4 Fragen aN

„Wir ziehen uns die Macht an“

von Redaktion

Gesa Teichert, 42, ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK). Sie hat über Herrenkleidung promoviert.

Mode gilt heute als Frauensache. War das immer schon so?

Hätte man die Schränke der Adligen im 18. Jahrhundert aufgemacht, hätte sich der Inhalt bei Männern und Frauen kaum unterschieden: aufwendige Materialien, Farben, Perücken, Schminke. Bis zur bürgerlichen Revolution war alles eine Frage des Standes, das Geschlecht zählte erst später. Dann zogen sich die Männer aus der Mode zurück. Was geblieben ist: Man will über Kleidung Wohlstand zeigen, und das tut in der bürgerlichen Gesellschaft die Frau.

Gibt es so etwas wie männliche Modesünden?

Im kulturwissenschaftlichen Sinn würde ich nie etwas als Modesünde bezeichnen. Konventionen sorgen dafür, dass Kleidungsentscheidungen als Modesünden be- oder verurteilt werden. Daran werden die Regeln überhaupt erst sichtbar, zum Beispiel, dass Pink keine Farbe für Männer sei. Oder Kleidung, die den männlichen Körper zu stark betont, wie Sakkos mit Schulterpolstern in den 80ern. Sowas sieht man rückblickend auch als Verfehlung.

Die Frau kann Anzug tragen, der Mann aber kein Kleid. Sind wir in der Mode gleichberechtigt?

Da gibt’s keine Hierarchie. Wir hatten eine Frauenbewegung, die sich mit den Bereichen auseinandersetzt, in denen Frauen Barrieren erleben. Da haben wir uns den Anzug angeeignet, weil er für das Männliche steht. Andererseits ist das Kleid für den Mann auch nicht attraktiv. Es ist nur schmückend und damit zweitrangig.

Wie kann Mode Macht ausdrücken?

Mode war immer Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, von der Verteilung von ökonomischen Möglichkeiten. Das war schon beim Adel so. Männer haben in der Geschichte lange Zeit mehr Möglichkeiten gehabt. In die männliche Kleidung ist sozusagen der unsichtbare Faden der Macht eingewebt. Wenn ich mich als Frau für einen wichtigen Anlass kleide – der Klassiker wäre das Vorstellungsgespräch –, ist es ein probates Mittel, in den Kleiderschrank der Herren zu greifen. Der Anzug symbolisiert vieles, was als männlich gilt: kluge Dinge zu sagen, vernunftbegabt zu sein, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Das kann ich mir damit anziehen.

Interview: Kathrin Brack

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