München – Was er wirklich fühlt, versteckt Daniel Bierofka in diesen aufregenden Tagen hinter der blauen Kappe, dem wilden Bart, dem grimmigen Blick. Einmal aber, am Donnerstagabend auf dem Fußballplatz in Völklingen im Saarland, hat sich angedeutet, welche Gefühle in ihm schlummern. Fast hätten sie sich entladen, als Christian Köppel den Ball mit der Hacke ablegte, als Sascha Mölders mit Wucht gegen ihn trat, als der Ball zum 3:2 im Netz zappelte, als das Löwenherz raste. Aber nur fast.
Bierofka, 39, hat versucht, den Herzschlag des TSV 1860 München schnell wieder zu beruhigen. Er weiß, wie das geht. Als der Verein vor einem Jahr aus der 2. Liga direkt in die Regionalliga abstürzte, rückte Bierofka unverhofft zum Cheftrainer auf. Er musste den TSV damals nicht nur beruhigen, er musste ihn wiederbeleben.
Am späten Donnerstagabend bremste Bierofka ihn wieder ein. Er erklärte, warum dieser aufwühlende 3:2-Sieg im ersten Aufstiegsspiel gegen den 1. FC Saarbrücken nicht mehr sei als eine „ordentliche Ausgangsposition“, warum das Rückspiel in Giesing an diesem Sonntag „eine Mammutaufgabe“ werde, warum die 3. Liga, die erste Treppenstufe des Profifußballs, noch ein ganzes Stück entfernt ist. Ein Spiel, 90 Minuten, mindestens.
Nun deutet aber einiges darauf hin, dass 1860 schon am Sonntag (14 Uhr) daheim im Grünwalder Stadion in die 3. Liga aufsteigt, weshalb es vorher noch viel zu erzählen gäbe. Die Geschichte der treuen Fans, die ihrem Verein folgten, bis in die hintersten Winkel der Regionalliga Bayern, nach Buchbach, Pipinsried und Seligenporten. Die Geschichte des treuen Stürmers Sascha Mölders, der so gut ist, dass er seine Tore bestimmt nicht in Buchbach, Pipinsried und Seligenporten hätte schießen müssen, auch wenn er sich das mit vielen Euros bezahlen ließ. Und natürlich auch die Geschichte des mehr oder weniger treuen Investors Hasan Ismaik aus Jordanien, der den Verein finanziert, aber nicht in Buchbach, Pipinsried und Seligenporten vorbeigeschaut hat.
Am schönsten aber ist die Geschichte von Willi und Daniel Bierofka, von Papa und Sohn, die ihr Leben dem TSV 1860 verschrieben haben. Mal als Spieler, mal als Trainer, immer als Fans. Die Geschichte ist auch dramatisch, denn das Schicksal des stolzen Clubs ist an diesem heiklen Punkt wieder mal eng mit dem Namen Bierofka verknüpft.
Es ist Montag, drei Tage vor dem 3:2-Sieg. Willi Bierofka, 65, sitzt auf einer Bierbank vor dem Löwenstüberl. In der Grünwalder Straße, wo der TSV 1860 zu Hause ist. „Die Stimmung hier ist gut“, sagt er. „Die Leute sehen, dass was nach vorne geht.“
Es war in den vergangenen Monaten nicht immer leicht, den Puls dieses Vereins zu fühlen, der selbst glaubt, es immer noch mit den Großen aufnehmen zu können, zuletzt aber durch die Regionalliga tourte, wo die Großen dummerweise Schweinfurt und Garching heißen. „Sechzig hat in dieser Liga nichts verloren“, sagt Willi Bierofka, „nicht vom Anspruchsdenken, nicht von den Fans.“ 12 500 werden sich am Sonntag ins Stadion drängen, mehr geht nicht. Hätten sie ein größeres Stadion, wären auch 60 000 gekommen. Eine Relegation als Rausch.
Bierofka kennt das Gefühl, 41 Jahre ist es nun her, aber vergessen wird er es nie. Vier Jahre spielte er damals schon für die Löwen, als sie sich 1977 ziemlich überraschend für die Relegation zur Bundesliga qualifizierten. Sie forderten Arminia Bielefeld heraus, fielen im Hinspiel aber durch, 0:4. „Wir waren tot“, sagt Bierofka.
Er erinnert sich, wie die Stimmung dann aber kippte, wie die Löwen sich zusammenrauften, sich einschworen. Im Rückspiel in München drehten sie auf, Bierofka deckte Ewald Lienen, den Bielefelder Spielmacher, aggressiv, wie er zugibt. „Wir haben an der Grenze gespielt. Wenn der Schiri ein paar rausstellt, kannst du auch nix sagen.“ Vor einem Jahr hat er noch gesagt: „In den ersten 20 Minuten war fast jeder Zweikampf eine Tätlichkeit.“ Egal, die Löwen siegten 4:0, im Entscheidungsspiel in Frankfurt dann 2:0, ein Fußballwunder.
An Wunder glauben sie in Giesing schon lange nicht mehr. Nur braucht es gerade auch kein Wunder. „Wir sind damals aufgestiegen, weil wir ein Team waren“, sagt Willi Bierofka. Er erkennt diesen Geist heute wieder. Als 1860 vor einem Jahr in der Relegation auseinanderfiel, vermisste er ihn. „Wenn du keine Mannschaft bist, hast du keine Chance.“
Dass die Löwen wieder zusammengewachsen sind, hat viel mit seinem Sohn Daniel zu tun. Als Spieler lief er in der Bundesliga für 1860 auf, später durfte er als Trainer im Nachwuchsprogramm einsteigen. Er kam den Profis zu Hilfe, als die alten Hauptfiguren flüchteten. Am Tag nach dem Absturz fing er an. „Das war eine Mammutaufgabe für ihn“, sagt sein Vater. „Am Anfang war er Trainer, Sportdirektor, Scoutingchef und Pressesprecher.“ Er war 1860.
Natürlich tauschten sich Vater und Sohn damals aus, eingemischt hat sich Willi Bierofka aber nie. Er hat den TSV auch mal trainiert, 1988 in der Bayernliga, für anderthalb Jahre, was ordentlich ist, wenn man bedenkt, wie schnell die Löwen ihre Trainer feuern. Doch das sei eine andere Zeit gewesen. „ Daniel bereitet sich heute hochprofessionell vor. Ich weiß gar nicht, ob es da noch eine Steigerung gibt.“ Vermutlich schon, Daniel lässt sich gerade zum Fußballlehrer ausbilden.
Wie Daniel Bierofka den TSV 1860 gerettet hat, kann man an der Akademie nicht lernen. Er hat einen Verein an die Hand genommen, der umherirrte. Er hat eine Mannschaft geformt, die einen im Club neuen Stil vorlebt. „Wenn du nicht zusammenarbeitest, kannst du nichts erreichen“, sagt Willi Bierofka.
Er meint die Vereinspolitiker, die ihre Machtspiele auch in der Regionalliga fortsetzen. Man könnte daran verzweifeln. Die Bierofkas tun es nicht. „Das Löwen-Gen hat man in sich“, sagt der Vater. „Das verlierst du nicht, auch wenn negative Dinge passieren.“ Der Fall von Willi und Daniel Bierofka beweist: Verlieren kann man dieses Gen wirklich nicht, vererben aber schon.