Mittenwald – Wie ehrt man einen Menschen, der bereits alle Auszeichnungen bekommen hat? Den Bergkristall für sein 60-jähriges Dienstjubiläum bei der Bergwacht Mittenwald hat Walter Reiser schon vor 20 Jahren eingeheimst. Sämtliche Ehrennadeln und Abzeichen bekam der Bergfex vor fast einem halben Jahrhundert. Nun stand sein Bereitschaftsleiter Heinz Pfeffer, 50, vor einem Problem. Reiser hat heuer sein 80-Jähriges bei den Bergrettern des Isartals. Acht Jahrzehnte lang rettete er verunglückte Bergsteiger, war täglich im Gebirge unterwegs, riskierte sein Leben für das anderer. Reiser ist bereits länger alpiner Retter als es manche Bereitschaft in Bayern überhaupt gibt.
„Weder ich noch einer meiner Vorgänger hätte sich je träumen lassen, ein Mitglied für so lange Zeit ehren zu dürfen“, sagt Pfeffer. Die Mittenwalder Bereitschaft oder die Bergwacht Bayern haben für 80 Jahre keine Auszeichnung in petto. „So etwas hat es einfach noch nie gegeben.“ Das machte Pfeffer erfinderisch. Die Lösung für das Auszeichnungsproblem ist nun ein fußballgroßer Stein aus Ötztaler Quarz. „Ein Urgestein für ein Urgestein“, sagt Pfeffer.
Noch ehe der Bereitschaftsleiter kürzlich seine Laudatio an Reiser richten konnte, begann der rüstige Herr in kariertem Hemd und riesigem Edelweiß auf seinem Hut zu erzählen. Von einer Zeit, als der „Helm“ noch aus einem grünen Trachtenhut bestand, unter dem lediglich ein weißes Tuch und etwas Verbandszeug gegen Steinschlag schützten. Als noch in Trachtenhemd und gestickten Hosenträgern in den Bergen Verletzte geholt wurden – ausgerüstet mit Hanfseilen, selbst geschmiedeten Mauerhaken und handbeschlagenen Bergschuhen. „Die Einradbahre war unser Hubschrauber“, erzählt er lachend. „Und der Girgl unser Einsatzfahrzeug.“ Girgl, das war ein Jeep aus Wehrmachtsbeständen.
Walter Reiser steigen bei all diesen Erinnerungen Tränen in die Augen. Die vielen Bergkameraden, die der 94-Jährige überlebte. Die geselligen Hüttenabende auf der Dammkarhütte bei seinem Spezi, dem Tschulli Heini. Diese alten Hausnamen sind bis heute noch im Sprachgebrauch der Isartaler. Eigentlich hieß der Spezi Heinrich Hornsteiner. Doch auch an die vielen Toten muss er immer wieder denken, die er in all den Jahren bergen und ihren Familien übergeben musste. Zerschunden und zerschlagen in den unberechenbaren Höhen des Karwendel- und Wettersteinmassivs.
Der gebürtige Partenkirchner kennt jeden Fels, jeden Steig und jede Scharte wie seine Westentasche. Bereits mit 14 Jahren stieg er Kletterrouten, die sich viele Erwachsene nicht zutrauten. „Was hab ich daheim geschimpft bekommen.“ Wenn beispielsweise die Eltern aus der damaligen „Grenzpost“, einer Zeitung für Mittenwald und das Umland, erfahren mussten, dass ihr Kind mal wieder alleine im Wettersteingebirge kraxelte. Ein Reporter hatte ihn damals dort gesehen und darüber berichtet. Ganz genau kann er sich an die Geschichte nicht mehr erinnern. Aber er sagt: „Wir waren keine Kletterer, wir waren Verrückte.“ Am Neujahrstag 1938 war es dann so weit. Mit fünf gleichaltrigen Bergkameraden ging er zum Gebirgsunfalldienst – dem Vorgänger der heutigen Bergwacht.
So rau wie die Bergwelt an sich waren auch ihre Einsätze. Es gab keinen Piepser, keine Leitstelle, nicht einmal eine funktionierende Telefonverbindung. Alarmiert wurde nur durch bloßes Schreien ins Tal. Wenn ein Hüttenwirt oder ein Wanderer das Klagejammern vernahm. Der Oberförster Walter Reiser hat deshalb jeden Abend vor seiner Jagdhütte im Gebirge verbracht und nach getaner Arbeit den Geräuschen der Berge gelauscht. Oft waren erst gegen Einbruch der Dunkelheit Hilferufe zu hören.
Wie im Frühjahr 1949. Der Kriegsveteran suchte gemeinsam mit seinem Bergretter-Kameraden Schmulli Hans rund um den Wörner auf 2476 Metern nach einem vermissten Bergsteiger. „Wir sind alle Kare mehrmals rauf- und runtergestiegen.“ Erfolglos. Als es dunkel wurde und sich allmählich Gewitterwolken über dem Karwendel bildeten, begegneten sie beim Abstieg einer kleinen Seilschaft. „Sechs junge Akademiker“, erinnert er sich. „Lauter Ärzte.“ Ihr Ziel war die Tiefkarspitze mit ihren 2431 Höhenmetern. „Spinnt’s ihr?“, wetterte Walter Reiser damals. Sie ließen sich aber nicht von ihrer Tour abbringen und die Tragödie nahm ihren Lauf.
Um Mitternacht klopfte es an Reisers Haustür. „Ma’ hört Schreie vom Tiefkar runter“, alarmierte ihn sein Freund Sepp Kriner. Sofort machte sich der Oberförster mitsamt der Bereitschaft auf den Weg. Vor dem Einstieg zur Tiefkarspitze dann der erste Schock. Es hatte geschneit und sich „fingerdick Eis auf dem Fels gebildet“. Anstatt sich ins Tal hinabzuseilen, hat die neunköpfige Seilschaft sich im Fels verschanzt. „Auf jedem Köpferl“, also auf jeder kleinen Felsspitze, erzählt Reiser, „ist einer gehangen.“ Frierend und körperlich am Ende.
Zu zweit konnten sie jeweils nur einen Verunglückten gleichzeitig zum Fuß der Felsenwand bringen. „Wir mussten sie auf unsere Rücken binden.“ Bereits der erste Gerettete ließ nach kurzer Zeit den Kopf schlaff nach hinten hängen. „Kruzifix, jetz ist er hie’“, soll Reisers Kamerad damals aus seiner Verzweiflung heraus gesagt haben. Worte, die sich tief in sein Gedächtnis brannten. „Ein Toter muss nicht sofort ins Tal, deshalb versuchten wir wenigstens die anderen zu retten.“
Ohne Hubschrauber, moderne Wärmedecken oder technische Hilfsmittel blieb den Einsatzkräften nichts anderes übrig, als den bereits Verstorbenen mit einem Seil an die Wand zu hängen. „Den können wir morgen auch noch runterbringen.“ Sofort stiegen sie wieder nach oben. „So war es damals halt.“ Das traurige Fazit des Einsatzes: Von den neun Bergsteigern waren drei erfroren. Die restlichen sechs waren schwer verletzt. Dank der Mittenwalder Retter aber zumindest am Leben.
Die Bilder allerdings kann Reiser bis heute nicht vergessen. „Eine Bergsteigerin hing in der Wand am Seil und der Sturm und die Felsen haben sie komplett ausgezogen.“ Beim Erzählen versagt ihm die Stimme. „Es war ein schrecklicher Anblick.“
Seine Begeisterung für die Berge hat er trotz aller Tragödien nicht verloren. Bis vor wenigen Jahren war Reiser noch aktiv bei Übungen und Einsätzen dabei. Nach wie vor besucht er jede Monatsversammlung in der Mittenwalder Bereitschaft. Und er hält bei den Weihnachtsfeiern eine Abschlussrede. Er steht auch mit 94 seiner Bergwacht noch immer mit Rat und Tat zur Seite. „Sein Wissen ist für uns von unschätzbarem Wert“, sagt Bereitschaftsleiter Heinz Pfeffer.
Doch selbst in die Berge geht Reiser nicht mehr. „Dafür bin ich nun doch schon ein wenig zu alt“, sagt er. Er hat zwei Söhne und eine Tochter, sechs Enkelkinder und sogar eine kleine Urenkelin. Sein Leben spielt sich mittlerweile zu Hause ab. Aber das Gebirge, wie er es kannte, wird für immer in seinem Kopf weiterleben. Täglich malt er seine Erinnerungen in seinem Wohnzimmer auf Gemälde. Seine Schützenscheiben mit Jagdmotiven bietet er Vereinen zum Verkauf an.
Sein Haus ist sowieso ein Sammelsurium an alten Ausrüstungsgegenständen. Angefangen von seinem ersten Seil bis hin zu den Steigeisen, mit denen er Gletscher bezwang. Viele Stücke haben Museumswert. Hergeben würde er sie allerdings nie. Das würde er nicht übers Herz bringen.