Oberpfaffenhofen – Die Insekten. Roland Koböck kennt sie. Die guten und die bösen. Der Tagfalter zum Beispiel, der gerade um ihn schwirrt: eindeutig positiv. Der 30-jährige Landwirt steht am Rand eines besonderen Feldes zwischen Unterbrunn und Weßling (Kreis Starnberg). Hier soll es entstehen, das Paradies für Bienen, Hummeln und Co. –mit dem Engagement der Bürger. Koböck bietet Blühpatenschaften an. Auf 25 000 Quadratmetern hat er heimische Blumen angepflanzt. Vorsichtig blinzelt erstes Grün aus der Erde. 100 Quadratmeter bekommt man für drei Jahre gegen einen Patenschaftsbeitrag von 150 Euro. Auf einer gleich großen Fläche vergibt Koböck außerdem Ackerwildkrautflächen, für 99 Euro pro 100 Quadratmeter. Das Geschäftsmodell boomt. Knapp 400 bayerische Landwirte bieten mittlerweile solche Flächen an, schätzt der Bayerische Bauernverband. Obwohl offiziell kein Projekt des Bauernverbandes, gibt es auf der Homepage eine Übersicht. Die Preise für die Pacht legen die Landwirte selbst fest.
186 Blühpaten haben inzwischen bei Koböck zugeschlagen. Eine von ihnen ist Brigitte Lobisch. Die 70-jährige Gautingerin hat ihr Kreuzchen gemacht beim Bienen-Volksbegehren. „Ohnmächtig fühlt man sich trotzdem“, sagt sie. Auf dem Hof der Koböcks holt sie schon seit vielen Jahren ihre Eier. Die Idee der Blühpatenschaft findet sie toll. Mit ihren sechs Enkelkindern ist sie viel in der Natur unterwegs, zeigt ihnen Flora und Fauna. Und sieht: „Die Landwirte stehen unter Druck, die müssen auch leben.“ Monokultur und Dünger: „Bis die staatlichen Subventionen nicht anders verteilt werden, ändert sich nichts.“ Eine Blühpatenschaft sieht sie als Chance, Lebensraum für Insekten, für bodenbrütende Vögel und Feldtiere zu schaffen. 50 Quadratmeter für 75 Euro hat sie übernommen, Zertifikat und ein Glas Honig im Jahr inklusive. Den Preis? Findet sie in Ordnung. „Die Koböcks machen das mit viel Liebe.“
„Der Kontakt mit den Bürgern ist uns wichtig“, sagt Koböck. Er hat sich vom Bund Naturschutz beraten lassen. Die Artenvielfalt liegt ihm am Herzen. „Das war auch ohne Blühpatenschaften schon so.“ Gegen das Volksbegehren war er nicht. „Aber es ist schlimm, dass viele in uns nur diejenigen sehen, die Gift auf die Felder kippen.“
Blühpatenschaften für den Artenschutz, für mehr Verständnis für die Landwirtschaft, als Allheilmittel auf dem Weg in eine bessere Welt? „Sie können ein Mosaikstein sein, um den Artenrückgang aufzuhalten, aber kein Ersatz für die Reduktion des Gifteinsatzes“, sagt Christine Margraf vom Bund Naturschutz. Sie kritisiert: „Manche Bauern versuchen, viel Geld mit den Blühpatenschaften zu verdienen.“ Fördergelder flössen zusätzlich.
Roland Koböck hat es durchgerechnet. Bio-regionales Saatgut: 800 Euro pro Hektar statt 100 Euro für normale Feldfrüchte. „Der Maschineneinsatz ist geringer, dafür haben wir bürokratischen Aufwand.“ Seine Freundin betreut die Homepage, beantwortet Mails, schreibt Zertifikate. Es kostet Zeit, den Paten die Blühflächen zu zeigen und Fragen zu beantworten, mit Vorurteilen aufzuräumen. „Kein Bauer spritzt einfach so Gift“, sagt Koböck. Er ist kein Bio-Bauer, zu Pestiziden greife er auf seinen 70 Hektar landwirtschaftlicher Fläche trotzdem nur, wenn es nicht anders geht. Zwei Mal hat Koböck heuer schon unerwünschte Arten per Hand entfernt. Acht Personen durchkämmten die gesamte Fläche. Sechs Stunden dauert das jedes Mal. „Und das wird noch einige Male nötig sein“, sagt Koböck. Unerwünschte Arten seien solche, die seltenere, schützenswerte verdrängen.
Dann spricht er noch einmal von Insekten. Dieses Mal von weniger beliebten. Der Rapsglanzkäfer zum Beispiel: Er ist resistent gegen Herbizide und zerstört ganze Ernten. Einfach ist das nicht mit der Artenvielfalt: Nicht alles, was kreucht und fleucht, ist schützenswert. „Aber uns ist die Verantwortung absolut bewusst“, sagt der Landwirt.
Auch Jens Michel kennt das Dilemma. Auf seinem Sonnenacker summt und zirpt es. Bienen? Klar. Hummeln? Unbedingt. Schmetterlinge? Wunderbar. Mücken? Leider jede Menge. Kartoffelkäfer? „Zum Glück nicht, der könnte großen Schaden anrichten.“ Der 55-jährige Schreiner aus Krailling (Kreis Starnberg) pflanzt, jätet und erntet seit diesem Jahr auf seinem eigenen „Bifang“. „Das selbst gezogene Gemüse steht schon im Vordergrund“, sagt er. Ausgesät hat er aber auch eine heimische Blühmischung. Dass er mit seiner Parzelle, die ihm der Landwirt im April saatfertig übergeben hat, auch etwas für den Artenschutz tut: „Ein schöner Nebeneffekt.“ Die Solidargemeinschaft „Unser Land“ stellt die Ackerflächen zur Verfügung. An rund 1000 Standorten rund um München bauen Hobbygärtner Gemüse an, säen Blumen. Auflage: Kein chemischer Pflanzenschutz.
Jens Michel und seine Frau Claudia sind täglich auf ihrem Feld, bewaffnet mit Gießkannen und Kanistern, die sie auf dem Rad transportieren. „Man denkt drüber nach, wie arbeitsintensiv das Leben eines Landwirtes ist.“ Zumindest, wenn das Gift im Schrank bleiben muss.