München – Auf der Frühchenstation der Kinderklinik Harlaching ist Luisa immer noch der heimliche Star. Kaum hat ihre Mutter Silvia Schlenz, 37, den Kinderwagen reingeschoben, kommt auch schon eine Schwester, lächelt die Kleine an – und sagt: „Bist du groooß geworden!“
Wer Luisas Geschichte kennt, der weiß, dass hinter diesem Satz eine ganze Menge steckt. Denn Luisa wog bei ihrer Geburt nur 900 Gramm und maß 37,5 Zentimeter. Sie kam in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt, ein Frühchen. Und damit sie es im Bauch überhaupt so weit schaffte, musste ihre Mutter sieben Wochen lang liegen – nur liegen.
Heute, knapp sechs Monate später, bringt Luisa rund fünf Kilo auf die Waage, Babyspeck inklusive – was die Ärzte freut. Sie hat einen wachen Blick; man hat das Gefühl, ihr entgeht nichts, wenn sie auf Mamas Schoß thront. Silvia Schlenz sagt: „Ich will Hoffnung geben. Man muss den Ärzten vertrauen.“ Sie weiß, wovon sie spricht.
Silvia Schlenz ist im fünften Monat schwanger, als ihr Frauenarzt sagt: „Sie haben eine tief liegende Plazenta.“ Das bedeutet: keine natürliche Geburt, sondern ein Kaiserschnitt. Ansonsten sei aber alles in Ordnung. Silvia Schlenz solle jedoch darauf achten, ob sie Blutungen bekomme – das sei bei der Lage des Mutterkuchens zu befürchten. Dann müsse sie in jedem Fall ins Krankenhaus.
Sie selbst fühlt sich wohl, „ich hatte ja eine angenehme Schwangerschaft“, erzählt sie. Kurz nach dem Arztbesuch fährt sie sogar zum Wandern – der Gynäkologe hatte dafür grünes Licht gegeben. Doch am 24. August 2018 ändert sich alles: Silvia Schlenz bekommt starke Blutungen. Sie ist gerade bei ihren Eltern in der Nähe von Nürnberg, sie wird in eine Klinik eingeliefert, muss ab sofort liegen. „Die Ärzte dort sagten mir gleich: Wenn ich nicht fünf Tage blutungsfrei bin, kann ich nicht mehr heim bis zur Geburt.“
Am Anfang denkt Silvia Schlenz noch, dass die Blutungen aufhören. Doch nach gut einer Woche ahnt sie schon, dass sie vergeblich hofft. In der 23. Schwangerschaftswoche lässt sie sich von Nürnberg in die München Klinik Harlaching verlegen. Dort ist Mitte September ein Platz frei geworden – und hier fühlt sich Silvia Schlenz einfach mehr daheim. Ab der 24. Schwangerschaftswoche bekommt sie spezielle Spritzen, damit die Lungen ihres Babys schneller reifen. Denn die Ärzte wissen: Die Kleine kann jederzeit zur Welt kommen. Sie wissen aber auch: Jeder Tag im Bauch steigert die Überlebenschancen und mindert das Risiko für Behinderungen (siehe Interview).
Silvia Schlenz’ Bewegungsradius wird von Woche zu Woche kleiner. „Am Ende durfte ich nicht mal aufstehen, um auf die Toilette zu gehen“, erzählt sie. Sie muss liegen, damit die Blutungen nicht stärker werden – einmal bekommt sie sogar eine Bluttransfusion, weil sie so viel Blut verliert.
Silvia Schlenz lernt bald, dass sie selbst nichts machen kann – dass sie vertrauen muss. Die Ärzte, die Schwestern und vor allem die Hebammen sind ihr eine Stütze: „Ohne sie hätte ich emotional nicht so lange durchgehalten“, sagt sie. „Gefühlt war ich ja zehnmal im Kreißsaal – und kam dann doch wieder auf mein Zimmer zurück.“ Die Blutungen waren immer wieder stärker geworden; die Ärzte dachten, jetzt müssten sie das Baby holen. Gleichzeitig wissen sie: „Jeder Tag im Bauch ist ein Gewinn fürs Kind“, sagt Prof. Marcus Krüger, Chefarzt der Klinik für Neonatologie der München Klinik Harlaching; die Neonatologie befasst sich mit Neugeborenen. „Die Kunst ist es, genau den richtigen Moment für die Geburt herbeizuführen.“
Noch ist es nicht so weit. Luisa geht es gut, ihr Herz schlägt, sie wächst. Silvia Schlenz’ Blutungen werden wieder schwächer. Es sieht besser aus. Doch dann bekommt die Mutter einen vorzeitigen Blasensprung – in der 27. Schwangerschaftswoche. Vorbeugend erhält sie Wehenhemmer, doch schon bald setzen die Wehen ein – nun muss das Kind definitiv raus, das Risiko einer Infektion wird zu groß.
Luisa kommt am 15. Oktober 2018 zur Welt, es ist 2.59 Uhr, die Nacht von Sonntag auf Montag. Silvia Schlenz ist nach dem Kaiserschnitt so schwach, dass sie nicht aufstehen kann – sie sieht ihr Baby erst zwei Tage später, zum ersten Mal. Die Kleine liegt auf der Frühchen-Intensivstation, verkabelt in einem Inkubator. Die Mama berührt vorsichtig ihren zierlichen Körper, spürt ihre dünne Haut an den Fingerspitzen.
Bald dürfen die Eltern mit ihrer Tochter auch eine Stunde pro Tag kuscheln: „Känguruhen“. Dabei liegt das Frühchen unbekleidet auf der nackten Brust; die Körpertemperatur der Eltern wärmt es. Um die Wärme zu halten, wird das Baby zugedeckt. Dieser Hautkontakt wirkt sich positiv auf seine Entwicklung aus. Vier Wochen verbringt Luisa auf der Intensivstation. Mama und Papa wickeln, cremen, geben Luisa mit einer Spritze Milch. Das meiste machen aber die Schwestern. Mitte November kommt die Kleine dann auf eine spezielle Überwachungsstation – der nächste Meilenstein. Zum ersten Mal dürfen die Eltern ihr Kind anziehen; im Inkubator tragen Babys nur Windeln. „Am 15. Dezember konnten wir endlich heim“, erzählt Silvia Schlenz. Genau zwei Monate nach der Geburt. Eine „Spitzenleistung“, sagen die Ärzte – Luisa hat sich durchgekämpft.
Die ersten eineinhalb Wochen zuhause sind schwierig, denn Luisa ist die Rundum-Überwachung in der Klinik gewöhnt – wo immer wieder ein Licht aufleuchtet und die Geräte piepen. Daheim, vor allem nachts, ist es ihr zu leise, sie wird unruhig. Doch mit der Zeit geht es besser.
Heute fällt vor allem auf, dass Luisa schmaler ist als Gleichaltrige. „Die Tochter von Freunden, die erst vier Wochen alt ist, ist genauso groß wie Luisa“, erzählt Silvia Schlenz. Am Anfang tat sich die Mutter noch schwerer mit „all diesen Dingen: Beim Rückbildungskurs war ich zum Beispiel die Einzige, die ihr Baby nicht dabei hatte“ – die Kleine sei „nicht so robust“, sie sollte sich nicht mit irgendwas anstecken.
Eine große Hilfe war für Silvia Schlenz eine Frühchen-Gruppe – der Kontakt mit den anderen Müttern tat gut. Und: „Auch das Harl.e.kin-Team, das uns daheim sehr unterstützt hat und es immer noch tut.“ Die „Harl.e.kin-Frühchen-Nachsorge“ ist für betroffene Eltern bis zu drei Jahre nach der Geburt des Kindes da (siehe Kasten).
Heute ist Silvia Schlenz bereit, den nächsten Schritt zu gehen – einen Schritt für ein Stückchen mehr Normalität. „Nächsten Monat wollen wir zum ersten Mal zum Babyschwimmen“, erzählt sie. Luisa ist inzwischen auf ihrem Arm eingeschlafen. Sie atmet ganz friedlich. So wie die meisten Babys.