München – Eine Woche haben sie sich Zeit gegeben, um über das Urteil zu beraten. Heute wird Richter Manfred Götzl, 64, im Namen des 6. OLG-Senats die Strafe für Beate Zschäpe und Co. verkünden. Lebenslänglich oder ein paar Jahre Gefängnis? So oder so, Götzl wird die Entscheidung penibel begründen, mündlich wie schriftlich. Eine erfolgreiche Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) wäre der Gau für ihn.
Seit 2010 ist der gebürtige Franke Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht München. Er steht kurz vor der Pensionierung, doch dass er zwei Jahre verlängern wird, ist längst kein Geheimnis mehr, wenngleich er sich kurz vor der Urteilsverkündung nichts entlocken lässt. „Jetzt warten Sie doch einmal das Urteil ab“, erklärt er jedem, der ihn auf den 20 Schritten zwischen Fahrstuhl und Kantine abfängt. Götzl lässt sich bis zum Schluss nicht in die Karten schauen.
Fünf Jahre lang legte er eine Geduld an den Tag, die er als Schwurgerichts-Vorsitzender nicht hatte. Damals schnauzte er in der Sitzung schon einmal Verteidiger wie Staatsanwälte an, um später im Lift mit ihnen wieder Frieden zu schließen. „War nicht so gemeint“, war ein gängiger Götzl-Satz. Als er mit Kollegen und Freunden den Abschied von der Schwurgerichtskammer am Münchner Landgericht I feierte, musste mehrmals die Polizei anrücken, weil sich die Nachbarn über den Partylärm in der Nacht beschwert hatten. Niemals mehr zeigte sich Götzl seitdem so öffentlich.
Viel dringt nicht von ihm nach außen. Er soll zwei erwachsene Söhne haben, soll witzig und unterhaltsam sein, wenn er bei geselligen Anlässen auftaucht. Es heißt, er möge Jazz. Götzl wirkt asketisch, er ist schlank und drahtig. Meist schaut er im Sitzungssaal streng, doch seine Augen können schelmisch lächeln.
Zu seinen wohl bekanntesten Prozessen als Schwurgerichts-Vorsitzender zählt das Münchner Verfahren um den Parkhaus-Mord an der Millionärin Charlotte Böhringer im Mai 2006. Es war ein reiner Indizien-Prozess. Bis heute bestreitet der angeklagte Neffe der Getöteten, Benedikt Toth, seine Tante aus Angst vor Enterbung im Penthouse über der Parkgarage an der Baaderstraße erschlagen zu haben. Doch er hatte kein Alibi. Und: In seiner Wohnung fand die Polizei auf einem 500-Euro-Schein Blutspuren der Ermordeten. DNA-Spuren entdeckten die Ermittler an Böhringers Kleidung. Im durchwühlten Penthouse lag das Testament auf dem Schreibtisch – mit Spuren des Angeklagten. Eine überzeugende Indizienkette, befand Götzl damals. Das Urteil, lebenslänglich plus besondere Schwere der Schuld, hielt vor dem BGH. Der Wiederaufnahmeantrag wurde abgelehnt, eine Verfassungsbeschwerde ist eingereicht.
Im NSU-Prozess erwarb sich Götzl immer wieder Anerkennung für seine enorme Gedächtnisleistung. Es kam vor, dass er Anwälten auf Zuruf eine Aktenfundstelle nannte – bemerkenswert angesichts des Umfangs von knapp 300 000 Seiten. Er selbst duldete keinen Zwischenruf. Tagelang befragte er mit Engelsgeduld verstockte Neonazis, aber wehe, einem Verteidiger entschlüpfte ein flapsiger Kommentar. Dann lief Götzl rot an und redete sich in Rage.
Der Richter legte sich vereinzelt sogar mit seinen Beisitzern an. Einmal warf er Richterin Gabriele Feistkorn vor, sie befrage einen Zeugen suggestiv. Ein andermal kritisierte er Ersatzrichter Peter Prechsl und meinte, der rede, als sei er Sachverständiger. Danach meldete sich kein Beisitzer mehr zu Wort. Feistkorn ließ sich Anfang 2016 vorzeitig pensionieren.
Vergangene Woche haben der 64-Jährige und seine Senatskollegen noch einmal Schwerstarbeit geleistet. Im Team sind mit Richterin Michaela Odersky und Richter Peter Lang zwei langjährige Mitstreiter aus Schwurgerichtszeiten. Sie kennen ihren Chef, wissen sein Gedächtnis zu schätzen, denn bei der Beratung dürfen die Richter nur verwenden, was mündlich in der Verhandlung besprochen wurde. Tonaufzeichnungen gibt es nicht, wörtliche Mitschriften auch nicht. Das hatten die Verteidiger und Nebenkläger zwar mehrmals beantragt, Götzl und sein Senat hatten es aber immer kategorisch abgelehnt. Für das Urteil haben die Richter nur ihre handschriftlichen Notizen – und Götzls Gedächtnis.