München – Ein Dienstagvormittag im Juni 2018, die Bundesbank-Filiale in München hat bereits seit 9 Uhr geöffnet. Sobald ein Bus an der Haltestelle Freiligrathstraße hält, ahnt der Pförtner bereits, welcher der Busfahrgäste gleich Kurs auf das Gebäude der Bundesbank nehmen wird. Durch die Glasfront hat der Pförtner einen Überblick über das, was draußen auf der Leopoldstraße passiert, die hier nur wenige Meter entfernt die Freiligrathstraße kreuzt.
Die Taschen, Plastiktüten und Kartons der Busfahrgäste verraten, dass ihr Ziel die Münchner Bundesbank-Filiale ist. Manch einer zieht auch einen Rollkoffer hinter sich her. Die Menschen haben Scheine und Münzen im Gepäck, von einer Währung, die seit Jahren kein offizielles Zahlungsmittel mehr ist. Aber auf Dachböden, in Asbach-Flaschen, unter Matratzen und in Sammelalben hat ein Milliarden-Schatz alter D-Mark-Scheine, -Münzen und Pfennigstücke überlebt. Über 16 Jahre nach der Euro-Umstellung vermisst die Bundesbank noch immer 12,6 Milliarden Mark.
Wie jeden Tag haben sich heute in München wieder dutzende Menschen auf den Weg zur Bundesbank gemacht. Eine Art letzter Gang für eine Währung, die für die Deutschen jahrzehntelang ein Versprechen für Wohlstand, Aufschwung und Stabilität war. Heute wäre die D-Mark 70 Jahre alt geworden. Kaum war das neue Geld 1948 in Umlauf, füllten sich in den westlichen Besatzungszonen die Schaufenster und Regale. Übrig geblieben vom einstigen Schmierstoff des deutschen Wirtschaftswunders ist ein Milliarden-Rest, der Tag für Tag schrumpft. Die Bundesbank, jahrzehntelang Hüterin der D-Mark, ist zu ihrer Totengräberin geworden. Für rechnerisch 1,95583 D-Mark zahlt sie einen Euro – zeitlich unbegrenzt, verspricht sie.
Lydia Stanner ist heute extra mit dem Auto aus Forstern im Landkreis Erding nach München gefahren. Beim Entrümpeln des Dachbodens hatte sie rund 400 Mark gefunden, erzählt sie. Geld, das ihrem verstorbenen Schwiegervater gehört haben muss – jetzt gibt sie das Geld am Schalter ab und erhält dafür rund 200 Euro.
Daniela und Egon Gollong haben zwei Sammelbögen mit Sondermünzen der Olympischen Spiele 1972 mitgebracht. Jeder Bogen ist mit 20 Zehnmarkmünzen bestückt, macht bei zwei Bögen 400 Mark. Die beiden Bögen gehören eigentlich ihren beiden Kindern, sagen sie, die seien aber längst aus dem Haus. Die Oma habe die Münzen einst bei der Hypo-Bank für die Enkel gekauft – die erhoffte Wertsteigerung ist ausgeblieben. In wenigen Minuten wird die Erinnerung an die Olympischen Spiele in München für immer hinter Panzerglas verschwinden.
Auch bei Sammelmünzen gilt der Wechselkurs 1,95583. Die Bundesbank kennt hier keine Ausnahme. Etwas über 200 Euro zahlt sie den Gollongs für die Gedenkmünzen. „Jedes Kind bekommt davon die Hälfte“, sagt Egon Gollong. Die beiden Münchner wirken erleichtert, nachdem sie die Staubfänger losgeworden sind. Nostalgie? Keine Spur. „Wir reisen viel, wir sind Europäer“, sagt Daniela Gollong. Der Euro habe viele Vorteile gebracht, auch wenn die Währung so ihre Probleme habe.
Auch beim 24-jährigen Marvin Feldner ist von Wehmut nichts zu spüren. Warum auch: Als das D-Mark-Bargeld 2002 als Zahlungsmittel abgeschafft wurde, war er noch ein Kind. Er hat einen Schuhkarton im Gepäck, darin ist eine wilde Mischung aus alten Zehnern, Zwanzigern und Fünfzigern sowie Markstücke aller Art. „Das liegt schon ewig daheim rum“, sagt Feldner. Seine Mutter habe ihn heute losgeschickt, um das alte Geld endlich in Euro zu wechseln.
Nur eine ältere Dame, ihren Namen möchte sie nicht nennen, trauert ein wenig ihrem 100-Mark-Schein hinterher, den die Bundesbank gerade für immer dem Währungskreislauf entzogen hat. Es war eine Banknote aus den Fünfzigerjahren, eine der ersten Serien. Jahrelang habe sie den Schein in ihrer Schmuckschatulle aufbewahrt, sagt sie. Der Bundesbank war die historische Banknote 51 Euro und 13 Cent wert.
„Alle D-Mark-Scheine werden noch am selben Tag hier vor Ort geschreddert“, sagt Reiner Pillep. Pillep ist Chef der Münchner Bundesbank-Filiale und dafür verantwortlich, dass das Ende der D-Mark ein geordnetes ist. „Die Münzen werden zum Bayerischen Hauptmünzamt transportiert, anschließend deformiert und später von Metallfirmen weiterverarbeitet.“
Die Statistiken des Filial-Chefs spiegeln den täglichen Ansturm wider: Demnach kamen 2017 im Schnitt jeden Tag 40 Menschen in die Leopoldstraße, um sich von dem alten Geld zu trennen. Jeder Besucher hatte durchschnittlich 650 Mark im Gepäck – das macht eine tägliche Ausbeute von 26 000 D-Mark. Aufs Jahr gerechnet wechselte die Bundesbank damit allein in München 6,7 Millionen Mark in Euro.
„Den Tagesdurchschnitt nach oben treiben einzelne hohe Geldbeträge“, sagt Pillep. Erst dieses Frühjahr habe ein Mann über 100 000 Mark zurückgegeben. „Das Geld wäre beinahe im Altpapier gelandet.“ Der Sohn eines Fliesenlegers hatte auf dem Dachboden seines verstorbenen Vaters alte Fliesenkartons gefunden. Als er die Kisten auf dem Wertstoffhof entsorgen wollte, sei ein Karton zu Boden gefallen und geplatzt. Zum Glück: In den Fliesenkartons hätten Gelscheinbündel im Wert von über 100 000 Mark gelagert, beinahe sei es im Altpapiercontainer gelandet.
„Dass ein Kunde über 100 000 Mark abgibt, kommt etwa zwei Mal im Jahr vor“, weiß Pillep. Klar ist aber auch: Bei hohen Geldbeträgen prüft die Bundesbank sehr genau, ob es sich um Schwarzgeld handelt. Neulich habe ein Kunde sogar beinahe die Millionengrenze geknackt, erinnert sich Pillep. Der Inhaber eines Münchner Unternehmens habe das Geld über Jahre gehortet, nur dessen Frau habe all die Jahre von dem Versteck gewusst. Nach dem Tod des Unternehmers habe sie sich irgendwann entschlossen, den Millionen-Schatz in Euro zu tauschen – der Geldwäscheverdacht steht in solchen Fällen zunächst einmal im Raum.
Manchmal spielen sich in der Bundesbank-Filiale auch Dramen ab: Etwa einmal im Monat komme es vor, sagt Pillep, dass Kunden Falschgeld aus der D-Mark-Ära abliefern. Dann bleibt den Mitarbeitern nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen. Für die Kunden ist das peinlich, da sie in vielen Fällen keine Ahnung von den Blüten hatten.
Andere Menschen dagegen haben schlicht Glück: Vor wenigen Wochen habe ein Mann seinen 30 Jahre alten Hochzeitsanzug zur Altkleidersammlung bringen wollen, erzählt Pillep. Gerade noch rechtzeitig habe der Mann einen 500-Mark-Schein in der Tasche des Jacketts entdeckt. Ein Hochzeitsgast hatte ihm das Geld auf der Feier wohl zugesteckt. Je länger der Münchner Bundesbank-Chef erzählt, desto klarer wird: 70 Jahre nach ihrer Einführung ist die D-Mark noch lange nicht tot.
Im Internet erlebt die alte Währung gerade sogar eine Renaissance als Zahlungsmittel. Seit etwa zwei Jahren akzeptiert der Online-Shop Hertie die D-Mark wieder. Nur etwas umständlich ist das Online-Shopping mit dem alten Geld: Kunden müssen nach einer Bestellung ihre Mark-Scheine in Briefumschläge stecken und per Post an den Händler schicken. Dafür ist der Umrechnungskurs zum Euro günstiger als bei der Bundesbank, verspricht Hertie. Das Konzept scheint aufzugehen: Seit August 2016 hat das Unternehmen einen „höheren fünfstelligen Betrag“ eingenommen, sagt ein Firmensprecher.
Und wer heute noch immer ganz offiziell in Mark bezahlen will, muss nach Bosnien und Herzegowina reisen. Nach dem Ende des Bosnienkrieges 1995 hat der junge Staat drei Jahre später die „Konvertible Mark“ eingeführt. Die neue bosnische Währung wurde im Verhältnis eins zu eins an die D-Mark gekoppelt. Eine Mark sind 100 „Fening“. Bis heute ist die Konvertible Mark die offizielle Währung des Balkanstaates. Da die bosnische Mark die Euroumstellung überlebt hat, ist sie inzwischen fest an den Euro gekoppelt. Ihr Umrechnungskurs zum Euro beträgt damit 1,95583 – exakt wie der Wechselkurs der D-Mark.
Es zeigt sich: 70 Jahre nach ihrer Einführung ist der Tod der D-Mark ein schleichender. Mal überlebt sie in Form von ausländischem Geld, mal als Zahlungsmittel im Online-Handel, mal als eiserne Reserve auf dem Dachboden. Und wenn die Deutschen weiterhin im bisherigen Tempo ihr Geld zur Bundesbank tragen – deutschlandweit flossen 2017 90 Millionen Mark zurück –, wird es noch bis zum Jahr 2158 dauern, bis der letzte Zehnmarkschein geschreddert und der letzte Pfennig im Altmetall gelandet ist. Der Großteil des fehlenden D-Mark-Bargeldes dürfte aber ohnehin auf ewig verschollen bleiben. Übrig bleiben wird eine Zahl in den Büchern der Bundesbank, die für immer an eine alte Erfolgsgeschichte erinnert.