München – „Die Sprache Frankreichs ist Französisch“ – dieser Satz scheint so informativ zu sein wie „Die Kugel ist rund“. Trotzdem wurde 1992 die französische Verfassung genau um diese Aussage ergänzt, nämlich Art. 2, Abs. 2: „La langue de la République est le français.“ – „Die Sprache der Republik [Frankreich] ist Französisch.“ Warum?
Es versteht sich nicht mehr von selbst, dass in Frankreich die Kommunikation auf Französisch abläuft. Ähnliches gilt für Deutsch in Deutschland oder Englisch in den USA. Hier gibt es zum Sprachengebrauch der Bevölkerung einschlägige Volkszählungsdaten: 2011 gaben 20,8 Prozent oder 60 Millionen der über fünfjährigen Einwohner an, eine andere Sprache als Englisch zu Hause zu verwenden; davon sprachen drei Viertel Englisch „sehr gut“ oder „gut“ und ein Viertel „nicht gut“ oder „überhaupt nicht“.
Für Deutschland fehlen vergleichbare Daten. Beim Mikrozensus 2017 wurde zwar erstmals die „Familiensprache“ erhoben, aber nicht die Deutschkenntnis – als ob dies weniger wichtig wäre als zum Beispiel, welches Verkehrsmittel jemand auf dem Weg zur Arbeit benutzt oder wie groß seine Wohnung ist. Man ist deshalb auf einzelne Beobachtungen angewiesen, um die aktuelle Deutschkenntnis zu beurteilen:
-In Zeiten der Wehrpflicht wurden 2000 bis 2008 von den körperlich tauglichen jungen Männern zwei Drittel der Deutschen eingezogen, aber nur ein Drittel der Deutsch-Türken (mit doppelter Staatsangehörigkeit), weil die im Sprachtest so schlecht abschnitten, dass sie Befehle oder schriftliche Hinweise nicht verstanden hätten.
-Ein Zehntel der Schulabgänger in Deutschland erreicht keine schriftsprachliche Kompetenz: Sie können zwar einzelne Wörter lesen oder schreiben, aber nur mit Mühe einfache Sätze. In der Pädagogik bezeichnet man dieses Leistungsniveau als „funktionalen Analphabetismus“.
-Bei staatlichen Eingangsprüfungen scheitern viele Bewerber (die meisten mit Abitur) am Testdiktat – obwohl man zum Beispiel in Rheinland-Pfalz bei 150 Wörtern Text zwanzig Fehler machen darf.
-An den Schulen westdeutscher Großstädte, vor allem den Grundschulen, ist mangelnde Deutschkenntnis zum Hauptproblem geworden. Eine Frankfurter Grundschullehrerin beschreibt die Lage so: „Eine durchschnittliche Klasse sieht so aus: Von 25 Kindern können ein Drittel nicht richtig Deutsch sprechen, etwa acht Kinder sind verhaltensauffällig, dazu kommen traumatisierte Flüchtlingskinder. Auf der Strecke bleiben die paar normalen, unauffälligen, lernbegierigen Kinder, weil man keine Zeit für sie hat.“
Viele Eltern dieser „normalen Kinder“ nehmen diese Situation nicht hin und melden ihr Kind an öffentlichen Schulen in Stadtteilen mit geringem Ausländeranteil an. Oder schicken es gleich auf eine Privatschule, insbesondere eine „International School“ mit Englisch als Unterrichtssprache. Nach dem Abitur kann dann das Kind an den privaten und öffentlichen Hochschulen studieren, die neuerdings Studiengänge auf Englisch anbieten. Spitzenreiter ist hier die TU München, die bis 2020 alle Master-Studiengänge auf Englisch umstellen will.
Englisch scheint in Deutschland die „hohe“ Sprache geworden zu sein, die nicht nur die Wissenschaften und internationalen Beziehungen beherrscht, sondern als „Überschriftensprache“ auch den Lebensalltag.
Die politische Klasse hat die Leitfunktion der englischen Sprache durchaus erkannt und daraus teilweise den Schluss gezogen: Je weniger Deutsch, desto besser! 1999 forderte der CDU-Politiker Friedrich Fuchs, „Deutschland sollte Englisch bis 2010 zur zweiten Amtssprache machen“, und der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger, heute EU-Kommissar für den Haushalt, sah 2005 für Deutsch im Arbeits- und öffentlichen Leben keine Zukunft: Es bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird Arbeitssprache. Das läuft zwar nicht auf die Abschaffung des Deutschen hinaus, aber auf den Abstieg zu einer Art Dialekt.
Der Wertverlust des Deutschen zeigt sich an der Spitze und Basis der Gesellschaft. Oben, in Bereichen wie Wissenschaft, Technik oder Finanzwirtschaft, treten die Muttersprachler aus der deutschen Sprachgemeinschaft aus und verwenden Englisch, die Sprache der globalen Elite – ähnlich wie im 18. Jahrhundert die europäische Aristokratie Französisch sprach. Unten treten bestimmte Bevölkerungsgruppen gar nicht in die Sprachgemeinschaft ein, sondern bleiben in einer anderssprachigen Parallelgesellschaft.
Erklärt wird diese neue Sprachsituation damit, dass Deutschland ein „Einwanderungsland“ geworden sei, und jeder vierte bis fünfte Einwohner heute einen „Migrationshintergrund“ habe, bei den unter Zehnjährigen sogar jeder Dritte. Aber was bedeutet Migrationshintergrund? Es handelt sich um einen 2005 eingeführten Begriff der Bevölkerungsstatistik, mit dem zwei Personengruppen erfasst werden: alle Ausländer (Stand 2017: 10 Millionen) und diejenigen Deutschen (9 Millionen), von denen mindestens ein Elternteil mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit geboren wurde. Der Begriff „mit Migrationshintergrund“ ist also nicht gleich „Ausländer“ oder „ohne deutsche Muttersprache“.
Jemand mit Migrationshintergrund kann durchaus deutscher Muttersprachler sein: zum Beispiel in Deutschland lebende Österreicher, Angehörige deutscher Minderheiten und Kinder aus binationalen Ehen mit einem deutschen Elternteil. Aber auch Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, erwerben in einem geeigneten sozialen Umfeld Deutsch wie ein Muttersprachler: Der Kabarettist Django Asül (geb. 1972) wuchs als Kind türkischer Eltern im niederbayerischen Hengersberg auf, und es blieb ihm dort „gar nichts anderes übrig“ als Bairisch (und später auf dem Gymnasium Hochdeutsch) zu lernen.
Schließlich gibt es auch jugendliche und erwachsene Ausländer, die sich Deutsch als Zweitsprache aneignen, in einigen Fällen sogar perfekt, wie eine Reihe deutsch schreibender Schriftsteller ausländischer Herkunft zeigt. Fazit: Der „Migrationshintergrund“ erklärt nicht, warum Kenntnis und Gebrauch der deutschen Sprache derart abnehmen; auch Kinder ohne Migrationshintergrund schreiben in der 5. Klasse eines bayerischen Gymnasiums Sätze wie: „Er sahs sich auf zwei alte Obstkisten, ahs seine Weßwurst … er fiel fast herunter.“
Deutsch ist eine ausgebaute Kultur- und Schriftsprache, was heißt: Der Spracherwerb ist keineswegs vorbei, wenn ein Kind „gut sprechen“ kann. In der Schule und durch Lektüre wird eine schriftsprachliche Kompetenz aufgebaut, die es erst ermöglicht, am kommunikativen Leben voll teilzunehmen. Von dieser Teilnahme sind ca. 7,5 Millionen erwachsene Deutsche als „funktionale Analphabeten“ ausgeschlossen.
Dies ist keine „natürliche“ Sprachentwicklung, sondern Folge einer schulpolitischen Fehlentwicklung, die den Deutschunterricht vernachlässigt.
Die Vernachlässigung der deutschen Sprache setzt sich in anderen Bereichen fort. Die Europäische Union hat drei Arbeitssprachen: Deutsch, Englisch und Französisch, aber der deutsche EU-Kommissar Oettinger spricht grundsätzlich Englisch. Dazu passt, dass in Deutschland öffentlich finanzierte Wissenschaftstagungen auf Englisch stattfinden, auch wenn die meisten Teilnehmer deutschsprachig sind.
Die Abwertung der deutschen Sprache im öffentlichen Leben hat eine Gegenbewegung hervorgerufen, mit dem politischen Ziel, im Grundgesetz Deutsch als Landessprache festzulegen, woraus sich die Pflicht aller staatlichen Organe ergeben würde, seine Kenntnis und den Gebrauch zu fördern (siehe Kasten).
Das Hauptargument gegen „Deutsch ins Grundgesetz“ lautet: Bringt nichts! Im Falle eines Grundgesetzartikels „Die Sprache der Bundesrepublik [Deutschland] ist Deutsch“ würde es sich aber nicht um einen Programmsatz handeln, sondern ein persönliches Recht der Bürger, das einklagbar ist. Konkret: Die TU München dürfte dann einen Studiengang nicht ausschließlich auf Englisch anbieten – das wäre eine Diskriminierung deutschsprachiger Studenten. Vielleicht ist das schon bei der jetzigen Rechtslage so, weil ein Englischzwang im Studium die in Artikel 12 des Grundgesetzes „allen Deutschen“ garantierte Freiheit der Berufswahl faktisch aushebelt – denn die Sprache der Deutschen ist nun einmal (noch) Deutsch.