3 FRAGEN AN
Sibylle von Tiedemann aus München ist Historikerin und hat das „Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde“ mit herausgegeben. Sie hat die Gedenkreise ins Schloss Hartheim organisiert.
Frau von Tiedemann, wurden die Euthanasie-Morde in München bereits vollständig aufgeklärt?
Wir haben bereits 2000 Opfer recherchiert. Nach Zeitungsartikeln melden sich aber immer wieder Angehörige von Opfern. Das zeigt, dass wir noch viel aufklären müssen. Dazu braucht es aber auch die Heil- und Pflegeanstalten und Behinderteneinrichtungen, die damals an den Verbrechen beteiligt waren. Die meisten dieser Institutionen sind auch heute noch Einrichtungen zur Behandlung von kranken und behinderten Menschen. Die Anstalten müssen Informationen für die Öffentlichkeit bereitstellen und Angehörigen bei der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichten helfen. Denn die Angehörigen müssen historische Zusammenhänge deuten, fachliche Begriffe verstehen und emotional gestützt werden. Das schaffen sie nicht alleine.
Sie fordern ein würdiges Gedenken an die Opfer. Was muss Ihrer Meinung nach passieren?
Wir fordern einen bundesweiten Gedenktag für die Euthanasie-Opfer am 18. Januar. Darüber hinaus fordern wir Einrichtungen, die an den Verbrechen beteiligt waren, dazu auf, ihre eigene Vergangenheit aufzuklären und die ehemaligen Tatorte würdig zu behandeln. Viele Einrichtungen haben keine Verweise zur eigenen Geschichte. Außerdem müssen Humanpräparate, die sich immer noch in wissenschaftlichem Besitz befinden, würdevoll beerdigt werden. Grundsätzlich müssen wir uns auch die Frage stellen, ob es ethisch und therapeutisch in Ordnung ist, wenn heutzutage an den Orten der Verbrechen Patienten behandelt werden. Schließlich wurden dort im NS-Regime tausende Menschen auf grausame Weise ermordet.
Wo es Opfer gibt, sind auch Täter. Was ist mit denen?
Bis heute werden viele der Täter mit Ehrenmitgliedschaften, Bundesverdienstkreuzen und Straßennamen gewürdigt. Anton von Braunmühl ist ein Beispiel. Braunmühl war während der NS-Zeit für viele Verbrechen verantwortlich, nach ihm wurde 1976 eine Straße in Haar benannt. Auf unsere Initiative hin bekam sie in diesem Frühjahr einen anderen Namen. Wir müssen diese Täter durch die Aberkennung dieser Ehrungen ächten.
Interview: Max Wochinger