Tegernsee – Erst neulich ist es wieder passiert. Uta Freyschmidt saß im Restaurant, als ihr die Bedienung verschwörerisch zuraunte: „Wir hatten vor 30 Jahren mal miteinander zu tun.“ Im Kreißsaal war das, als ihr Sohn geboren wurde. Ein unvergessliches Erlebnis für die Frau, bei dem Hebamme Uta Freyschmidt einen nicht ganz unwichtigen Part spielte. Viele Familien im Tegernseer Tal haben mit der 74-Jährigen den Beginn eines neuen Lebens erleben dürfen. Fast täglich trifft sie jemanden, den sie schon als rund 3000 Gramm schweres Bündel im Arm hielt.
In 41 Jahren war die Hebamme bei knapp 7000 Geburten dabei. Sie hat, wenn man so will, einem großen Dorf auf die Welt geholfen. Vor zehn Jahren verabschiedete sie sich aus dem Kreißsaal, aber sie hat danach noch als Nachsorgehebamme gearbeitet. Inzwischen ist sie im Ruhestand. Doch für viele ist sie noch immer die Mami-Macherin vom Tegernseer Tal.
Im Kreißsaal kämpfte die Tegernseerin immer an vorderster Front. Sie erlebte Paare im Ausnahmezustand, veratmete mit Müttern Presswehen bis zur völligen Erschöpfung, verdrückte heimlich Freudentränen, wenn es wieder einmal geschafft war und die Eltern glücklich mit ihrem Baby kuschelten. Sie sah die Trends in der Geburtshilfe kommen und gehen. Und sie ist heute noch dankbar, all das erlebt zu haben: „Es ist der schönste Beruf der Welt.“
Uta Freyschmidt ist 24 Jahre alt, als sie sich entschließt, Hebamme zu werden. Kinderkrankenschwester ist sie schon. Mitte der 1960er-Jahre verschlägt es die gebürtige Münchnerin zur Ausbildung nach Hamburg, an die Frauenklinik Finkenau, damals die größte Deutschlands. Romantisch geht es dort nicht zu. „Es gab sechs Kreißsäle mit je zwei Betten drin, nur mit einem Vorhang voneinander getrennt.“ Im Akkord werden Babys entbunden, 6000 im Jahr. „Intimsphäre gleich null“, sagt sie. Kinderkriegen ist damals noch reine Frauensache, Männer sind im Kreißsaal tabu. „Die lieferten ihre Frau ab und sollten nach zehn Stunden anrufen, ob das Kind da ist.“ Stillen ist damals ununüblich. „Die Frauen glaubten an die Industrienahrung“, sagt Freyschmidt. Heute gilt Muttermilch wieder als das Beste für das Baby.
15 Jahre bleibt Freyschmidt im hohen Norden, einige Jahre davon an der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf. Aus privaten Gründen kehrt sie vor 36 Jahren ins Oberland zurück, alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern. Als sie das kleine Krankenhaus in Hausham im Kreis Miesbach zum ersten Mal betritt, denkt sie: „Ich komme ins Mittelalter.“ Wohlfühl-Atmosphäre im Kreißsaal oder gar Rooming-in, bei dem die Babys bei ihren Müttern im Zimmer bleiben: alles noch Fremdwörter.
Von ihrem eigenen Geld kauft Freyschmidt Vorhänge für den Kreißsaal, um ihn gemütlicher zu machen. Als sie Mitte der 1980er an die Klinik in Tegernsee wechselt, setzt sie ihre Mission fort: Sie führt Aroma-Lampen, Musik und Geburtsöle ein. Zum Entsetzen des Verwaltungschefs: Ein Kreißsaal sei doch kein Wohnzimmer.
Direkt gegenüber der Klinik wohnt Freyschmidt. Oft muss sie ihre eigenen Kinder alleine lassen, weil ein Baby auf die Welt kommen will. „Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen.“ Am Wochenende schiebt sie häufig 72-Stunden-Schichten, manchmal mit acht Geburten. Zwischendurch geht sie heim, kocht ihren Kindern etwas, schaut die Hausaufgaben an. „Oft hatte ich mich kaum hingelegt, da klingelte schon wieder das Telefon.“
Ihr Sohn und ihre Tochter werden damals selbst zu Geburtsexperten und kennen sich aus mit Problemen im Wochenbett. Als einmal während des Mittagessens ihr Sohn, damals fünf Jahre alt, das Gespräch annimmt, schmatzt er fachmännisch ins Telefon: „Wie weit ist der Muttermund denn schon geöffnet?“ Ein anderes Mal rät er einer verzweifelten Frau, Quark auf die schmerzende Brust zu schmieren.
Uta Freyschmidt betreut einfache Bäuerinnen, die sie in die Geheimnisse von Öl einweihen. „In Hamburg war es dagegen Mode, die Frauen mit Desinfektionsmittel zu übergießen.“ Unter den Gebärenden sind aber auch arabische Prinzessinnen und bayerische Prominenz. Freyschmidt ist für sie alle Vertraute in einer sehr besonderen Situation. Sie massiert stundenlang die Rücken von schmerzgeplagten Frauen, hilft, die richtige Position zu finden, feuert an, reicht den wortwörtlich mitleidenden Papas ein Glas Wasser.
Ihre erste Wassergeburt erlebt Freyschmidt mit der Frau von BR-Moderator und Musiker Werner Schmidbauer im Krankenhaus Agatharied, in dem sie ab 1998 arbeitet. Das Baby kommt in der Badewanne. „Eine Premiere, ich habe Blut und Wasser geschwitzt.“ Alles geht gut, das Mädchen ist heute 18 Jahre alt.
Bei der Enkeltochter von Michail Gorbatschow macht Freyschmidt die Nachsorge, gibt Tipps zum Stillen, Wickeln und Baden. Als der berühmte Opa auf Besuch ins Tegernseer Tal kommt, wird Freyschmidt zum Kaffeetrinken eingeladen und lernt den russischen Politiker persönlich kennen.
Freyschmidt muss einmal zu einer ungeplanten Hausgeburt, bei der sie die Nabelschnur aus der Not heraus mit einem Faden aus dem Nähkästchen abbindet. Sie ist bei Zwillingsgeburten dabei und sogar einmal bei einer Drillingsgeburt.
In Zeiten ohne Ultraschall muss sie ihrem Hebammenwissen vertrauen und oft auch ihrer Intuition. Auf ihrem Wohnzimmerschrank bewahrt sie bis heute das wichtigste Instrument aus diesen frühen Tagen auf: ein Hörrohr aus Kirschholz. Als junge Hebamme muss sie damit noch nach jeder Wehe die Herztöne des Babys abhören und handschriftlich protokollieren.
Heute bekommen die Frauen unter der Geburt ein CTG-Gerät um den Bauch gebunden, das die Wehentätigkeit und die Herztöne von Mutter und Kind aufschreibt. „Fluch und Segen zugleich“, sagt Freyschmidt über die modernen technischen Mittel. Sie selbst habe noch sehen und fühlen gelernt. „Ich werde bis ins Grab ertasten können, ob ein Kind mit dem Kopf nach unten liegt“, sagt sie. Heute seien Hebammen auch Geburtsmediziner, die sich mit Apparaten und Schmerzmitteln auskennen. „Die Kaiserschnittraten sind auch extrem gestiegen.“ Anonymer, sagt sie, gehe es heute im Kreißsaal zu. An die Geräte angeschlossen, vertraue man auf die Technik. „Die Hebammen sind nicht mehr die ganze Zeit an der Seite einer Frau. Oft betreuen sie drei Gebärende gleichzeitig.“
Mit Sorge beobachtet Freyschmidt die Schließung der kleineren Geburtsstationen und die Überlastung der übrigen Geburtskliniken. „Das ist ein Rückschritt.“ Auch um die hohen Versicherungsbeiträge beneidet sie ihre heutigen Arbeitskolleginnen nicht.
Süchtig nach kleinen Babys ist Freyschmidt aber immer noch. Ihr größtes Glück: ihre fünf Enkelkinder. Von ihrem unendlichen Wissen profitierten ihre Tochter (44) und ihr Sohn (40) schon oft. Tipps gegen Blähbäuchlein gab sie per Skype bis nach Guatemala durch, wo ihr Sohn mit seiner Familie lebt. Und immer wenn sie im Flugzeug Richtung Mittelamerika sitzt, hofft Freyschmidt auf eine letzte Premiere: „Eine Geburt über den Wolken hätte ich gerne noch erlebt.“ Wer weiß, kann ja noch kommen.