München – Ministerpräsident Markus Söder hat am Dienstag mit einem einfachen Handgriff eine bundesweite Debatte ausgelöst. Das muss man erst einmal schaffen. Er hat im Foyer der Münchner Staatskanzlei ein Kreuz angebracht – und ließ sich dabei in nahezu allen erdenklichen Posen fotografieren. Im Internet haben sich sofort die üblichen Verdächtigen zu Wort gemeldet. Der Satiriker Jan Böhmermann schrieb: „Neues bayrisches Gesetz für noch mehr Heimatgefühle: Ab 1. Juni müssen im Eingangsbereich jedes öffentlichen Gebäudes in Bayern ein Kreuz, ein Bündel Knoblauch und ein Schrumpfkopf hängen.“
Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner verglich Söder sogar mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Die geplante Kreuz-Pflicht in Bayerns Amtsstuben ist binnen Stunden zum großen Aufreger geworden. Das neue Kabinett unter Söder hat einen Beschluss gefasst, der eine uralte Kreuz-Debatte aufflammen lässt. Im Eingang jedes staatlichen Dienstgebäudes soll künftig ein Kreuz hängen. Das Echo in der Republik bewegt sich zwischen verheerend und himmelhoch jauchzend. Der Humanistische Verband Deutschlands wehrt sich gegen „Zwangskruzifixe“, der Nürnberger SPD-Landtagsabgeordnete Arif Tasdelen wittert einen „politischen Missbrauch der Religion“, Studentenvertreter kündigen Widerstand an.
Der Freie Wähler-Europaabgeordnete Arne Gericke empört sich: „Unser Kreuz ist keine Lederhose!“ Söders „Kreuz-Zug“ sei nur scheinbar geschickt, in Wahrheit aber ein billiges Wahlkampfmanöver. Bayerns Regierungschef erweise dem christlichen Glauben einen Bärendienst, wenn er das zentrale Symbol der Christen „zur weiß-blauen Heimattümelei erklärt“.
Tatsächlich hatte Söder den Kabinettsbeschluss mit der Bemerkung begründet, das Kreuz sei kein Zeichen einer Religion und damit auch kein Verstoß gegen die staatliche Neutralitätspflicht. Vielmehr handle es sich um das grundlegende Symbol „unserer bayerischen Identität und Lebensart“.
Das weckt Erinnerungen an den jahrzehntelang erbittert ausgefochtenen Streit um die bayerische Tradition der Schulkreuze. 1995 erklärte Karlsruhe Kruzifixe in Klassenzimmern für verfassungswidrig. Daraufhin demonstrierten mehrere Zehntausend auf dem Münchner Odeonsplatz, Bischöfe und CSU-geführte Staatsregierung im Schulterschluss. Am Ende sorgte ein nach Jahren höchstrichterlich bestätigtes Landesgesetz dafür, dass die Kreuze hängenblieben, in Einzelfällen aber auf Wunsch von Schülern, Eltern oder Lehrern entfernt werden müssen.
Und was sagen die Kirchen jetzt? Wer ihre jüngsten Stellungnahmen genauer liest, erkennt in ihnen nicht einfach Rückendeckung für Söders Initiative. So sehr man sich freut über die öffentliche Präsenz des Kreuzes, so deutlich lässt sich die Mahnung vernehmen, dass es dabei um mehr als bloße Symbolpolitik gehen müsse. Als staatliches Identitätszeichen will man das Kreuz auf keinen Fall verstanden wissen, sagt der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Er spricht von einem Zeichen der Versöhnung, des Friedens und der Solidarität.
Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm betonte, zur Botschaft des Kreuzes zählten Menschenwürde, Nächstenliebe und Humanität. Der katholische Theologieprofessor Georg Essen aus Bochum dagegen sieht in dem Beschluss und der Begründung Söders nichts weniger als eine „veritable Häresie“. Demnach wäre Söder ein Ketzer.
Kritik an Söders Entscheidung kam auch von Thomas Schüller, Kirchenrechtler an der Uni Münster. Er sagte: „Wer politisch das Kreuz so instrumentalisiert, begreift nicht einmal im Ansatz theologisch die im Ersten Korintherbrief genannte Torheit des Kreuzes, die Stachel im Kreuz der Mächtigen und Hoffnungszeichen für die Schwachen und Entrechteten ist.“
Für Söders Kruzifix-Offensive gibt es aber auch Lob. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte der „Welt“: „Gerade vor dem Hintergrund der Mammutaufgabe Integration halte ich es für wichtig und richtig, die Normen und Werte zu definieren und deren Anerkennung einzufordern, die für das Miteinander in unserem Land indisponibel sind.“
Einen Missbrauch des Christentums warf der katholische Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose hingegen dem Ministerpräsidenten vor: Er habe mit vielen Christen gesprochen, schrieb er auf Facebook direkt an Söder gerichtet. „Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden. In unserer Wahrnehmung wird das Christentum von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben. Über diese Entwicklung bin ich gemeinsam mit vielen anderen sehr besorgt.“
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, riet in der Debatte zur Mäßigung. „Ich sehe keinen Grund für einen Kampf gegen Kreuze“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte: „Wir Muslime haben kein Problem mit dem Kreuz, überhaupt mit der Wertschätzung der Religion im gesellschaftlichen Leben. Die staatliche Neutralität sollte dabei aber stets gewahrt bleiben. Was nicht geht, ist die Doppelmoral, christliche Symbole zu akzeptieren, aber muslimische, jüdische oder andere aus der Öffentlichkeit zu verbannen.“
Muss der Ministerpräsident nun die Inquisition fürchten? Politisch eher nicht. Nach dem Urteil seines Vor-Vorgängers Edmund Stoiber hat der evangelische Franke bisher alles richtig gemacht. Die Umfragewerte für die CSU stiegen. Alles habe sich dem Ziel unterzuordnen, dass die absolute Mehrheit der bayerischen Wähler im Oktober an der richtigen Stelle – genau – ihr Kreuzchen macht. sts/kna/dpa