5 Fragen aN

„Bei den Türken überwiegt die Enttäuschung“

von Redaktion

Zum Beginn des NSU-Prozesses sagte Celan Özcan, Europa-Chef der Zeitung „Hürriyet“, Beate Zschäpes Auftreten sei unerträglich. Zum Ende spricht er über seine Einschätzung des Verfahrens.

Sie haben den Prozess von Anfang an begleitet. Hat sich Beate Zschäpe verändert?

Über fünf Jahre sind vergangen und man hat auch der Angeklagten eine gewisse Müdigkeit angesehen. Zschäpe schien mir eine Art Schuldbewusstsein zu entwickeln, allerdings ohne die eigene Schuld und die Beteiligung an den Taten wirklich zu akzeptieren.

Ist es im Prozess gelungen, die Taten des NSU aufzuklären?

Bisher nicht. Das Gericht hat sehr sorgfältig gearbeitet und war über die Jahre sehr geduldig. Heute werden die fünf Angeklagten ihr Urteil bekommen, aber gerade für die Familien der Opfer ging es um mehr. Sie wollten Antworten auf die Fragen, die sie tief bewegen. Das sind Fragen wie: Warum wurde mein Vater ermordet? Wie wurde er ermordet? Gibt es Helfer, die noch frei herumlaufen? Die Angehörigen hatten erwartet, dass Zschäpe spricht und die 300 Fragen, die die Nebenkläger über ihre Anwälte eingebracht haben, auch beantwortet. Das ist nicht passiert.

Wie wird der Prozess in der Türkei beobachtet?

Am Anfang wollte man die türkische Presse vom Prozess ausschließen – das hat für große Empörung gesorgt. Der Verdacht war da, dass hier etwas verheimlicht werden soll. Heute überwiegt die Enttäuschung über die mangelnde Aufklärung. Es ging in dem Prozess von Anfang an nur um die fünf Angeklagten, nicht um das gesamte Terrornetzwerk NSU. Der ursprüngliche für die Mordserie genutzte Begriff „Dönermorde“ wurde zum Unwort des Jahres.

Woher kam der Begriff?

Ich will nicht sagen, dass einzelne Beamte rassistisch wären, aber die Denkweise des Polizeiapparats war es gewiss. Der Gedanke war, dass die türkischen Opfer von Türken ermordet wurden, man hat sogar die Familien der Opfer beschuldigt. Die Polizei war zu lange in der falschen Richtung unterwegs.

Wie kann die Aufarbeitung weitergehen?

Aufklären. Die drängenden Fragen müssen geklärt und das Netzwerk der Helfer im Hintergrund muss aufgedeckt werden. Ansonsten wird es keine Ruhe für die Öffentlichkeit – und erst recht nicht für die Familien der Opfer – geben.

Interview: Marc Kniepkamp

Artikel 3 von 5