München – Wenn Reinhard Lachner in diesen Tagen ans Telefon geht, muss er oft dasselbe sagen. Dass seine Mitarbeiter bereits mit Aufträgen überhäuft sind, dass er nicht jeden neuen Wunsch sofort erfüllen kann, dass er aber noch versucht, ihn in den Terminplan einzuflechten. Am Ende bittet er dann um Verständnis. Als Bauunternehmer muss man zur Zeit auch Diplomat sein.
Lachner, 64, sitzt an diesem Nachmittag in einem kleinen Konferenzraum der Bauunternehmung Vitus Lachner in Moosach. Die Erde an seinen Schuhen verrät, dass er gerade erst eine Baustelle besichtigt hat. Vor 34 Jahren hat Lachner, Diplom-Ingenieur, angefangen, für das Familienunternehmen zu arbeiten, 1990 stieg er zum Geschäftsführer auf. So viele Baustellen wie in diesen Monaten musste er noch nie abklappern. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir schon mal so einen Auftragsbestand hatten“, sagt er. Im Kalender reiht sich Auftrag an Auftrag – bis Weihnachten, mindestens.
Wer gerade einen Handwerker sucht, der muss warten, oft mehrere Wochen. In Oberbayern, das teilt die Handwerkskammer mit, gab es zum Ende des vergangenen Jahres 79 699 Handwerksbetriebe mit 299 300 tätigen Personen – Tendenz: leicht steigend. Warum aber reicht das plötzlich nicht mehr?
Um den Zustand der Branche zu verstehen, muss man in ihre Vergangenheit blicken. Am Beispiel der Firma Lachner kann man die Entwicklung besonders gut erklären. Als Reinhard Lachner 1990 in die Verantwortung rückte, beschäftigte er 45 Mitarbeiter. Heute sind es zwölf. Die Nachfrage, sagt er, sei irgendwann eingebrochen. Um die wenigen verbliebenen Aufträge konkurrierten damals plötzlich Unternehmen, die Arbeiter aus Osteuropa anstellten. Es fiel ihnen leicht, die Preise der regionalen Handwerker zu unterbieten. „Wer die neuen Preise nicht mitmachen wollte, musste mit Subunternehmern arbeiten, sich verkleinern oder ganz aufhören“, sagt Lachner. Er beschloss, Mitarbeiter zu entlassen – und rettete das Unternehmen. Andere schafften das nicht. „Im Bauwesen“, sagt Lachner, „hat seit damals die Hälfte der Betriebe aufgehört.“
Nun ahnten die Handwerksmeister natürlich, welche Konsequenzen entstehen könnten. Den meisten Bürgern offenbarte sich das Ungleichgewicht erst, als die Europäische Zentralbank (EZB) im Kampf gegen die Eurokrise mit den Zinsen spielte. Die neue Nullzinspolitik verleitete Privatleute nämlich dazu, Geld auszugeben. Also riefen viele mal wieder beim Handwerker an. „Die Leute haben verstanden, dass ihr Geld auf der Bank keine Zinsen bringt“, sagt Lachner. „Also investieren sie vor allem in Immobilien. Die behalten ihren Wert langfristig.“
Wer sich nun aber frage, warum er gleich mehrere Wochen auf einen Handwerker warten muss, der kenne eben jene Gleichung aus der Baubranche nicht: Vor 25 Jahren betreuten die Unternehmen weniger Aufträge als heute – mit doppelt so vielen Fachkräften.
Die Situation dürfte angespannt bleiben. Lachner glaubt, dass sich die Investitionslust der Oberbayern fortsetzt. Ein, zwei Jahre noch, mindestens. Er wäre daher bereit, neue, qualifizierte Facharbeiter einzustellen. „Das Personal gibt es aber einfach nicht.“ Um überhaupt Nachwuchs zu finden, setzt er nicht mehr nur auf klassische Stellenanzeigen. Er tauscht sich zum Beispiel mit der privaten Schlau-Schule in München aus, die jungen Flüchtlingen beim Schulabschluss hilft. Gerade bildet er einen jungen Mann aus Sierra Leone aus, der die Schule besuchte. Vor neun Jahren schon stellte er auf ihre Empfehlung einen Afghanen ein. Er arbeitet noch immer für Lachner.
Wo aber bleibt der Nachwuchs? Die Handwerkskammer für München und Oberbayern zählte 2017 in ihrem Bezirk 23 253 Auszubildende. Ein Plus von 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, zu wenig aber, um den Ansturm der Kunden abzufedern.
Anton Berchtold kennt diese Zahlen. Wenn der Unternehmer aus Dachau aber die Aussicht der Elektrobranche bewertet, schwärmt er. Das Fach setze sich schon jetzt mit Aufgaben auseinander, die modern bleiben werden: Smarthome, Energieverfahren, Sicherheitstechnik. Beim Nachwuchs sei nur das Kfz-Handwerk noch beliebter. Er sagt: „Wir sind ein Zukunftsberuf mit großer Beliebtheit.“
Berchtold, 66, führt den Familienbetrieb Schulmayr & Berchtold, der sich 1975 auf Elektroinstallationen spezialisiert hat. In seinem Büro in der Dachauer Altstadt hat er die Nachwuchszahlen der Elektro-Innung München ausgewertet, die seinen Optimismus belegen sollen. Mehr als 1000 Betriebe gehören diesem Interessenverband an. 2015 schlossen die Unternehmen 511 neue Ausbildungsverträge ab, 2016 waren es 554, 2017 sogar 598. Klingt vielversprechend. Nur passt es nicht zusammen mit einer anderen Statistik, die Berchtold vorträgt: 45,2 Prozent aller Elektro-Betriebe melden gerade offene Stellen. Was die Zahl der Mitarbeiter angeht, tut sich der Zukunftsberuf schwer mit der Gegenwart.
Berchtold beschäftigt in Dachau zwei Elektriker. Für vier bis sechs Wochen sind sie stets verplant. Einen „Boom“ will er das nicht nennen, er erinnert sich aber an schlechtere Jahre. Berchtold ist in der Szene gut vernetzt. Er hört, was seine Kollegen berichten. Sie wären froh, die steigende Nachfrage mit mehr Personal kontern zu können. Es fehlen ihnen aber schlicht die Facharbeiter.
Es gibt ein paar mehr „dunkle Wolken“, die Berchtold aufziehen sieht. Etwa die vielen Generalunternehmen, die den Markt mit unseriösen Angeboten schwemmen oder die steigenden Kupferkosten, die die Elektriker einplanen müssen. Die größte Herausforderung erwartet Anton Berchtold aber am eigenen Schreibtisch. „Es kostet so viel Zeit, bis du diesen Formalismus erledigt hast“, sagt er. „Handwerk wird immer mehr Bürokratie – leider.“
Diesen Eindruck teilt Reinhard Lachner, der Bauunternehmer aus Moosach. „Die Vorschriftenlandschaft hat sich dramatisch verändert“, sagt er. Den Wandel erklärt er gerne am Beispiel des Brandschutzes: Früher habe der Stahlleger einen Bericht geschrieben. Heute aber sieht das Gesetz einen Gutachter vor, der den Brandschutz nachweist. Ihm folgt ein Prüfsachverständiger, der noch einmal kontrolliert, was der Gutachter festgehalten hat. Ein Doppelcheck, der früher nur in Ausnahmefällen, etwa großen öffentlichen Gebäuden, notwendig war. „Natürlich ist der Brandschutz wichtig“, sagt Lachner, „aber dieser Prüfaufwand kostet Geld und Zeit.“
Lachner erzählt viele dieser Geschichten. Etwa die der Schalldämmung, wo vier zusätzliche Zentimeter sehr viel Geld kosten, aber fast keinen Mehrwert haben. Oder die des Entsorgungsgesetzes für Gewerbeabfall, das vorsieht, den Baustellenmüll in zehn Fraktionen zu trennen. „Da muss man noch den Mörtel von Fliesen runterhauen. Das ist Bürokratie aus Brüssel und Berlin.“
Die Entscheidungen der Gesetzgeber wirken sich auf die Handwerksbetriebe aus. Um genau zu sein: auf die Preise. Manche Kunden werfen ihnen Gier vor. Lachner aber erwidert: „Wir können endlich aufholen und kostendeckend kalkulieren.“ Den Anstieg der Preise rechnet er den neuen Vorschriften, vor allem aber den „exorbitanten Grundstückspreisen“ zu. „Wenn ich ein Grundstück kaufe, muss ich mich fragen, kann ich das Haus noch bauen oder nicht.“
Offenbar können das noch genug, weshalb Lachner viel zu tun hat. Die Handwerkergilde muss sich in diesen Tagen, wo Zinsen fehlen und das Geschäft blüht, aber auch der Probleme annehmen. Klar, der Bürokratie aus Brüssel oder Berlin sind sie manchmal ausgeliefert. Mit dem Nachschub an Fachkräften aber können sie sich auseinandersetzen. Ihre Zukunft hängt davon ab. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Oberbayern immer so fleißig beim Handwerker anrufen.