Pullach – Die Geschichte rund um die antisemitisch verfolgte Bevölkerung wurde in Pullach umfangreich aufgearbeitet. Im Gespräch erzählt die erste Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Bündnis 90/Die Grüne), wie es zu dem Schriftband kam und warum er ihr so wichtig ist.
Das Projekt war sicher schwer umzusetzen. Wie hat die Bevölkerung reagiert?
Ich habe aus der Bevölkerung nichts Negatives gehört. Sicherlich, es gibt auch Stimmen, die sagen, warum muss man das so intensiv betreiben? Kann man jetzt nicht eher mal nach vorne schauen? Muss man immer noch in der NS-Zeit herumwühlen? Es ist ein bisschen schwierig, damit umzugehen. Aber mir sind die Projekte sehr wichtig, ich bin da mit großem Nachdruck dran.
Was unterscheidet den Schriftband von anderen Formen des Gedenkens?
Seit einiger Zeit laufen in Pullach Überlegungen, wie wir mit unserer alten Gedächtnisstätte, die als Kriegerdenkmal konzipiert war, umgehen, denn es gibt kein Denkmal für die Verfolgten des NS-Regimes. Wir machen uns Gedanken, ob wir den Gedenkort erweitern können oder an anderer Stelle ein neues Denkmal errichten. Wo sich auch die Geister scheiden: Soll man die Opfer mit Namen nennen oder ein allgemeines Gedenken gestalten? Ich meine, man muss den Opfern ein Gesicht geben und sie mit Namen nennen. Auch deshalb war mir das Gedenkbuch so wichtig. Weil es viel greifbarer ist, wenn die Lebensgeschichte erzählt wird. Und die Gedenkbücher sind jetzt sozusagen auch die Basis für die Konzeption eines Denkmals.
Gab es eine Geschichte, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Die sind alle so vielfältig. Ich will da keine herausheben. Sie sind alle für sich sehr bewegend.
Die Historikerin Susanne Meinl hat lange recherchiert.
Ja. Auch in Zusammenarbeit mit unserem Geschichtsforum Pullach können wir ein fundiertes Werk vorlegen. Viele Dinge sind dabei zu Tage getreten, die keiner wusste oder die in der Ortsgeschichte verschüttet waren. Oft baut eines auf das andere auf, dann kommt man wieder auf neue Lebensgeschichten und neue Sachverhalte. Es war eine sehr aufwendige Recherchearbeit. Und auch dieses Buch ist nicht vollständig. Aber die nachvollziehbaren Lebensgeschichten sind drin. Es ist eine runde, ja eindrucksvolle Sache geworden.
Auch viele Angehörige der Verfolgten haben an der Schrift mitgewirkt, viele davon leben im Ausland.
Ja, es werden auch einige bei der Vorstellung dabei sein.
Plant die Gemeinde, den Kontakt zu den Angehörigen zu halten?
Das wird sich zeigen. Ich denke, der Schritt war wichtig von uns auf die Angehörigen zu und auch der Schritt von den Angehörigen auf die Gemeinde zu. Auch, dass sie ihr Familienarchiv, also alte Fotos, Schriften et cetera dazu zur Verfügung gestellt haben, war ganz wichtig. Da ist ein enger Kontakt entstanden und ich schätze, dass da der Kontakt durchaus aufrecht erhalten bleibt.
Interview: Elena Siegl