaft zu besser und besser – man muss kontinuierlich daran arbeiten, dass sich die Menschen verstehen und aufeinander zugehen. Fußball stärkt die Bereitschaft zur Kooperation, weil man sie dort erlebt. Miteinander zu kooperieren ist die wichtigste Kompetenz, um sich weiterzuentwickeln. Auch wenn es nicht leicht ist, unterschiedliche Kulturen, Mentalitäten, Eigenschaften von Menschen zu verbinden, spielt Kooperation eine immer wichtigere Rolle.

-Sie haben in Ihrer Karriere diese Kraft erlebt und bezeichnen sich als weltoffenen Menschen, der sich einen offenen Blick auf Europa bewahrt – wie groß ist Ihre Sorge, wenn Sie die aktuellen politischen Bewegungen sehen, in Deutschland wie in den Nachbarstaaten?

Ich bin in erster Linie ein Mensch, der froh ist, in einem demokratischen, rechtsstaatlichen Land zu leben. Meine Sorge ist, dass sich Deutschland und Europa durch die massiven Ereignisse und schlechten Lebensbedingungen im Nahen Osten und in Afrika zu schnell verändern. Es ist Aufgabe der Politik, mit diesen Entwicklungen umzugehen. Ich glaube aber, dass sich mit der Ausrichtung der EM 2024 in Deutschland die Möglichkeit ergibt, auf diese Veränderung hinzuweisen und die Menschen mitzunehmen.

-„Deutschland kann einen Impuls setzen“, sagen Sie – das impliziert, dass so ein Impuls nötig ist.

Im Augenblick ist es schön, Europäer zu sein. Es gibt eine Menge Unsicherheit, aber dennoch ist es so, dass die Mobilität heutzutage es erleichtert, sich Europa anzuschauen – die Grenzen sind verschwunden, und wir haben das Privileg, uns all diese Städte wie London, Paris, Mailand, Rom, Madrid, aber auch Kiew anzuschauen – oder jetzt nach Moskau zu fahren. Damit begegnet man sich und lernt die Menschen und ihre Lebensumstände kennen. Nur: So etwas braucht natürlich Zeit.

-Kofi Anan sagte nach der WM 2006, das deutsche Volk habe gezeigt, dass es „glücklich und vereint ist“ – hat diese Anschauung noch Bestand oder zeigen sich gesellschaftliche Risse?

Es ist eine Außenansicht von Kofi Anan, wie er Deutschland während der WM 2006 gesehen hat. Das Turnier hat bestimmt positive Wirkung erzielt. Das ist sicher nicht für immer. Ich glaube daran, dass man Initiative, Mut und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen muss. So eine Großveranstaltung kann dafür benutzt werden, Initiativen zu entwickeln, Vereinsleben und Ehrenamt zu stärken. Man sollte den Wert der Menschen sichtbar machen, die der Jugend im Sport Regeln, Freude und Spaß vermitteln. Das hilft vielleicht, Risse in der Gesellschaft zu verhindern.

-Muss Deutschland wieder mehr zusammenwachsen – hilft da eine EM?

Natürlich setzt die EM einen Impuls. Das Stadion ist nach wie vor der einzige Ort, an dem zumindest für 90 Minuten ein Vorstandsvorsitzender und ein Arbeiter in ihrer Freizeit das gleiche Interesse hegen. Man feiert ein Fest, erlebt Zusammenhalt. Das stärkt Identität.

-Sie kommen aus dem Vereinsleben, haben als Kind bei der FT Gern gesehen, wie ein Großereignis bis in die Basis hinein wirkt – besteht da auch eine Notwendigkeit, der Infrastruktur und der Gesellschaft neue Impulse zu geben?

Das ist immer notwendig, das weiß jeder, der sich im Vereinsleben engagiert – irgendwann ist das Vereinsheim, der Platz oder die Kabine in einem Zustand, dass man sie nicht mehr als attraktiv bezeichnen kann. Das gilt im Kleinen wie im Großen: Ein neuer Platz, neue Sitzreihen oder ein neuer Rasenmäher – das hält die Mitglieder zusammen und sorgt dafür, dass sie gerne im Verein sind. Und im Großen ist es genauso: Der Komfort, die Sicherheit und Architektur oder die Logistik im Stadion. Wir müssen uns einen Ruck geben und sagen: „Auf geht’s, Deutschland!“ Wir sorgen dafür, dass Europa und die Welt gerne zu uns kommen, und sagen: „Hier feiern wir ein unvergessliches Fußballfest!“

-Für welche Werte stehen Sie als Botschafter?

Für die, für die ich immer gestanden habe und für die ich stehen will: Ich komme aus dem Fußball, habe dort Fairness, Respekt und Disziplin erlebt. Ich werde keine Grenzen überschreiten. Erfolg stärkt einen nur, wenn man Regeln einhält. Ich habe in einer Mannschaft gespielt, in der viele Spieler einen Migrationshintergrund hatten. Deutschland überzeugt durch seine Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Mentalitäten oder Sprachen. Das möchte ich auch.

-Wie steht es um Transparenz? Spüren Sie eine Vorbelastung durch den Skandal im Nachgang von 2006? Können Sie gewährleisten, dass jetzt beim Stimmenfang alles mit rechten Dingen zugeht?

Ich kann das für mich. Der DFB arbeitet bei der Bewerbung mit Transparency International Deutschland e. V. im Sinne eines integrierten Compliance-Konzeptes. Wir haben uns viele Regeln gegeben, nach denen wir arbeiten – zum Beispiel einen Ethik Code, Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten oder Vorgaben zu Einladungen, Geschenken und anderen Zuwendungen. Alle Stufen des Bewerbungsverfahrens sind öffentlich einsehbar. Und ich unternehme nichts, was Grenzen verletzt.

-Ist das Wort „Sommermärchen“ noch tragbar, darf man es im Zuge einer Neuauflage 2024 nennen?

Der Begriff steht für eine unbefangene, lockere Zeit, in der noch dazu vier Wochen die Sonne schien. Deutschland feierte ein Fußballfest mit spannenden Fußballspielen. Das weckte Begeisterung und war sicher ein Sommermärchen. In Misskredit sind hingegen der Bewerbungsprozess und die Integrität der Institutionen FIFA und DFB geraten. Durch dieses Fehlverhalten ist Glaubwürdigkeit verloren gegangen, und der Wert von gesellschaftlichen Großveranstaltungen ist dadurch beschädigt. Aber das Erlebnis WM ist geblieben.

-Die Türkei ist ebenfalls zuversichtlich. Doch die politischen Verhältnisse sind bedenklich, Terroranschläge erschüttern das Land – niemand weiß, wie sich die Türkei in den kommenden sechs Jahren entwickelt. Kann man so einem Land die EM anvertrauen?

Das ist nicht die Frage, die sich aus Deutschland heraus stellt. Als DFB sollten wir uns die Frage stellen: Was kann so ein Turnier für Deutschland und Europa bewirken, und wie wollen wir unsere Rolle als freies, demokratisches Land in Europa wahrnehmen? Und das sind nun mal die Einhaltung der demokratischen Grundrechte des Einzelnen wie Meinungsfreiheit, Gleichheit, Respekt und Toleranz gegenüber dem anderen. Es leben viele türkischstämmige Menschen in Deutschland. Sie haben sicherlich auch große Freude, wenn die EM in Deutschland stattfindet.

-Sehen Sie sich auf den Spuren von Franz Beckenbauer bei der WM 2006 – als zentrale Figur der Bewerbung? Und haben Sie Sorge, in einen ähnlichen Sog wie er im Nachgang hineingezogen zu werden?

Ich habe diese Sorge nicht, denn es gibt keinen Sog.

-Sind Sie nun auf dem Weg in die Sportpolitik – ist das Ihre Zukunft oder ein Gastspiel?

Mein Leben hört mit 34 nicht auf. Ich werde weiter an mir arbeiten, und ich werde mich weiter für das Leben interessieren, gerne auch im Sport.

Interview: Andreas Werner

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