Dingolfing/München – Die Damenwelt im Dingolfinger Stadthallen-Restaurant „Um’s Eck“ erschrickt sich. Dem neuen Ehrenbürger Marco Sturm entgleist die Stimme, es treibt ihm das Wasser in die Augen, er muss kurz den Kopf wegdrehen. Es dauert einige Momente, bis er seine Fassung und seinen Bariton wiedergefunden hat. „In der Kabine, mit den Jungs“, sagt er entschuldigend, „also, da bin ich nicht so.“
Marco Sturm den Tränen nahe – so kannte man ihn noch nicht. Es bleibt aber in einem kleinen Kreis. Fünfzig Leute, neulich gekommen in Dingolfing, dem 19 000-Einwohner-Städtchen in Niederbayern, seinem Geburtsort. Sturm, 39, war ergriffen, dass man ihm die Ehrenbürgerurkunde verlieh und das Eisstadion („Da war ich in meiner Jugend montags immer zum Discolauf“) „Marco Sturm Eishalle“ nannte. Beim Festakt dankte Sturm seiner Familie, dass sie sein Leben mitmacht: die Vereinswechsel als Eishockeyspieler in Amerika und vor einem Jahr „unser großer Umzug nach Deutschland“. Niederbayern statt Florida.
Marco Sturm ist seit über zwanzig Jahren eine deutsche Sportgröße, der breiten Öffentlichkeit aber erst durch die Olympischen Spiele in Pyeongchang bekannt geworden. Als Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft, die die Silbermedaille gewann, die golden schimmerte. Sturm ist der neue „Mister Eishockey“.
Es hatte schon mal einen gegeben. Einen „Mister Eishockai“, weil er den englischsprachigen Begriff eingedeutscht hatte: Xaver Unsinn, ein Füssener. Große Zeit als Trainer in den 70er- und 80er-Jahren. Kennzeichen: Er coachte mit Kopfbedeckung, meist mit einem Pepitahut. Der spielt auch bei Marco Sturm eine Rolle. 2015 fing er beim Deutschen Eishockey-Bund als Trainer und General Manager an, und seine erste Idee war: Wir holen den berühmten Hut aus dem Museum.
Das Deutsche Eishockey-Museum ist eigentlich nur die Sammlung eines Privatmannes, sie war untergebracht in einer nicht mehr benötigten Umkleide eines Augsburger Hallenbades. Als dort saniert wurde, mussten die Exponate in ein Lager – was viel über den Status dieser Sportart in Deutschland aussagte.
Marco Sturm ließ den Unsinn-Hut ausgraben. Gewinnt seine Mannschaft, wird der jeweils beste Spieler damit ausgezeichnet. Er ist seit drei Jahren die interne Trophy des Nationalteams. Auch bei den Spielen in Südkorea hatte man das kleine Karo dabei. Nach Bronze 1976 in Innsbruck, dem Erfolg der Xaver-Unsinn-Ära, gewann der Hut Silber 2018.
Hinter Marco Sturm liegen zwei Monate mit nicht geahnter Terminfülle. „Und alles“, sagt er, „war für mich etwas Besonderes.“ Er saß bei Markus Lanz, neben der Schriftstellerin Elke Heidenreich, die natürlich wissen wollte, wie viele Zähne ein Eishockeymensch im Laufe des Lebens verliert – Sturm lächelte mit kompletter Zahnreihe. Er war im „Aktuellen Sportstudio“ – wo Eishockey nie eine Bühne bekommt. Man lud ihn in die Sonntags-Fußballsendung „Doppelpass“ ein, und was Marco Sturm darin über den Aufbau einer Teamstruktur erzählte, wurde von der Sport1-Presseabteilung gleich zusammengefasst als Empfehlung für den großen Kollegen Joachim Löw. Dem begegnete er schließlich auch noch: Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm war Ehrengast, als in Düsseldorf Deutschland gegen Spanien spielte, vor 50 000 Zuschauern stand er unten auf dem Rasen und gab über die Stadionlautsprecher ein Interview. „Für mich war es ja schon interessant, mal bei einem Fußball-Länderspiel zu sein.“
Sein Vorgänger als Eishockey-Bundestrainer war der Italokanadier Pat Cortina, ein höflicher, stets gepflegt auftretender Mann – aber eben ohne jeden Einfluss. Als vor ein paar Jahren die Fußballer von Löw mal in München waren und eine Pressekonferenz in einem Autohaus abhielten, stand Cortina dort als interessierter Zuhörer in der letzten Reihe. Nicht mal die Journalisten (er)kannten ihn.
Das wäre bei Marco Sturm nicht so. Zumindest seinen Namen hatte man immer auf dem Schirm.
Er war 16 und Jugendspieler beim EV Landshut, als er voll aufs Eishockey setzte und die gerade begonnene Lehre bei BMW in Dingolfing schmiss. Er war 19, als er nach Amerika wechselte, zu den San Jose Sharks in die NHL, die knallharte Profiliga. Alle warnten ihn: zu früh, er würde im Farmteam versauern. Marco Sturm, wegen seiner Geschwindigkeit „The German Rocket“, die deutsche Rakete, genannt, setzte sich durch. Er machte über tausend NHL-Spiele. Der größte Vertrag, den er unterschrieb: „Bei den Boston Bruins, vier Jahre für 16 Millionen Dollar.“ Eine gute Karriere. Er muss lachen, wenn er an die erste Kennenlern-Reise nach Kalifornien denkt. Er nahm Christian Künast mit, den Torhüter vom EV Landshut, damals. Als Dolmetscher, denn er selbst fühlte sich im Englischen noch unsicher.
Künast war vor über zwanzig Jahren der Schwager in spe, lange schon ist er der offizielle Schwager und sein Co-Trainer. Marco Sturm hat seine Jugendliebe Astrid, Künasts Schwester, geheiratet, sie haben einen Sohn und eine Tochter, deren Namen Mason und Kaydie der einzige Hauch von Extravaganz sind, den sie sich leisten.
Mit dem ersten Gehalt aus der NHL hat Marco Sturm sich ein Haus in Landshut gekauft, Geld hat er dann auch in eine Stiftung gesteckt, die in seiner Heimat wirkt: „Landshut, Dingolfing, Regensburg. Wir bezahlen Therapien für kranke Kinder. In der NHL war ich mit jedem meiner Clubs oft in Krankenhäusern auf Kinderstationen.“ Investiert hat Sturm auch in Dingolfing, wie Bürgermeister Josef Pellkofer erzählt: „Er hat uns bei der Stadtsanierung bei einer Immobilie sehr geholfen.“
Wo er herkommt, das hat Marco Sturm nie losgelassen. „Der bekannteste Eishockey-Kommentator in Amerika hat mich jedes Mal begrüßt als ,Marco Sturm from Dingolfing‘, das hat ihm gefallen. Zwanzig Mal im Jahr, fünfzehn Jahre lang. Man kann es sich ausrechnen.“ Sturm hat in dieser Zeit in Amerika auch meist Autos seines ehemaligen Arbeitgebers gefahren. „Wenn ich die Motorhaube geöffnet habe, stand da ,Made in Dingolfing, Germany‘.“ Ein Heimatminister könnte es nicht schöner erzählen.
„Ich bin in Amerika gereift, ein besserer Mensch geworden“, sagt Marco Sturm. Gelernt habe er vor allem „Freundlichkeit“, was nicht unbedingt ein Merkmal der Deutschen sei. Wenn er als Spieler zur Nationalmannschaft kam, ging stets die Sonne auf, als Trainer erledigt er mit aller Souveränität, was zu erledigen ist.
Neulich bestritt die Nationalmannschaft ein WM-Testspiel in Berlin, im alten Wellblechpalast, und um den Verkauf anzukurbeln, versprach der Verband, dass jedes Ticket vom Bundestrainer signiert sein werde. In anderen Sportarten ist es üblich, bei hohen Autogrammnachfragen die Unterschriftenmaschine anzuwerfen. Sturm indes setzte sich in die Geschäftsstelle in München und unterschrieb 4700 Eintrittskarten.
Das ist ihm auch wichtig: Alles Störende von anderen, vor allem seinen Spielern fernzuhalten. Das war sein Vorgehen in Pyeongchang, wo er die Nächte mit Videoanalysen fast durchmachte und zwischen den Spielen die Medientermine erledigte. Mit 39 ist er fast noch im Spieler-alter, doch er hat was Väterliches entwickelt.
Als die Silber-Mannschaft von Seoul nach Deutschland zurückflog am Ende jenes berauschenden olympischen Februars, verzichtete Marco Sturm auf seinen Platz in der Businessclass und hielt seine Trainer-Assistenten an, es ihm gleichzutun: „Die Spieler müssen bequemer sitzen als wir, sie haben in drei Tagen schon wieder ihre Einsätze.“ Ganz groß.