Der Tag vor dem Gericht – zwischen Wut und Entschlossenheit

von Redaktion

Hunderte demonstrieren ab dem frühen Morgen gegen einen Schlussstrich unter die NSU-Mordserie – „Verheerende Signalwirkung“

München – Als um kurz vor zehn Uhr das Urteil über Smartphones und stille Post aus dem Gerichtssaal dringt, ist es vor den Türen zunächst erstaunlich ruhig. Eben noch hat auf der Bühne der Kundgebung „Kein Schlussstrich“ die Linken-Abgeordnete Martina Renner gefordert, dass endlich die Strukturen hinter dem NSU aufgedeckt werden müssten. Und jetzt, für einen Moment, diese seltsame Ruhe.

Bald aber schlägt die Ruhe um in Wut. Das harte Urteil gegen Beate Zschäpe ist von vielen erwartet worden, das recht milde Strafmaß gegen Unterstützer André E. sorgt für Entsetzen. „Eine verheerende Signalwirkung“, sagt Renner. „Der Mann ist überzeugter Nationalsozialist.“

Es ist ein besonderer Tag, auch auf dem Vorplatz des Oberlandesgerichts in der Prielmayerstraße. Bereits um acht Uhr beginnt die von etlichen Initiativen getragene Veranstaltung. Auf dem Programm stehen Reden, Lesungen und Live-Musik – und zu Beginn eine Schweigeminute für die zehn Mordopfer der rechtsextremen Terroristen. Rund 200 Menschen verharren still zwischen Trauer und Wut, zu hören ist nur das Grundrauschen der Stadt.

Nach dem Urteilsspruch beginnt dann auf dem Vorplatz auch die politische Deutung des Prozesses. Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter erklärt: Es sei gut, dass es endlich ein Urteil gebe. Aber die unrühmliche Rolle des Verfassungsschutzes sei bis heute nicht geklärt. Auch habe Bundeskanzlerin Angela Merkel den Angehörigen der Mordopfer volle Aufklärung versprochen, das sei aber „nicht deutlich erkennbar“ passiert.

So sieht das auch Günter Wangerin, 72, Künstler und Grafiker aus München. Er hat eine Richterrobe übergestreift – und will mit dem Schild „Die Parole heißt Einzeltäter“ seine Kritik kundtun. Wangerin sagt: „Der Wille zur umfassenden Aufklärung fehlt.“ Am Nachmittag gibt es noch kurz einen heiklen Moment. Als einige wenige der inzwischen rund 300 Demonstranten Richtung Eingang drängen, kommt es zu einem Gerangel mit Polizisten. Dazu Sprechchöre: „Der NSU war nicht zu dritt!“. Die Stimmung ist aber nur für einen Moment offen aggressiv. Nicht unwichtige Randnotiz: Die rasche Entspannung liegt auch an der behutsamen Strategie der Polizei. Auch die Kundgebung am Abend mit über 3000 Teilnehmern bleibt friedlich.

Am Gericht erinnern Aufsteller mit Texten an die Opfer. Den ganzen Tag über bleiben Leute stehen, lesen, machen ein Foto. Zum Blumengroßhändler Enver Simsek ist notiert: „Als er jung war, schrieb er Liebesgedichte.“ Maximilian Heim

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