„Ich glaube, dass 1000 weitere Mitwisser frei rumlaufen“

von Redaktion

Angehörige der Opfer kritisieren Ermittler, Justiz und Politik mit scharfen Worten – und glauben, dass der NSU kein isoliertes Trio war

München – Einen Tag vor dem Urteil im NSU-Prozess sitzt Abdulkerim Simsek im Eine-Welt-Haus in München und erzählt von den letzten Sekunden im Leben seines Vaters. „Ich frage mich oft, was mein Vater gefühlt hat, als auf ihn geschossen wurde.“

Enver Simsek war das erste Opfer des NSU, hingerichtet mit fünf Schüssen in den Kopf, als er am 9. September 2000 mit seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg Station machte. Die Täter: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die den Sterbenden offenbar noch fotografierten. Die Fotos entdecken die Ermittler später in dem menschenverachtenden Bekennervideo des NSU. Fast 18 Jahre später sagt sein Sohn: „Wäre er an diesem Tag im Urlaub gewesen, unser Leben wäre ganz anders verlaufen. Ich kann nicht damit abschließen, da ich glaube, dass 1000 weitere Mitwisser frei rumlaufen.“

Es sind Worte voller Schmerz. Der Prozess gegen Zschäpe geht zu Ende, aber für die Angehörigen der Opfer ist ein Schlussstrich, so absurd es klingt, mit jedem Jahr, den dieser deutsche Jahrhundertprozess dauerte, in weitere Ferne gerückt. Abdulkerim Simsek kritisiert auf der Pressekonferenz vor allem, dass noch immer Akten des Verfassungsschutzes geheim gehalten würden. Er glaubt an absichtliche Vertuschung. Und er glaubt nicht, dass Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ein isoliertes Trio waren. „Es kommt mir so vor“, sagt Abdulkerim Simsek, „als ob alles umsonst gewesen ist.“

Neben ihm sitzt Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubasik. Sie muss sich immer wieder Tränen aus den Augen wischen, als sie von ihrem Vater erzählt. „Er war der beste Mensch, den ich je kannte. Die Ermittler haben seine Ehre kaputt gemacht. Sie haben ihn ein zweites Mal umgebracht.“

Die Polizei glaubte lange, der kurdischstämmige Familienvater sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen. Deswegen sei er auch ermordet worden, so die fatale Annahme. Die Familie von Gamze Kubasik musste mit den Vorwürfen leben, bis der NSU 2011 aufflog. Mehmet Kubasik starb 2006 in Dortmund, erschossen mit vier Schüssen aus der Pistole von Rechtsterroristen.

Die Bundeskanzlerin hat den NSU-Opfern Aufklärung versprochen. Warum hat es ausgerechnet ihre Väter erwischt, ihre Ehemänner und Brüder? Die Antwort steht noch immer aus. Gamze Kubasik sagt: „Ich möchte, dass alle Helfer, die man kennt, angeklagt werden.“ Das ist es, was die Angehörigen am meisten umtreibt: Sie glauben, dass nur ein winziger Teil des NSU vor Gericht steht. Zu Beate Zschäpe sagt die Angehörige: „Natürlich erwarten wir die Höchststrafe. Aber die fünf Jahre des Prozesses waren eine Enttäuschung.“ Stefan Sessler

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