München – „Ein Anzugträger eilt mit schnellen Schritten zu seinem Wagen“: Dieser Satz aus einem Roman konnte frühestens in den 1990er-Jahren geschrieben werden. Vorher gab es nämlich keine „Anzugträger“ – sprachlich. Das Wort ist eine Neubildung, die allerdings etwas längst Bekanntes bezeichnete: den Mann, der Anzug trägt. Männer im Anzug waren bis kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts aber so alltäglich, dass es nicht der Rede wert erschien.
Heute hingegen fällt ein Mann im Anzug in den meisten Situationen auf: Zum Beispiel ein Trickbetrüger, der an der Kasse von Supermärkten Geld wechselte und dabei einige Scheine verschwinden ließ. „Der Täter“, meldete der Polizeibericht, „ist etwa 50 Jahre alt, hat eine kräftige Statur und spricht Deutsch mit ausländischem Akzent. Er war mit einem Anzug bekleidet.“
Der klassische Anzug, bestehend aus langer Hose, (Weste) und Jackett, erhielt um 1865 seine Grundform und wurde im 20. Jahrhundert weltweit zur beherrschenden formellen Bekleidung für Männer. Hose und Jackett sind aus demselben Stoff geschneidert, meist einfarbig oder dezent gemustert. Gegenüber der Farben-, Form- und Materialvielfalt der Frauenkleidung wirkt der Anzug uniform und stellte modegeschichtlich eine Revolution dar: Mit dem Anzug verabschiedete sich der Mann aus der Mode, die nun „weiblich“ wurde und nur noch das „schöne“ Geschlecht betraf.
Die modische Geschlechtertrennung war im ausgehenden 19. Jahrhundert den Zeitgenossen durchaus bewusst. Der Philosoph und Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer schrieb 1879: „Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Taten seine Persönlichkeit geltend machen.“
Wie erklärt sich der Erfolg des Herrenanzugs, einer Bekleidung, in der man weder glänzen noch „authentisch“ wirken kann? Der Anzug symbolisierte ursprünglich eine politische Botschaft, nämlich die Gleichheit der (männlichen) Staatsbürger und die Ablehnung höfischen Prunks.
Die lange Hose des Anzugs geht zurück auf die Französische Revolution von 1789, als die Revolutionäre bewusst nicht die aristokratische Kniehose (französisch culotte) trugen und „Sanskulotten“ (Leute ohne Kniehose) genannt wurden. Optisch machte die lange Hose die Beine des Trägers unsichtbar: Stramme Waden in engen Strümpfen konnten nun nicht mehr, wie bei der Kniehose, als männliches Schönheitsmerkmal zur Geltung kommen.
Auch die Oberbekleidung des Mannes verhüllte im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr den Körper. Die Sakkojacke des Anzugs verbarg, im Unterschied zur Frackjacke, den Hosenverschluss, hatte keine Schöße und Taillierung, sondern bedeckte wie ein „Sack“ (italienisch sacco) gleichförmig den Oberkörper. Verstärkt wurde diese Gleichförmigkeit dadurch, dass die Jacken stark gefüttert waren, ebenso die Hose am Bund. Der Anzug wog deshalb schwerer als heute und war nicht bequem zu tragen. Der Beliebtheit des Anzugs tat das keinen Abbruch: Im Zuge der Massenkonfektion wurde anfangs des 20. Jahrhunderts der Anzug „von der Stange“ für fast alle Bevölkerungsschichten erschwinglich und kam als „Sonntagsanzug“ in den durchschnittlichen Haushalt.
Der bürgerliche Herrenanzug wurde gleichbedeutend mit „Kleidung des Mannes“, und seine Form blieb unverändert, abgesehen von Details wie mit oder ohne Hosenumschlag, Zahl der Jackenknöpfe und den Accessoires (Krawatte, Einstecktuch usw.). Ästhetische oder funktionale Kritik an dieser Männerbekleidung gab es nur vereinzelt, etwa in folgender „weiblicher Betrachtung“, die 1929 das Deutsche Hygienemuseum veröffentlichte: „Der Mann von heute […] schichtet Stoffmengen um seinen Körper, deren merkwürdige unterschiedliche Aufteilung derart widersinnig ist, dass sich weder vom hygienischen noch vom bewegungstechnischen oder praktischen Standpunkt aus eine Begründung finden lässt. Keinen Hals, keinen Arm, keine Brust, keine Hüfte spürt man, von Bewegung ganz zu schweigen! [Aber] dem Mann sind die gleichen Möglichkeiten gegeben wie der Frau.“
Zu einer „Befreiung“ vom Anzug kam es erst in den späten 1960er-Jahren im Zuge der Protestbewegung von Jugend und Studenten. Wie bei der Einführung des Anzugs ging es auch bei dessen Abschaffung um eine politische Botschaft: Der Anzug stand nun nicht mehr für politische Gleichheit, sondern erstarrte Konventionen und für die Herrschaft des Establishments, die es aufzubrechen galt. Mit der Protestpartei der Grünen traten 1983 erstmals Abgeordnete ohne Anzug und Krawatte im Deutschen Bundestag auf.
Die Arbeitswelt blieb allerdings von dieser neuen Kleiderordnung zunächst unbeeinflusst: In den Büros herrschten weiter Anzug und Krawatte, sozusagen die Berufsuniform der männlichen Angestellten. Der Anzug formte sie zu „Leistungsträgern“, auf deren Sachlichkeit, Diskretion und Kompetenz man sich verlassen konnte. Dieser Dresscode, der sich in den 1990er-Jahren lockerte, platzte anfangs des 21. Jahrhunderts aus allen Nähten: Erstens durch die Finanzkrise, welche eine vorher unvorstellbare Inkompetenz der „Anzugträger“ der Bankenwelt aufzeigte und, zweitens, durch die Internetwirtschaft, welche Männer, die öffentlich in Jugend- und Freizeitkleidung auftraten, zu Milliardären machte. Der klassische Herrenanzug hatte seine Allgemeingültigkeit verloren.
Für den modernen Mann stellte sich damit eine neue Frage: Was soll ich anziehen? Zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch. „Grundsätzlich“, meint hierzu ein User im Internet, „sollte man schon ordentlich gekleidet sein, aber wenn man schicker als der Gesprächspartner erscheint, so kann das sehr nach hinten losgehen.“
Der gute alte Anzug entlastete den Mann von solchen Problemen und sorgte für eine sichere kulturelle Orientierung. Das ist Vergangenheit. Der Trend geht heute zur „Informalisierung“, einer legeren Bekleidung, für die es aber – ähnlich wie beim spontanen Duzen – noch keine festen Regeln gibt: Ist Anzug ohne Krawatte locker genug? Andererseits: Warum erschien Mark Zuckerberg, als er kürzlich wegen des Datenmissbrauchs bei Facebook vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen musste, geschniegelt und gebügelt im Anzug und nicht im üblichen Kapuzenpulli? „Aus Respekt“, hieß es.
Das Wort Anzugträger, das in den 1990er-Jahren in Umlauf kam, hat einen spöttischen Beigeschmack: Es erinnert an Amts-, Bedenken- und Uniformträger, also Personen, deren Individualität hinter ihrer Funktion zurücktritt. Der „Anzugträger“ gilt heute als Gegenteil des „Kreativen“; er erscheint häufig im Kollektiv („eine Reihe/ein Tross/ein Heer von Anzugträgern“), ist namenlos und nimmt nicht mehr, wie früher, in der Hierarchie eine herausgehobene Stellung ein.
Ganz anders die „Anzugträgerin“. Dass Frauen Anzug tragen, kam bis Mitte des vorigen Jahrhunderts nur in seltenen Fällen vor: zum Beispiel bei Schriftstellerinnen wie der Französin George Sand (1809-1876) oder Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich. Erst in den 1960er-Jahren, als Pariser Modehäuser den „Hosenanzug“ in ihre Kollektionen aufnahmen, wurde dieses Ensemble aus langer Hose und Jacke, darunter meist Bluse, salon- und politikfähig: Am 14. Oktober 1970 hielt im Bundestag eine Abgeordnete erstmals im Hosenanzug eine Rede.
Auch der weibliche Hosenanzug steht – wie einst der Herrenanzug – für eine politische Botschaft: Eine Frau ist Chef! Entscheiderinnen aus Wirtschaft und Politik wählen deshalb „im Dienst“ häufig den Hosenanzug – an ihrer Spitze die Bundeskanzlerin (die als Ministerin noch Rock trug). Werden die Frauen mit dem Hosenanzug den klassischen Herrenanzug retten? Vielleicht. Zumindest halten sie dessen geschichtliches Erbe hoch: den Anzug als Symbol der Macht.