25 Jahre Internet – das Gehirn der Erde

Die Geburt des World Wide Web

von Redaktion

Von Jörg Heinrich

München – Die Erfindung war ebenso revolutionär wie mutig. Die kühne Idee eines unerschrockenen Mannes, das Wissen der Welt mit neuen technischen Mitteln für die Allgemeinheit verfügbar zu machen – sie legte den Grundstein für die moderne Informationsgesellschaft. Sie ermöglichte aber auch ein zuvor nie gekanntes Ausmaß an Überwachung. Licht und Schatten einer bahnbrechenden Idee, die die Kommunikation der Menschen grundlegend veränderte – so war das Mitte des 15. Jahrhunderts, als der Mainzer Goldschmied Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, den Buchdruck erfand.

Und so war das auch mehr als fünf Jahrhunderte später, als der englische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee die Idee verwirklichte, die längst als der moderne Buchdruck gilt. Seine weltverändernde Erfindung, das World Wide Web, feiert diese Woche 25-Jähriges Jubiläum.

Vor einem Vierteljahrhundert gab das Schweizer Kernforschungszentrum CERN, von dem aus Berners-Lee sein weltweites Netz ausgeworfen hatte, die Technik des World Wide Web für die öffentliche Nutzung frei. Erst damit war der Weg geebnet für die Medienrevolution, die unser Leben heute prägt.

Ohne World Wide Web gäbe es kein Smartphone, kein WhatsApp, kein Google, Facebook oder Amazon. Die Welt könnte nicht auf das Online-Lexikon Wikipedia zugreifen, das Berners-Lee für eine der besten Erfindungen des Internet hält: „Die Wikis sind ein großartiges Zeichen dafür, wie Menschen kreativ werden wollen.“ Die Welt müsste aber auch keine Lösungen für Cyber-Kriminalität oder für die Datensammelwut der großen US-Konzerne finden, die inzwischen Orwellsche Dimensionen erreicht hat.

„Ich denke, das Web spiegelt die gesamte Menschheit wider. Und so wie im richtigen Leben gibt es im Internet wunderbare und weniger wunderbare Orte.“ Das ließ Sir Timothy John Berners-Lee, mittlerweile 62 Jahre alt und seit 2004 in den Adelsstand erhoben, das österreichische Nachrichtenmagazin Profil in einem seiner wenigen Interviews wissen.

Das Ausmaß, in dem seine Erfindung das Leben der Menschen verändert hat, lässt sich wohl tatsächlich nur mit dem „Werck der Bucher“ vergleichen, das Gutenberg schuf. „Tim Berners-Lee schenkte dem Planeten Erde ein gigantisches elektronisches Gehirn“, preist das Time Magazine die Idee des Wissenschaftlers, der in der Internetszene salopp „TimBL“ oder „TBL“ genannt wird.

Ein Rückblick ins Jahr 1993 genügt, um die Dimension zu erfassen. Gesurft wurde damals nicht mit dem Handy, sondern auf dem Starnberger See. Ein Telefon war smart, wenn es eine Taste für die Wahlwiederholung hatte. Und wer wissen wollte, mit welcher Mannschaftsaufstellung der FC Bayern 1932 seine erste deutsche Meisterschaft gewonnen hat, ging in die Bibliothek – oder rief bei der Heimatzeitung an.

Es war ein anderes Jahrhundert, ein anderes Jahrtausend, langsamer und gemütlicher – aber auch ohne die faszinierenden Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation, die heute auch für Laien kostenlose Videotelefonate von München nach Miami ermöglicht.

Um einem weit verbreiteten Missverständnis vorzubeugen: Tim Berners-Lee, der Computer-Gutenberg, hat beileibe nicht das Internet erfunden. Die Technik, um Rechner über Hunderte von Kilometern miteinander zu vernetzen, existierte im US-Wissenschaftsnetzwerk ARPANET bereits seit 1969. Doch erst Tim Berners-Lee verfiel auf die Idee, alle Rechner weltweit zu verbinden, und dieses Netz auch außerhalb wissenschaftlicher Kreise verfügbar zu machen.

Der Anlass, darüber nachzudenken, war denkbar profan. Das CERN mit Hauptsitz im Kanton Genf befindet sich bis heute sowohl auf schweizerischem als auch auf französischem Staatsgebiet. Der Austausch zwischen den unterschiedlichen Rechnersystemen in beiden Ländern war extrem schwierig. Berners-Lee hatte in seinem Büro – auf der französischen Seite der Grenze – bereits seit 1989 über eine Lösung sinniert.

Sein Konzept trug den schlichten Titel „Informationsmanagement. Ein Vorschlag“ – und wurde von seinen Vorgesetzten abgelehnt. Die wollten sich auf die eigentliche Aufgabe des CERN konzentrieren, und zwar auf die Entwicklung von Teilchenbeschleunigern. Immerhin: TimBL, der sich beim Sprechen oft selbst überholte und dann zu stottern begann, durfte nebenbei weiter über seiner ominösen Idee brüten, die er „Mesh“ (Geflecht) nannte. Und er bekam sogar einen sündteuren NeXTcube-Computer gestellt, den damaligen Wunderrechner des Apple-Gründers Steve Jobs.

Um es kurz zu machen: Zwischen 1989 und 1991 erfand Tim Berners-Lee in seiner Denkstube das World Wide Web, wie wir es heute kennen. Sein spektakulärer Arbeitsnachweis, für den normalerweise ein einziges Leben nicht genügt: Er entwickelte – mit einigen Weggefährten wie dem Belgier Robert Cailliau an seiner Seite – den Programmiercode HTML, das Netzwerkprotokoll HTTP, die Verknüpfung von Seiten durch Hyperlinks, den ersten Browser namens „WorldWideWeb“, die erste Server-Software sowie die erste www-Seite. Sie ging am 6. August 1991 online, beschrieb grün auf schwarz die Technik des World Wide Web, und ist als Kopie bis heute unter info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html abrufbar.

Aus Angst, eine übereifrige Putzfrau könnte den ersten Webserver der Geschichte abschalten, klebte Berners-Lee einen handgeschriebenen Zettel auf seinen Rechner: „Diese Maschine ist ein Server. NICHT AUSSCHALTEN!!“

Wenige Jahre später wusste die ganze Welt, was ein Server ist. Das neue Netzwerk verbreitete sich deutlich schneller über den Globus als Gutenbergs Buchdruck, der technisch gut vier Jahrhunderte lang unverändert blieb. Das Internet des Tim Berners-Lee war von Beginn an ein zutiefst demokratisches Netzwerk ohne Patente, ohne Lizenzgebühren und ohne Profitabsicht. Es war geprägt von den protestantischen Grundwerten seines Erfinders, von Respekt, Toleranz und Offenheit, zu denen die heutigen Hasskommentare auf Facebook in bestürzendem Widerspruch stehen.

Erst die kostenlose Verfügbarkeit der Technik ermöglichte die stürmische Entwicklung der folgenden Jahre. Das neue Netz sollte allen Nutzern, vom Schüler bis zum milliardenschweren Konzern, exakt die gleiche Teilhabe am Wissen der Menschheit und die identischen Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Netzneutralität heißt dieses Prinzip, über das Tim Berners-Lee heute als Vorsitzender des World Wide Web Consortium (W3C) in Cambridge/Massachusetts wacht, quasi als Aufsichtsratschef des Internets.

Die Netzneutralität, dieser Grundpfeiler, wankt und ächzt heute allerdings bedenklich. Großkonzerne wie Netflix oder Google wollen ihre Daten schneller durchs Netz schleusen als der normale Nutzer dies kann. Ihre Idee ist ein Internet mit Überholspur – Netflix-Filme mit ihren gewaltigen Datenmengen mit Höchsttempo links, die Hausaufgaben des Buben in New York oder München auf der rechten Spur mit dem Tempo, das dann noch möglich ist.

Die Telekom in Deutschland verzichtet im Rahmen ihres Angebots „StreamOn“ bereits heute darauf, die Nutzung großer Anbieter von Netflix bis Apple Music auf das monatliche Datenvolumen anzurechnen. Der Internetverkehr solcher Riesen wird damit privilegiert behandelt – ein massiver Verstoß gegen das Prinzip der Netzneutralität.

Mit dem World Wide Web, das Tim Berners-Lee ersonnen hat, hat dieses Netz der Konzerne nicht mehr viel zu tun. „Das offene Internet ist ein Menschenrecht, das wir verteidigen müssen“, forderte „Mr. WWW“ kürzlich auf einer Veranstaltung, auf der er auch eine Regulierung „bösartiger“ sozialer Netzwerke ins Gespräch brachte. Ein Grundrechtekatalog für das Internet sowie der Abzug der Adressverwaltung aus den unzuverlässig gewordenen USA sind weitere Ideen, die ihn umtreiben.

Barack Obama stand Berners-Lee in seinen acht Jahren als US-Präsident in Sachen Netzneutralität stets zur Seite, während Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits 2014 Ausnahmen forderte, für bestimmte Internetdienste, für fahrerlose Autos oder für die Telemedizin. Als Tim Berners-Lee 2012 bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London geehrt wurde, twitterte er auf einem historischen NeXTcube einen Satz, der als Botschaft an die Menschheit metergroß im Stadion aufleuchtete: „This is for everyone“ – „Das World Wide Web ist für alle da“.

Sechs Jahre später bedrohen Gier, Maßlosigkeit und Kriminalität dieses weltverbindende Netz mehr denn je. „Es ist meine tiefste Überzeugung, dass das Internet für jeden zugänglich sein muss, dass es keinerlei Diskriminierung geben darf und niemand das Netz kontrollieren oder andere ausspionieren darf“, blickt Tim Berners-Lee, der viele kluge Köpfe zu Milliardären machte, der aber selbst nie reich wurde, heute auf sein Baby – auf das World Wide Web, auf eine der großartigsten Ideen der Menschheit, für die zu kämpfen sich lohnt.

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