München – Es war Hochsommer, als die bayerische Prinzessin Elisabeth zum 23. Geburtstag des Kaisers Franz Joseph eingeladen war. Unerwarteter Weise hat er sich da nicht in ihre ältere, gescheitere und schönere Schwester Helene verliebt, sondern in sie, das hässliche Entlein der Familie. Die Mutter hatte gerade eben noch befürchtet, keinen passenden Bräutigam zu finden für dieses etwas zu burschikos geratene Mädchen, das noch in keiner Weise mit weiblichen Reizen punkten konnte.
Franz Joseph war es, der die Schönheit dieser aufspringenden Knospe vor allen anderen entdeckt hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Der Himmel war blau an diesem Tag. Die Berge hatten ihre Gipfel mit Brautschleiern aus schneeweißen Wölkchen geschmückt und blickten von allen Seiten freundlich auf das junge Paar. Die Nacht war lau und der Franzl hat seine Sisi beim Geburtstagsball zum Kotillon aufgefordert.
Alle haben es gleich gewusst: Jetzt tanzt der Kaiser mit der zukünftigen Kaiserin! Alle haben es gewusst, nur die Sisi nicht. Die musste nämlich aufpassen, dass sie dem Kaiser beim Tanzen nicht auf die Füße steigt. Sie hatte, außer im Tanzunterricht, noch nie getanzt. Sie war noch nie auf einem Ball gewesen und schon gar nicht auf einem Kaiserball. Aber am nächsten Tag hat sie es dann doch erfahren: Sie ist die Auserwählte.
Sie soll die Frau an der Seite eines Kaisers werden, der nach Russland das größte Reich Europas regiert. Erst hat es ihr die Mutter geflüstert und anschließend noch einmal der Kaiser höchstpersönlich, unter vier Augen und ganz zärtlich. So wurde am gleichen Tag auch schon die Verlobung in der Pfarrkirche gefeiert.
Elisabeth startete eine märchenhafte Aschenputtel-Karriere – und mit ihr hundert Jahre später Romy Schneider. Wir alle haben eine bestimmte Wahrnehmung von Sisi, die eng verbunden ist mit den zuckersüßen Filmen, die eine herzerfrischende Romy Schneider – selber noch ein Kind – in der schmalzig-herzigen Rolle einer frischgebackenen Kaiserin zeigen. Der wunderbaren Donau-Brautreise auf einem Traumschiff durch die Wachau nach Wien folgen eine Traumhochzeit und bald ein erstes Kind.
Bis hierher kann man unsere Wahrnehmung, die sich zum Teil ins mythische gesteigert hat, mit mehr oder weniger großen Abweichungen gelten lassen. Was aber geschah in den restlichen gut 40 Jahren ihres Lebens? Die Möglichkeit dieser Wahrnehmung wird uns in den Filmen vorenthalten.
Elisabeth entwickelt sich. Aus dem naiven, fünfzehnjährigen Mädel wird eine erwachsene Frau, die sich am Wiener Hof wie ein Vogel im goldenen Käfig fühlt. In der Ehe fängt es an zu kriseln, der Kaiser nimmt sich eine Geliebte. Sisi flüchtet sich in lange Kuraufenthalte und Reisen. Fast wie eine Besessene betreibt sie einen Schönheitskult, der seinesgleichen sucht: Das Frisieren der meist fersenlangen Haare mit täglich 250 Bürstenstrichen dauert an die drei Stunden. Diese Zeit nutzt Elisabeth, um Ungarisch und Griechisch zu lernen oder sich beispielsweise aus der griechischen Mythologie vorlesen zu lassen.
Jeden Tag lässt sich die Kaiserin wiegen und messen. Überschreitet das Gewicht 50 Kilo, werden Gegenmaßnahmen in Form von Diäten ergriffen. Es gibt dann Milch- oder Orangensafttage und manchmal als Mittagessen den Saft von ausgepresstem Rindfleisch.
Als erste Frau überhaupt besitzt Elisabeth so etwas wie ein Fitness-Studio. Täglich trainiert die Kaiserin an Sprossenwand, Ringen, Reck und Seil – alle Übungen absolviert sie natürlich im Kleid und mit geschnürtem Korsett. Die Anstrengungen zeigen Erfolg. Jeder offizielle Auftritt der Kaiserin gerät zu einer wahren Sensation und wird tagelang besprochen. Bald feiert man Elisabeth als die schönste Frau ihrer Zeit. Ohne es zu wollen oder das auch nur im Sinn zu haben wird Elisabeth zur Vorreiterin der heutigen modernen Frau: überschlank, durchtrainiert und gebildet. Damit ist sie ihrer Zeit weit voraus und erntet Unverständnis.
Nach und nach versucht Elisabeth, das gesellschaftliche Korsett zu sprengen, sich von der strengen Etikette am Wiener Hof zu befreien. Mit aller Kraft wehrt sie sich dagegen, nur schmückendes Anhängsel des Kaisers und Garantin der Thronfolge zu sein. Das fängt recht unauffällig an: Die österreichische Kaiserin trinkt plötzlich bayerisches Bier, obwohl die Etikette Wein vorsieht.
Langsam steigerten sich die Befreiungsversuche: Man munkelte, dass die Kaiserin rauchte und trank, ihre Röcke unschicklich kurz trug – ein Skandal für eine Kaiserin! – sich gar nackt sonnte und nackt im Meer badete – ein noch größerer Skandal.
Am schrecklichsten fand Kaiser Franz Joseph wahrscheinlich, dass seine Gemahlin sich im Alter von 54 Jahren einen Anker auf das linke Schulterblatt tätowieren ließ. Und es war sicherlich besser für den Kaiser, dass er nichts von dem selbstverfassten Gedicht seiner Frau wusste, in dem sich Elisabeth Frau Ritter Blaubart nannte und ihre abgelegten Geliebten allesamt zu Eseln machte. Er selbst kam auch darin vor.
Der Kaiser wusste auch nicht, dass Elisabeth ein riesiges Vermögen angehäuft hatte, als wahrscheinlich erste Frau in Österreich ein Sparbuch besaß und mit Aktien handelte. Wäre Elisabeth nur 50 Jahre später geboren und hätte etwa in Berlin gelebt, wäre aus ihr vielleicht eine Emanze geworden, die Hosenanzüge trägt, Zigarre raucht und es mit jedem Mann aufnimmt.
Beim Reiten jedenfalls konnte sie es mit jedem Mann aufnehmen. Elisabeth war eine der besten Reiterinnen ihrer Zeit. Sie ritt lebensgefährliche Parforcejagden und sprang über meterhohe Hindernisse, ohne zu sehen, was sich dahinter befand. Das alles absolvierte sie im Damensitz, das Reitkleid eng auf eine Wespentaille von 50 cm geschnürt. Oft ließ sich die Kaiserin ihr Kleid erst zunähen, wenn sie bereits auf dem Pferd saß. Alles sollte einen perfekten Sitz haben. Manchmal verkleidetet sie sich jedoch einfach als Mann und ritt heimlich in Hosen und im Männersitz aus. Ihr Reitlehrer Bay Middleton jedenfalls war begeistert von seiner begabten Schülerin und wich nicht mehr von ihrer Seite – er kommt auch im Gedicht der Frau Ritter Blaubart vor.
Das Unverständnis ihrer Umgebung und schwere Schicksalsschläge, wie der Tod der zweijährigen Tochter Sophie und der besonders tragische Selbstmord ihres Sohnes Rudolf, machten aus einer wilden Kämpferin eine gebrochene Frau.
Unermüdlich reiste Elisabeth in ihren letzten Lebensjahren, von Todessehnsucht geplagt und ohne rechtes Ziel von einem Ort zum anderen. Nirgends mehr hielt sie es lange aus. Gleich Odysseus ließ sich Elisabeth auf hoher See am Mast anbinden, trotzte Sturm und Wellen und versuchte wie er, dem Gesang der Sirenen nicht nachzugeben. Zu ihrem Mythos trägt sicherlich bei, dass Kaiserin Elisabeth am Genfer See von einem Anarchisten mit einer Eisenfeile erstochen wurde. Und dann dauerte ihr Sterben noch, weil das eng geschnürte Korsett ein sofortiges Verbluten verhinderte. Sisi – Abgesang einer untergehenden Epoche.
Doch bald schon kommt wieder Weihnachten und der tragische Tod Elisabeths wird vergessen sein. Am 24. Dezember, Sisis Geburtstag, wird Romy Schneider als süßes, junges Mädel die frischgebackene Kaiserin der Herzen auferstehen lassen. Die Filme mit Romy Schneider haben längst die weihnachtlichen Aschenputtel-Filme ersetzt.
Sisi würde sich bestimmt freuen, hat sie sich doch zum Ziel gesetzt, als jugendlich schöne Kaiserin in die Geschichte einzugehen. Aus diesem Grund ließ sie sich seit ihrem einunddreißigsten Lebensjahr nicht mehr fotografieren. Das ist ihr auch vorzüglich gelungen, denn wer hat schon eine Urgroßmutter (die sie tatsächlich schon war, als sie starb) vor Augen, wenn er an Kaiserin Elisabeth von Österreich denkt, die schönste Frau ihrer Zeit.
Das Buch
„Die wilde Kaiserin – Sisi in Geschichten und Anekdoten von Wilma Pfeiffer, Bayerland Verlag, 160 Seiten, 14,90 Euro.