Chiemsee – Jakob Neins Kinder, 2 und 4 Jahre alt, wachsen in einer der ungewöhnlichen Gemeinden Bayerns auf. Nein, 40, ist seit 15 Jahren als Landschaftsgärtner Herr über die Grünanlagen auf der Herreninsel und lebt mit seiner Familie an einem Ort, der 15 Einwohner zählt. Ein Gespräch über den Alltag in einer nicht alltäglichen Umgebung.
-Es heißt, der Verfassungskonvent sei so schnell über die Bühne gegangen, weil es auf Herrenchiemsee so viele Mücken gibt…
Ich bin seit 2003 auf der Insel und es ist von Jahr zu Jahr anders. Eine Zeit lang hatten wir fast keine, so wie heuer. Wir hatten aber auch Jahre dabei, in denen es ganz extrem war, da hat man sich kaum im Freien aufhalten können. Wenn 1948 so ein Jahr war, kann das gut sein. Wobei es sicher auch an den guten Rahmenbedingungen hier gelegen hat.
-Wie lebt es sich denn als direkter Nachbar eines Märchenschlosses?
Das ist tatsächlich recht ungewöhnlich. Ich vergleich’ es oft mit einer Alm, da ist man auch weg vom gesellschaftlichen Geschehen. Andererseits haben wir Schlosskonzerte am Abend und tagsüber die Touristenströme – das sind zwei große, krasse Gegensätze.
-Was ist das Besondere an der Herreninsel?
Als Gärtner ist es für mich schön, dass ich hier seit Jahren leben und mich um die Grünanlagen kümmern darf. Ich erlebe, wie sich im Lauf der Jahreszeiten dieses Stückerl Natur immer wieder verändert. Ob das der barocke Garten ist, der ganz formal gehalten wird, oder die freieren Bereiche im Wald – es gibt hier so viele Gegensätze. Und dann ist da die Geschichte: Wenn man auf den Verfassungskonvent schaut, ist das auch besonders. Der Konvent hat direkt bei mir ums Eck getagt. Wahrscheinlich haben Teilnehmer in unserer heutigen Wohnung gewohnt. Ich bekomme immer wieder eine Gänsehaut, wenn ich überlege, dass ich in diesen Räumen lebe.
-Haben Sie ein Lieblingsplatzerl auf der Insel?
Ich sag immer: unsere Wohnung. Dann die Aussichtspunkte in der Nähe des Sees. Wir haben zwar nicht viele Badeplätze, aber die, die wir haben, sind klein und fein. Eigentlich ist die ganze Insel ein einziger Lieblingsplatz.
-Sie müssen aber auch immer wieder an Land. Nehmen Sie die Touristenboote?
Wir vermeiden es natürlich, mit dem Touristendampfer zu fahren. Das ist wie bei einer vollen S-Bahn: Wenn man die meiden kann, meidet man sie. Wir haben Motorboote und eine Lastenfähre der Schlösserverwaltung, die wir Insulaner benutzen dürfen. Da können wir mit dem Auto drauffahren – und kommen direkt wieder an unserer Wohnung raus.
-Wer lebt außer ihrer Familie auf der Insel?
Das sind alles Menschen, die mit der Schlösserverwaltung in Verbindung stehen. Teils sind auch Leute dabei, die hier gearbeitet haben und nun in Ruhestand sind, aber weiterhin hier leben. Wir haben Singles, Familien und Rentner auf der Insel.
-Können Sie sich auch vorstellen, dauerhaft dort zu bleiben?
Erst mal schon, auf jeden Fall. Man muss sich immer wieder fragen, ob die Rahmenbedingungen für einen passen. Solang das so ist, kann ich mir vorstellen, hier zu bleiben.
Interview: Kathrin Brack