München/Wasserburg – Claus Steger, 46, steht auf einer Lichtung in einem kleinen Wald, zum Inn sind es ein paar hundert Meter, hinter ihm das Vereinsheim des Bienenzuchtvereins Wasserburg, daneben Bienenkästen. „Ich hab schon seit 20 Jahren Bienen“, erzählt er stolz – und zündet sich erst mal eine Zigarette an. Alter Imker-Trick. Der Rauch stellt die Bienen ruhig und erleichtert Steger die Arbeit.
Der Vorstand des Wasserburger Bienenzuchtvereins zieht eine Bienenwabe raus – ganz ohne Schutzkleidung. Er sagt: „Ich bewundere den Sozialstaat der Bienen.“ Ihre Organisation, ihre Aufgabenverteilung, ihre Hierarchie.
Bienen galten früher als ein abseitiges Hobby für Naturfreunde, inzwischen sind sie so was wie die Lieblingstiere der Deutschen. Es gibt Imker-Zeitschriften, Imkerkurse in jedem größeren Ort, der meistverkaufte Roman des letzten Jahres in Deutschland hieß: „Die Geschichte der Bienen“. Das ist kein Zufall. Die Hobby-Imkerei boomt. Laut Deutschem Imkerbund ist die Zahl der Imker in Deutschland zwischen 2011 und 2017 von unter 100 000 auf etwa 130 000 gestiegen. In Bayern gibt es inzwischen über 187 000 Völker, 2009 waren es noch 25 000 weniger.
Hobby-Imker Claus Steger ist Betriebsgärtner bei der Molkerei Bauer in Wasserburg. Dort kümmert er sich auch um die Betriebsbienen. „Da ergeben sich natürlich auch Synergien mit dem Gärtnern“, sagt er, denn ein Gärtner wisse von Berufs wegen, was wann blüht und wie man ein ideales Umfeld für Bienen schafft.
Seine eigenen Bienen sind von Weißdornbüschen und Traubenkirschen umringt. Über ihnen türmt sich die mächtige Krone einer Schein-akazie. „Die mögen sie besonders gern“, sagt er, während die Bienen über seinem Kopf summen. Steger gibt auch Imkerkurse. Er erklärt, dass mehr als eine Million Blütenflüge nötig sind, um ein Glas Honig zu gewinnen. Oder dass Sommerbienen bis zu sechs Wochen und Winterbienen bis zu sechs Monate alt werden.
Seit einiger Zeit besucht ihn regelmäßig eine Abiturklasse aus Bad Aibling. Steger freut sich über die neuentdeckte Liebe der Deutschen zur Biene, aber er sagt auch: „Man muss das Imkern ernst nehmen.“ Er ist da durchaus kritisch: „Als Lifestyle-Projekt der heutigen Spaßgesellschaft eignen sich Bienenvölker nicht. Man muss ernsthaft Verantwortung für sie übernehmen“, erklärt er. „Im Mai drei Wochen Urlaub sind da einfach nicht drin. Das muss einem vorher schon klar sein.“ Mindestens einmal pro Woche sieht er selbst nach den Bienen, auch damit sie nicht ausschwärmen und verwildern.
Denn es ist so: Auch die Biene ist vom Imker abhängig. „Verwilderte Bienenvölker können nicht überleben“, sagt Steger. Ihnen wird die Varroa-Milbe, ein Bienenparasit, zum Verhängnis und attraktive Orte zum Niederlassen – wie etwa hohle Baumstämme – gibt es auch nicht mehr genügend.
Solche Dinge wissen viel zu wenige Menschen, findet er. „Das geht schon in der Grundschule los. Mein Sohn kommt im Herbst aufs Gymnasium. Wenn nicht in den nächsten zwei Monaten etwas zur Biene durchgenommen wird, hat er die ganze Grundschullaufbahn ohne Bienenkunde verbracht. Das ist überhaupt nicht gut.“ Er wirft noch einen letzten Blick auf seine Bienenkästen. Dann muss er auch schon wieder los – einen Vortrag über die Imkerei halten. „Den 21. dieses Jahr“, sagt er.
Es ist kurios: Die Biene ist so populär geworden, dass es in Städten schon Platzprobleme gibt. So müssen sich in Berlin im Schnitt schon acht Bienenvölker einen Quadratkilometer Stadt teilen, weil es so viele Hobby-Imker gibt. Auch München ist Bienen-Stadt: Ob auf dem Maximilianeum an der Isar oder auf dem Polizeipräsidium mitten in der Innenstad – Bienen summen auf vielen Dächern. Auch hier liegt das Verhältnis schon bei acht Bienenvölkern pro Quadratkilometer. Und der Stadtimker-Trend hält an.
Das Ganze hat auch seine Schattenseiten, findet Hobby-Imkerin Maja Högner, 54. „Zu viele Stadtimker können Probleme mit sich bringen, da die Konkurrenz um das Nahrungsangebot zunimmt“, sagt sie, während sie zwischen ihren Bienenkästen im Nymphenburger Schlosspark steht. Das größte Problem sei, dass sich bei vielen Bienen auf engem Raum auch Krankheiten wie die Varroa-Milbe leichter von Volk zu Volk übertragen.
Gegen eben diese Milben, die in den 1980er-Jahren eingeschleppt wurden, kämpft auch Maja Högner – allerdings nicht mit Chemikalien, sondern mit der natürlichen Oxalsäure. Das entspricht den hohen ökologischen Ansprüchen, die sie erfüllen muss, weil sie Demeter-Imkerin ist. So entsteht unter ihrer Aufsicht Bio-Honig. Die Imkerei betreibt sie nebenbei, von Beruf ist sie Uhrmacherin. „Leben kann man erst davon, wenn man 150 Völker oder mehr hält“, sagt sie. Sie findet es trotz aller Nachteile gut, dass sich gerade so viele Menschen für die Bienenhaltung interessieren. „Wer Bienen hält, lernt mit deren Augen zu sehen. Das fördert das Umweltbewusstsein sehr.“
Die Bienen haben ihren Blick auf die Welt geprägt. „Es ist wichtig, den eigenen Konsum zu hinterfragen, etwa beim Fleisch und im Umgang mit Energie“, sagt Maja Högner. „Maisfelder und viele andere Monokulturen gibt es ja nur, weil Schweine, Autos und Biogasanlagen gefüttert werden wollen.“
Auch Adi Stauß, 78, ist Hobby-Imker. „Meinen Bienen geht es besonders gut“, sagt er stolz, während er im Englischen Garten zwischen Haselnuss- und Johannisbeersträuchern steht. Der pensionierte Beamte nennt seinen Garten eine „Insel der Glückseligen“, da seine Bienen in Deutschlands größtem Stadtpark eine große Blütenvielfalt genießen. „Aber ein Bekannter von mir“, sagt er, „imkert in Fischerhäuser, einem Ortsteil von Ismaning, und der hat mit Bienensterben zu kämpfen.“ Anders als im Englischen Garten sind die Bienen dort von landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben. Da kann die Nahrung schnell knapp werden – und die Biene kann keinen Honig produzieren.
Adi Stauß ist im Sommer fast jeden Tag bei seinen Bienen. „Der Imker ist ja irgendwo auch ein Eigenbrötler“, sagt er. „Aber mich faszinieren die Tiere halt.“ Vor allem von der Solidarität der Bienen schwärmt er. Bienen putzen ihr Zuhause, sie füttern sich gegenseitig, heizen gemeinsam und teilen miteinander. Das neue Lieblingstier der Deutschen, es kann eben viel mehr als nur Honig machen.