Eine Brille, die Leben rettet

von Redaktion

Schnelle Hilfe bei Schlaganfall – eine innovative Methode verknüpft Kliniken in ganz Bayern

Ebersberg – Nach einem Schlaganfall tickt die Uhr: Den Ärzten bleiben meist nur wenige Stunden, um möglichst viel Hirngewebe zu retten – und damit das Leben und die Lebensqualität ihrer Patienten. Wenn die Mediziner einen Hirninfarkt nicht sofort erkennen, kann dies für die Betroffenen dramatische Folgen haben. Trotz aller Fortschritte in der Schlaganfall-Diagnostik gibt es solche Fälle noch immer. Wenn beispielsweise Schwindel das einzige Symptom ist, dann wird der Schlaganfall bei jedem dritten Patienten übersehen. Das wollen Experten nun ändern – mit Hilfe von speziellen Video-Diagnosebrillen.

Der Clou dabei: Das neue Hightech-System soll von der München Klinik in Harlaching aus gesteuert und im Rahmen von Videokonferenzen in 19 südostbayerischen Krankenhäusern zum Einsatz kommen. Heute wird das Projekt während eines Besuchs von Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml in Harlaching vorgestellt. Hier lesen Sie unseren großen Report über eine innovative Methode im Kampf gegen die Volkskrankheit Schlaganfall:

Nachts in der Notaufnahme der Kreisklinik Ebersberg: Eine Frau klagt über heftigen Schwindel, zeigt aber keine anderen klassischen Alarmzeichen für einen Schlaganfall (siehe Artikel rechts). Früher wäre diese Patientin wahrscheinlich auf Normalstation aufgenommen worden, um die weitere Abklärung am nächsten Tag voranzutreiben. Jetzt verstreicht diese wertvolle Zeit nicht mehr. Die Ebersberger Ärzte beginnen sofort mit der genauen Diagnostik. Dazu starten sie ein sogenanntes Telekonsil. Bei dieser Videokonferenz schalten sie einen rund um die Uhr abrufbereiten Schlaganfall- und Schwindelspezialisten zu, der vor einer Art Kommandobrücke in der München Klinik in Harlaching sitzt.

Die Patientin erhält eine Spezialbrille und absolviert unter Anleitung der Ärzte und Helfer vor Ort in Ebersberg einige Seh- und Reaktionstests. Die Bilder und verschiedene Messdaten werden live auf die Monitore des Spezialisten in München übertragen. „Wir können mit Hilfe der Videobrille unter anderem die Augenreflexe genau untersuchen, um einen möglichen Schlaganfall schnell zu entdecken. In diesen Fällen können wir dann sofort weitere Schritte einleiten“, erklärt der Neurologe Dr. Peter Müller-Barna vom Schlaganfall-Netzwerk Tempis.

Noch in der Nacht mit der Behandlung zu beginnen, kann für viele Patienten entscheidend sein. 80 bis 90 Prozent aller Schlaganfälle entstehen aus einer Mangeldurchblutung, Fachleute sprechen dann von einem ischämischen Schlaganfall. Um den Verschluss in der Hirnarterie aufzulösen, setzen Mediziner die so genannte Lysetherapie ein. Doch diese Kombi aus blutverdünnenden Medikamenten kann nur bis maximal viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall verabreicht werden. Anschließend wird die Chance, Hirngewebe zu retten, sehr gering – und gleichzeitig das Risiko einer Blutung sehr groß.

In manchen Fällen können Spezialisten ihre Patienten auch mit einer Thrombektomie behandeln. Dabei wird das Blutgerinnsel mit Hilfe eines dünnen Kunststoffschlauchs (Katheter) direkt aus der Hirnarterie gezogen. Um diese Technik schnell auch in den südostbayerischen Kliniken des Tempis-Netzwerks einsetzen zu können, steht in Harlaching seit vergangenem Jahr ein eigenes Spezialistenteam bereit. Es wird bei Bedarf mit dem Helikopter eingeflogen.

Zurück zur neuen Hightech-Videobrille. „Sie kann uns nicht nur bei der Schlaganfall-Diagnostik helfen, sondern auch Hinweise auf andere Ursachen für heftigen Schwindel liefern“, sagt Dr. Müller-Barna. „So deuten beispielsweise kleinste ruckartige Augenbewegungen oft auf eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs hin.“ Diese sogenannte Neuritis vestibularis ist neben Lagerungsschwindel die häufigste Ursache für Schwindelsymptome.

Rein statistisch gesehen wird jeder zweite Schwindelpatient ohne genauere Diagnose entlassen. Um die Beschwerden genauer analysieren zu können, bedarf es Spezialwissen – entsprechende Experten können viele Kliniken schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht rund um die Uhr zur Verfügung stellen. Diese Lücke soll das Tempis-Netzwerk mit der Zentrale in der München Klinik Harlaching schließen.

Mehr noch: Nicht nur Schlaganfall-, sondern auch Schwindelpatienten soll so schnell wie möglich eine Therapie angeboten werden. Dazu stehen in Harlaching speziell geschulte Physiotherapeuten zur Verfügung. „Wir arbeiten eng mit den Ärzten und mit den Physiotherapeuten in den Kliniken vor Ort zusammen. Sie werden von uns geschult und auch im Rahmen von Video-Liveschaltungen unterstützt. Gemeinsam können wir beispielsweise Lagerungsschwindel sofort behandeln“, sagt die Tempis-Physiotherapeutin Nina Schütt-Becker.

Bei der Akuttherapie werden die Patienten in bestimmte Körperhaltungen manövriert. Der Hintergrund: Lagerungsschwindel wird von kleinen Kristallpartikeln verursacht, die sich im Innenohr lösen und in den Bogengängen stecken bleiben. Mit „Befreiungsmanövern“ können die Therapeuten diese oft winzigen Störenfriede loseisen. Danach sind die Beschwerden der Patienten meistens auf der Stelle vorbei. ANDREAS BEEZ

Artikel 4 von 4