München – Beate Zschäpe klappt ihren Laptop zu. Zuvor hat sie ein weißes Papier zwischen Tastatur und Bildschirm geschoben, darauf der Entwurf ihrer Schlussworte. Mit klarer Stimme trägt sie ihre Gedanken vor, flüssig und zügig, und doch wirkt sie angestrengt. Sie habe sich immer schon schwergetan, bei offiziellen Gelegenheiten frei vor großer Runde zu sprechen, erklärt sie Über die Jahre in der Untersuchungshaft seien außerdem bei ihr immer mehr Konzentrationsstörungen aufgetreten.
Es war das zweite Mal, dass Zschäpe im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) München sprach. Doch so lange wie gestern hat sie sich noch nie artikuliert. In ihrer fünfminütigen Ansprache entschuldigte sie sich bei den Angehörigen, bereute Geschehenes und beteuerte noch einmal, nicht gewusst zu haben, nach welchen Kriterien ihre beiden Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Opfer ausgesucht hätten. „Hätte ich weitere Kenntnisse, würde ich sie spätestens jetzt hier preisgeben, da es für mich keinerlei Grund gibt, irgendetwas zu verschweigen“, las Zschäpe vor.
Die Eltern von Halit Yozgat (21), dem neunten Mordopfer aus dem hessischen Kassel, waren in diesem Moment gedanklich schon einen Schritt weiter. Erneut hatten sich Ayse und Ismail Yozgat nach München zum NSU-Prozess begeben, um Beate Zschäpe sprechen zu hören. Doch was sie sagte, brachte für die trauernden Eheleute keine neuen Erkenntnisse.
„Wir werden das Urteil nicht anerkennen“, erklärten sie später ihren Landsleuten unter den Journalisten, das hatten sie schon einige Male betont. Die Eheleute hatten 2006 ihren sterbenden Sohn in einem Kasseler Internetcafé gefunden und waren nie über den Verlust hinweggekommen. Vor allem die Umstände der Tat waren aus ihrer Sicht nie ausreichend ermittelt worden. Gerne hätten sie die Auffinde-Szene im Prozess nachgestellt, so wie sie es im NSU-Ausschuss durften. Doch das Gericht um den Vorsitzenden Manfred Götzl ging auf dieses Ansinnen nicht ein.
Zschäpe fand auch für die Eltern eigene Worte. „Ich bin ein mitfühlender Mensch und habe sehr wohl den Schmerz, die Verzweiflung und die Wut der Angehörigen sehen und spüren können“, sagte sie. „All dies hat mich selbstverständlich betroffen gemacht und belastet mich bis heute“, behauptete die Angeklagte. Auch, wenn die Bundesanwaltschaft, die Nebenklageanwälte und die Medien ihr genau das absprechen würden. Sie selbst wünsche sich, einen Abschluss zu finden, um irgendwann ein Leben ohne Abhängigkeit, ohne Gewalt und Ängste führen zu können. Die Tatsache, dass sie im Sitzungssaal nicht die gewünschte Reaktion gezeigt habe, heiße nicht, dass sie nicht erschüttert und entsetzt gewesen wäre.
Zschäpe will die Auswirkungen der „schrecklichen“ Taten ihrer Freunde erst Stück für Stück erkannt haben, durch Tatort-Fotos, grausame Details aus den Akten und die Vernehmung traumatisierter Bankangestellter. Insider halten diese Einschätzung für fast unmöglich. Dass sich die beiden Männer und Beate Zschäpe 14 Jahre als Einheit im Untergrund bewegten, scheint nachvollziehbar. Dass sich das Trio aber auch untereinander abschottete, ist psychologisch höchst unwahrscheinlich. Zschäpe ließ jedoch am letzten Tag vor dem Urteil nicht erkennen, dass sie sich irgendwann mit dem Gedanken getragen hatte, ihre Freunde bei der Polizei zu verpfeifen, um weitere Morde zu verhindern. „Meine damalige Unfähigkeit, die Dinge aufzuhalten und meine Schwäche, mich von Uwe Böhnhardt zu trennen, bereue ich zutiefst“, sagte sie.
Sie appellierte an den Senat und insbesondere den Vorsitzenden Richter, ein Urteil zu fällen, das unbelastet von öffentlichem und politischem Druck sei. „Bitte verurteilen Sie mich nicht stellvertretend für etwas, das ich weder gewollt noch getan habe“, bat sie. Die Ankläger hatten Zschäpe als Mittäterin gesehen und lebenslange Haft mit Sicherungsverwahrung gegen sie beantragt. Ihre beiden Verteidigerteams halten sie für die Morde und Anschläge für unschuldig.