München – Das Gefühl, frisch verliebt zu sein, gleicht einem Ausnahmezustand. Nicht umsonst spricht man davon, dass jemand krank oder blind vor Liebe ist. Professor Dr. Robert Perneczky, Oberarzt an der LMU-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt, was mit dem Kopf passiert, wenn die Liebe zuschlägt.
Warum verlieben sich Menschen eigentlich?
Als Arzt sehe ich das vielleicht zu sehr biologisch, aus Sicht der Evolution. Aber die Hauptfunktion der Liebe ist Arterhaltung. Deshalb finden Menschen oder Tiere sich gegenseitig anziehend. Im Unterschied zum Menschen ist es bei Tieren nicht ganz so wichtig, dass die Partner für längere Zeit zusammenbleiben. Am Anfang braucht es jedoch Motivation, um zusammenzukommen und dann auch zusammenzubleiben.
Was macht das Verliebtsein mit dem Körper?
Das ist sehr spannend. Liebe ist ja etwas, das früher oft mit dem Herzen in Verbindung gebracht wurde. Inzwischen wird sie aber zunehmend mit Gehirnprozessen assoziiert.
Was geschieht im Kopf?
Viele Sachen. Letztlich wirkt Liebe wie eine Droge. Sie wirft das Dopamin-System des Gehirns an, das für Belohnung und Motivation zuständig ist. Dieser Botenstoff macht uns abhängig, sorgt vergleichbar mit der Droge Kokain für den Kick. Andere Hormone sind aber auch wichtig, etwa das Oxytocin. Das ist dafür da, dass man die Beziehung aufrecht erhält und die Nähe sucht.
Sich zu verlieben, ist ein biochemischer Vorgang?
Vieles wird in der Tat hochreguliert. Es gibt aber auch Botenstoffe, die weniger werden. Insbesondere der Serotoninspiegel nimmt ab. Serotonin sorgt normalerweise für Ausgeglichenheit und innere Ruhe. Einen so niedrigen Serotoninspiegel wie bei Verliebten findet man sonst nur bei Menschen, die an Zwangserkrankungen leiden oder eine Impulskontrollstörung haben. Liebe hat also auch etwas Zwanghaftes, Impulsives.
Verliebte sind also nur eingeschränkt zurechnungsfähig …
Genau. Vieles spielt sich im Frontalhirn ab. Das Frontalhirn ist beim Menschen sehr viel größer als bei Tieren und steuert die Impulskontrolle und das Sozialverhalten. Verliebte, die geradezu fixiert auf den neuen Partner sind, können sich zum Beispiel weniger in andere hineinversetzen und wirken oft kopflos, weil das Frontalhirn fast ausgeschaltet ist und solches Verhalten nicht mehr hemmt.
Ist das sinnvoll, dass Liebe die Psyche so aus dem Gleichgewicht bringt?
Wenn es um Nachkommen geht, ist es durchaus sinnvoll, dass man impulsiv, motiviert und aktiv ist.
Wie lange dauert dieser Zustand?
Ich glaube, dass er bei jedem unterschiedlich lange anhält. Die anfängliche Verliebtheit ist in der Regel aber nach ein paar Monaten vorbei.
Wie wird aus Liebe eine langjährige Beziehung?
Wenn der Hormoncocktail nicht mehr wirkt und das einer Zwangserkrankung vergleichbare Gefühlschaos vorbei ist, übernehmen wieder die für das rationale Denken zuständigen Hirnareale die Regie. Der Dopaminspiegel geht zurück, das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin wird wichtiger. Das schafft bestenfalls eine langfristige Bindung. Die ist in den ersten etwa sieben Jahren wichtig, damit die gemeinsame Versorgung des Nachwuchses sichergestellt ist. Bei Tieren spielt das keine so große Rolle, die sind meist schneller ausgewachsen und betreiben keine so komplexe Brutpflege wie der Mensch.
Warum bleiben manche Paare ein Leben lang zusammen, während andere getrennte Wege gehen?
Hier spielen dann auch andere Faktoren eine Rolle. Liebe kann man nicht nur auf Evolution, Biologie und genetische Faktoren reduzieren. Sie hat auch eine soziale Seite. Der Mensch ist ja ein soziales Wesen und wird von seiner Umwelt beeinflusst. Selbe Interessen oder dass es einfach angenehm ist, mit jemandem zusammen zu sein, werden dann wichtiger als die neurobiologischen Aspekte.
Wie ist das für Sie, der Liebe wissenschaftlich erklären kann? Hat die Liebe da noch was Romantisches?
Auch wenn wir heute im Kernspintomographen beobachten können, welche Areale aktiviert werden und was da passiert: Das meiste verstehen wir immer noch nicht. Man kann es so sagen: Früher war der ganze Eisberg unter Wasser, jetzt ist die Spitze draußen. Aber das meiste darunter ist unbekannt. Und nur weil man etwas versteht, wird es ja nicht weniger wertvoll. Interview: Katja Brenner