Sammler stellt alte Werbung aus

Eglings schönstes Schaufenster

von Redaktion

von Volker Ufertinger

Egling – Neulich, nach dem Bleiplattl-Turnier der Ortsvereine, ist es wieder passiert. Da hat sich eine Menschentraube vor dem alten Kramerladen in der Dorfmitte von Egling im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen gebildet. Den Laden der Familie Knabl gibt es längst nicht mehr, und die Leute sind es eigentlich gewöhnt, dass die Rollos runtergelassen sind. Aber plötzlich war eines der beiden Rollos wieder oben. Und die Eglinger konnten kaum glauben, was sie hinter der Scheibe plötzlich zu sehen bekamen.

Es war wie eine Zeitreise. Da standen, sauber aufgereiht, Produkte von anno dazumal, die es heute gar nicht mehr gibt. Zum Beispiel das Waschmittel „Bärlo“: Die Schachtel zeigt eine Bärenmama, die mit ihrem Kind Wäsche aufhängt, ein putziger Anblick. Oder ein Emailschild, das Werbung für eine Eiscreme namens „Jopa“ macht. Ein dicker Clown reißt die Augen weit auf, so begeistert ist er. Und mittendrin zwei große, lebensechte Figuren, ein Metzger und ein Bäcker, der eine mit Würstel, der andere mit Brezen an den Fingern. Alles Relikte aus einer Zeit, als noch nicht 24 Stunden am Tag Werbung auf allen Kanälen lief. Eine Schau.

Böhmke, selbst gelernter Schauwerbegestalter, kann zu jedem einzelnen Exponat eine kleine Geschichte erzählen. Bei „Bärlo“ etwa handelt es sich um eine Marke aus den 1930er-Jahren. Bei aller Putzigkeit gibt es genau das Familienbild von damals wieder, als der Mann zum Arbeiten ging, die Frau den Haushalt machte und die Kinder selbstverständlich mithelfen mussten. An andere Produkte hat er selbst Kindheitserinnerungen, etwa an „Jopa“, ein Münchner Eis. „Man musste es ganz schnell essen, sonst ist es geschmolzen“, erzählt er. So richtig gut war es nicht, das Eis. Aber es war ein Eis.

Metzger und Bäcker sind sogenannte Nick-Figuren, wie sie bis in die 1960er-Jahre üblich waren. Sie konnten nicken und die Augen rollen, so erregten sie die Aufmerksamkeit der Passanten. Ja, so diskret ging es einmal in Sachen Werbung zu! Wobei speziell der Metzger an den letzten Inhaber des Kramerladens erinnert, Sebald Knabl. Der verkaufte unter anderem kalten Leberkäse und sagte immer dazu: „Der ist besser als beim Oberhauser.“ Und das heißt was. Der Oberhauser war und ist eine der berühmtesten Metzgereien landauf, landab.

Familie Knabl, alteingesessene Eglinger, war gleich angetan von Böhmkes Idee. „Wir finden das eine tolle Bereicherung für unsere Gemeinde“, sagt Maria Knabl, Schwiegertochter des letzten Besitzers, eben jenes Sebald mit seinem Leberkäs. Aus Erzählungen weiß sie, dass der Laden ziemlich genau 50 Jahre existierte. 1947, kurz nach dem Krieg, wurde er eröffnet. Sehr bald avancierte der Edeka an der Wolfratshauser Straße 1 zu einer Institution, vor allem, weil er sonntags ein paar Stunden offen hatte. „Die ganzen Ausflügler, die zum Deininger Weiher wollten, haben sich hier eingedeckt“, erzählt sie. Dann, 1997, starb Sebald Knabl. Die Rollos gingen runter.

Im Dorf weiß man schon ungefähr, wer Siegfried Böhmke ist. Als Chef des Münchner Marionettentheaters hat er erst kürzlich Klassen der Eglinger Grundschule eingeladen und ihnen den Zauber des Puppenspiels mit Mozarts Zauberflöte nahegebracht.

Vielleicht weiß der eine oder andere auch, dass der Mann, den man manchmal in seinem Oldtimer durch die Lande fahren sieht, viele Jahre der gefragteste Puppendarsteller im deutschen Fernsehen war, etwa in der Kult-Kinderserie Bim Bam Bino. Doch von seiner Leidenschaft für alte Werbung wusste niemand etwas. Bis vor Kurzem. Es hat sich nämlich in Windeseile herumgesprochen, wer das Schaufenster arrangiert hat.

Böhmke scheut keinen Aufwand, um in den Besitz schöner, alter Dinge zu kommen. „Ich liebe einfach diese untergegangene Werbekultur“, sagt er. Deshalb tummelt er sich nicht nur frühmorgens auf Flohmärkten, sondern auch im Internet, um Raritäten aller Art zu erwerben. In Auktionshäusern wie Micky Waue in Frankfurt ist er Stammgast, regelmäßig lässt er sich bei Versteigerungen telefonisch zuschalten. „In dieses Hobby habe ich ganz viel von meinen Fernsehgagen investiert“, sagt er mit dem für ihn typischen verschmitzten Lächeln.

Szenenwechsel. Das Anwesen von Siegfried Böhmke, ein paar Straßen entfernt. Er hat nicht zu viel versprochen: Sein halbes Haus ist voll mit malerischen alten Blechschildern, Verkaufsautomaten, Nickfiguren und Kuriositäten aller Art. Besonders liebt Böhmke eine alte Nickfigur aus den 1920er-Jahren, hergestellt in Thüringen. Es ist ein Herold, der wie in alten Zeiten mit einer Glocke in der Hand durch die Straßen geht und Bekanntmachungen ausruft. Nur mit dem Unterschied, dass er in diesem Fall Werbung für die Zigarettenmarke Salem Gold macht. „Ist er nicht ein Träumchen?“, fragt Böhmke. Die Frage ist natürlich rhetorisch, der Herold ist ein Traum. Der stolze Besitzer ist sogar auf der Suche nach leeren, alten Salem Gold Zigarettenschachteln. Das ist gar nicht so einfach. Wer hebt schon leere Zigarettenschachteln auf?

Oder da ist die „Eva“, eine Schaufensterpuppe aus den 1930er-Jahren. Sie hat zwar keine Arme, aber dafür schöne blonde Haare, die nach dem Geschmack der Zeit streng gescheitelt sind. Außerdem trägt sie die Original- Unterwäsche von damals, die inzwischen verständlicherweise ein bisschen löchrig geworden ist. „Jeder erkennt da etwas anderes“, sagt Böhmke. „Der eine findet es vielleicht erotisch, der andere sieht darin ein historisches Zeitzeugnis, und wieder andere erschrecken über die fehlenden Arme“, sagt er. Wahrnehmung ist eben etwas sehr Subjektives.

Und dann, überall im Hause Böhmke: Verkaufsautomaten, wie sie einst an allen Straßenecken standen. Was konnte man früher nicht alles für zehn Pfennige bekommen! Raiserklingen, Zigaretten, Schokolade oder auch Pfefferminzbonbons von Dr. Hiller. Besonders stolz ist der Sammler auf den schmalen, eleganten, gelb-roten Automaten, der zu Zeiten der Weimarer Republik unsere Vorfahren mit Kobold-Schokolade aus Altona versorgte, und zwar in der Geschmacksnote Vanille. „Den würde ich nie wieder hergeben“, sagt Böhmke. Er würde dafür inzwischen sehr viel Geld bekommen, es gibt einen regelrechten Markt.

Und jetzt? Schauen sich die Eglinger erst mal an jenem kleinen Teil von Böhmkes Sammlung satt, der unverhofft in ihrer Mitte aufgetaucht ist. Immer wieder legen Fahrradfahrer Vollbremsungen hin, immer wieder drücken Kinder ihre Nasen an den Scheiben platt. Und es geht noch weiter: Die Knabls haben gerne ihren Segen gegeben, dass Ende Juli auch das zweite Fenster dekoriert wird. Man fragt sich, wo das noch hinführen soll. Pilgert demnächst der ganze Landkreis in die Eglinger Ortsmitte, um sich in die guten, alten, nicht ganz so hektischen Zeiten zurückversetzen zu lassen?

Irgendwann, sagt Böhmke, wäre es schön, wenn er ein ganzes Museum mit seinen Schätzen einrichten könnte. Dafür bräucht er etwas Ausstellungsfläche, etwa einen Bauernhof, den er für diesen Zweck gerne auch mit eigenen Händen umbauen würde. Aber solange sich diese Gelegenheit nicht ergibt, bleibt es dabei, dass man durch die Knablschen Schaufenster einen Blick in die Vergangenheit werfen kann. „Ich freue mich sehr, dass diese wunderschönen alten Dinge hier ein Publikum finden“, sagt Böhmke. Die Freude ist offenbar ganz aufseiten der Eglinger.

Artikel 2 von 3