München – Stillstand auf den Straßen, überfüllte Busse und Trambahnen, Radl-Staus an den Ampeln. Der Warnstreik der MVG-Fahrer entfaltete gestern spürbare Wirkung. Bis zum Streikende am Nachmittag fuhr keine U-Bahn, Trambahnen und Busse fuhren nur vereinzelt. Wenn sie durchkamen: Auf vielen Ring- und Einfallstraßen ging zeitweise gar nichts mehr.
Die Forderungen der rund 1300 MVG-Mitarbeiter seien im Grundsatz nachvollziehbar, sagte Freie-Wähler-Fraktionschef Florian Streibl. „Nicht nachzuvollziehen ist allerdings, warum rund 1,5 Millionen Menschen an einem Werktag um ihr mit Fahrkarten erkauftes Recht betrogen werden, mit U-Bahn, Bus und Tram zur Arbeit zu pendeln, zum Arzt zu fahren oder ihre Kinder zur Schule zu bringen.“
„Ein kurzer Streik, den keiner mitbekommt, bewirkt nichts“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Franz Schütz unserer Zeitung. „Die Beschäftigten kämpfen seit Jahren um einen angemessenen Lohn. Jetzt muss ein klares Signal kommen. Zumal von Arbeitgeberseite bislang noch kein offizielles Angebot gekommen ist – auch wenn die etwas anderes behauptet.“
Anlass des Warnstreiks ist ein hausinterner Tarifkonflikt. Verdi fordert 200 Euro mehr Lohn im Monat und wirft dem städtischen Unternehmen vor, seine Fahrer schlechter zu bezahlen als andere kommunale Verkehrsunternehmen, die sich an den Branchentarifvertrag halten.
Münchens Verdi-Chef Heinz Birner erklärt, worum es genau geht: 600 Angestellte der MVG, die bereits länger dabei sind, hätten einen alten, besseren Tarifvertrag, den Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N). Dieser gelte auch für die Angestellten der meisten anderen bayerischen Kommunen. „Wir verhandeln jetzt aber nur den Haustarifvertrag der 1300 MVG-Beschäftigten, die neuere, schlechtere Verträge haben. Sie verdienen schon bei der Einstellung 100 Euro brutto weniger, haben statt der sechs Gehaltsstufen nur drei und bekommen keine Zusatzrente vom Arbeitgeber wie ihre Kollegen.“ Nach 15 Jahren, rechnet Birner vor, verdiene ein TV-N-Angestellter 2948 Euro, der MVG-Mitarbeiter 400 Euro weniger. „Das ist ein Zwei-Klassen-System.“
Verdi fordert deshalb 200 Euro mehr beim Haustarifvertrag und eine langfristige Angleichung der Bedingungen. „Das wollen wir mit einer Laufzeit von 14 Monaten schaffen“, erklärt Birner. Dann fielen die nächsten Tarifverhandlungen nämlich mit den TV-N-Beschäftigten zusammen – und man könne eine Angleichung besser realisieren.
Ein Betroffener ist Reiner Baumgartner (31). 2400 Euro brutto verdient der Trambahnfahrer, der seit Januar für die MVG fährt. „Das ist weniger als ein Fahrer in Augsburg oder Bamberg – aber auch weniger als viele meiner Kollegen, die den alten Tarifvertrag haben.“ Baumgartner hat gestern auch gestreikt. „Ich fühle mich wie ein Fahrer zweiter Klasse.“ Er bekomme bis zu 500 Euro weniger als einige Münchner Fahrer und der Großteil der bayerischen Kollegen. „Und das bei den hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt. Ich zahle allein 1500 Euro Miete.“
Die MVG kritisierte den Warnstreik als unverhältnismäßig. „Der Streik ist eine Zumutung“, sagte Personalgeschäftsführer Werner Albrecht gestern. Die MVG habe kein Interesse daran, den internen Streit auf dem Rücken der Fahrgäste auszutragen: „Sie bezahlen ihr Jahresabo oder Monatsticket und haben das Recht, von A nach B transportiert zu werden.“
Heute um 14 Uhr geht es in die dritte Verhandlungsrunde mit der Gewerkschaft. Albrecht will weitere Warnstreiks vermeiden. „Egal, wie lange die Verhandlungen dauern. Wir wollen zu einem Ergebnis kommen – und wenn ich drei Tage im Schlafsack übernachten muss.“ Er geht von einer Einigung aus.
Die MVG bietet laut Albrecht eine dreimalige Erhöhung des Lohns um insgesamt 300 Euro und eine Vertragslaufzeit von 22 Monaten. Zudem sollen Sonderzahlungen erhöht und Weiterbildungen finanziert werden. Verdi fordert jedoch eine Laufzeit von 14 Monaten – was die MVG entschieden ablehnt. „Wir wollen nicht, dass es in einem Jahr dann wieder zu einem Streik kommt und die Bürger in Mitleidenschaft gezogen werden“, sagte Albrecht.
Verdi-Verhandlungsführer Franz Schütz zeigte sich gestern Nachmittag erstaunt: „Von Arbeitgeberseite hat es bislang noch gar kein offizielles Angebot gegeben.“ Man warte nun die heutigen Verhandlungen ab. „Wir halten auf jeden Fall auf den 14 Monaten Vertragslaufzeit fest.“ Weitere Streiks seien nicht ausgeschlossen.