Als die USA neues Geld lieferten

von Redaktion

München – „Doorknobs“ – „Türknäufe“. Das war auf 23 000 Holzkisten zu lesen, die ab November 1947 mit mehreren Schiffen in Bremerhaven anlandeten. Die Frachter kamen aus den USA, ihr eigentliches Ziel war Barcelona – zumindest stand das in den Papieren. Aber statt Kurs auf Spanien zu nehmen, löschten die Schiffe bereits an der Nordseeküste ihre Fracht. Bremerhaven war damals eine Enklave der Amerikaner in der britischen Besatzungszone.

Am Hafen überwachten US-Soldaten, wie die Türknauf-Kisten für den Weitertransport in Sonderzüge verladen wurden. In Frankfurt gingen die Kisten per Militärlaster zur ehemaligen Reichsbankzentrale, ihr Inhalt wurde in den Tresorräumen eingelagert. Spätestens jetzt war klar, dass in den Kisten keine Türknäufe waren: Unter dem Holz versteckten sich Papierbündel, Aufdruck: „Deutsche Mark“.

Bereits 1947 hatten die Amerikaner in New York und Washington im Rahmen der Operation „Bird Dog“ damit begonnen, neues Geld für den einstigen Kriegsgegner zu drucken. D-Mark mit einem Gesamtgewicht von 1000 Tonnen schickten die USA über den Atlantik. Von Frankfurt sollte das Geld an die neuen Landeszentralbanken verteilt werden.

In München kämpfte die Landeszentralbank mit ganz praktischen Problemen: Die Nazis hatten ihren geplanten Neubau des Herzog-Max-Palais für die Reichsbank nie fertiggestellt, Teile des Gebäudes waren zerbombt. Damit fehlte in München ein Tresorraum, der große Mengen an Bargeld hätte aufnehmen können. Es mag wie eine Ironie der Geschichte klingen, aber der Neubau des Tresors drohte 1947 ausgerechnet an einer stabilen Währung zu scheitern. Nach Kriegsende ließen sich Arbeiter auf Münchner Baustellen mit Naturalien wie Zigaretten bezahlen, für wertlose Reichsmark wollte kaum jemand schuften. Problem dabei: Behörden entlohnten auf ihren Baustellen selten mit Naturalien, auch die Landeszentralbank besaß vor allem wertlose Reichsmark. Ihr gelang es daher nur mit Mühe, ihren Tresor an der Ludwigstraße zur Währungsreform 1948 zumindest so weit fertigzustellen, dass er die großen Mengen an neuem und altem Geld aufnehmen konnte. Die Geldumstellung gelang: Am 20. Juni bekam die Bevölkerung in Bayern den geheimen Inhalt der 23 000 Türknauf-Kisten aus den USA zu Gesicht. Sebastian Hölzle

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