Die größte Reise der Menschheit

von Redaktion

Es war ein Wettlauf der Technik und des Prestiges: Wer würde zuerst auf dem Mond landen – die Russen oder die USA? Morgen vor 50 Jahren starteten die Amerikaner die Mission „Apollo 11“. Am 21. Juli 1969 war der Wettlauf gewonnen. Neil Armstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond.

VON PAMELA DÖRHÖFER

München – Wer diesen Moment live vor dem Fernseher erlebt hat, wird ihn nie vergessen. Jenen Augenblick, als auf grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern eine Gestalt mit riesigem Helm und weißem Ganzkörperanzug die Leiter eines staksig wirkenden Gefährts hinunterstieg, seinen klobigen linken Stiefel nach vorne streckte und ihn auf die Oberfläche eines fast 400 000 Kilometer entfernten Ortes setzte. In Mitteleuropa war es 3.56 Uhr am 21. Juli 1969, ein Montag, an der US-Ostküste noch der 20. Juli, 22.56 Uhr, als Neil Armstrong den berühmten Satz sagte: „That’s one small step for a man, one giant leap for mankind – dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit.“

600 Millionen Menschen verfolgten auf der Erde, wie sich Neil Armstrong und wenig später auch Buzz Aldrin auf der kargen Mondoberfläche mit ungelenk anmutenden Sprüngen fortbewegten. Noch nie zuvor hatten so viele Zuschauer gleichzeitig ein Programm verfolgt – und so verschwommen die Fernsehbilder auch waren, vermittelten sie irgendwie das Gefühl, selbst mit dabei zu sein.

Viereinhalb Tage waren seit dem Beginn der Apollo-11-Mission in Florida vergangen, fast neun Jahre hatten die Vorbereitungen gedauert. Der großen Leistung waren Niederlagen vorangegangen. Die Sowjets, Erzfeind der USA im Kalten Krieg, hatten 1957 mit ihrem ersten Satelliten in der Erdumlaufbahn für den „Sputnik-Schock“ gesorgt und danach noch weitere Male ihre Überlegenheit in der Raumfahrt demonstriert – bis hin zum 12. April 1961, als mit dem Russen Juri Gagarin der erste Mensch ins All flog. Im selben Monat scheiterten die USA kläglich bei der „Invasion in der Schweinebucht“, dem Versuch, das kommunistische Regime von Fidel Castro mit einem militärischen Angriff zu stürzen.

Ein Erfolgserlebnis musste her, etwas Spektakuläres, ohne Waffengewalt. Am 25. Mai 1961 preschte US-Präsident John F. Kennedy im Kongress vor. „Es ist an der Zeit, größere Schritte zu unternehmen, Zeit für ein neues amerikanisches Vorhaben, Zeit, dass dieses Land eine Führungsrolle in der Raumfahrt übernimmt, die in vielerlei Hinsicht der Schlüssel zu unserer Zukunft hier auf der Erde sein könnte. (…) Ich glaube, dass dieses Land es sich zum Ziel setzen sollte, noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu schicken und ihn sicher wieder zur Erde zurückzuholen.“

Für ihre Mondmissionen wählte die NASA den Namen „Apollo“, benannt nach dem griechischen Gott des Lichts, der auf einem Triumphwagen zur Sonne reitet. Nicht einmal zehn Jahre blieben der Raumfahrtbehörde, um Kennedys Traum zu erfüllen. Selbst politische Krisen, die Ermordung Kennedys 1963 oder der Vietnamkrieg ließen die USA nicht davon abrücken. Auch nicht die Katastrophe von „Apollo 1“, bei der während eines Starttests am 27. Januar 1967 Feuer ausbrach. Alle drei Astronauten in der Kapsel starben.

Nach Kennedys Ankündigung wurde das Budget der NASA um 400 Prozent erhöht, 24 Milliarden Dollar sollte das Apollo-Programm kosten, etwa 120 Milliarden nach heutigen Maßstäben. Neben Geld war viel Wissen gefragt. 20 000 Unternehmen und Universitäten waren am Apollo-Programm beteiligt. Wegen des enormen Zeitdrucks stellte die NASA viele Mitarbeiter ohne Vorstellungsgespräch ein. Nicht so genau nahm man es auch mit der Vergangenheit des führenden NASA-Raketeningenieurs Wernher von Braun, der für Adolf Hitler die V2-Rakete konzipiert hatte – und nach Kriegsende zu den Amerikanern übergelaufen war.

Braun entwickelte binnen weniger Jahre die „Saturn V“-Trägerrakete, die „Apollo 11“ und alle folgenden Apollo-Missionen sicher zum Mond brachte; eine bis heute nicht mehr wiederholte Leistung. Ein 2900 Tonnen schwerer Koloss, 110 Meter hoch, der größte Teil ein dreistufiges Antriebssystem, an der Spitze wie ein Nadelkopf die Kommandokapsel „Columbia“ und die Landefähre „Eagle“, auf die der zweite weltberühmte Satz der Mondlandung zurückgeht: „The Eagle has landed – Der Adler ist gelandet“, verkündete die Crew nach dem Aufsetzen. Als Landeplatz hatten die USA das Mare Tranquillitatis, das „Meer der Ruhe“ auf der Mondvorderseite ausgewählt.

Der Start von „Apollo 11“ fand am 16. Juli 1969 statt. In Cape Canaveral erhob sich unter den Augen von 5000 Ehrengästen „Saturn V“ auf Startrampe 39A. Mehr als eine Million Menschen hatten sich in und um Cape Kennedy versammelt. Sie sahen, wie die Rakete um 9.32 Uhr Ortszeit aus einem Meer von Qualm und Flammen nach oben schoss. Nach zwölf Minuten schwenkte sie in einen Orbit um die Erde und wenig später auf die Flugbahn zum Mond ein – mit fast 39 000 Stundenkilometern. Dann löste sich die Apollo-Kapsel mit der Fähre „Eagle“ von der dritten Raketenstufe und schwebte dem Ziel entgegen.

Sechzehn Minuten nach Armstrongs legendärem ersten Schritt stieg auch Aldrin aus der „Eagle“. Dabei entstanden die Bilder, die für immer mit dem ersten Menschen auf dem Mond verbunden sein werden. Tatsächlich zeigen alle Aufnahmen auf dem Mond, auf denen ein Astronaut zu sehen ist, Buzz Aldrin. Armstrong war als Fotograf eingeteilt – wenn man so will, eine kleine Genugtuung für den Zweiten. Denn Aldrin wollte eigentlich unbedingt als erster auf den Mond.

Zu den Aufgaben der Astronauten zählten neben Experimenten repräsentative Pflichten. Zuerst enthüllten sie eine Plakette mit der Inschrift „Hier haben Menschen vom Planeten Erde im Juli 1969 n. Chr. den Mond betreten. Wir kamen in Frieden für die ganze Menschheit.“. Und sie sollten eine amerikanische Flagge aufstellen – was fast zu einem PR-Desaster geworden wäre: Den Astronauten gelang es nicht, den Mast tief in den Grund zu drücken – und so fürchteten sie die ganze Zeit, die Flagge könnte vor den Augen des weltweiten Fernsehpublikums in den Mondstaub fallen.

Nach zwei Stunden und 31 Minuten kehrten Aldrin und Armstrong in die Mondlandefähre zurück. „Ich weiß noch, wie ich dachte: Mann, ich würde gern länger draußen bleiben, weil es noch weitere Dinge gibt, die ich gern sehen und tun würde“, erinnert sich Armstrong in seiner Biografie. Die Mondlandschaft beschrieb er als „fremdartig, aber sehr schön“. Die Astronauten warfen allen überflüssigen Ballast von Bord, unter anderem die Kameras. Nur die Filme nahmen sie mit. Auch die „Eagle“ liegt auf dem Mond. Nach dem Rendezvous mit der „Columbia“ wurde die Landefähre abgestoßen. Sie trieb durchs All, bis sie schließlich auf den Mond stürzte.

Noch fünf weitere Male landeten US-amerikanische Astronauten nach der Apollo-11-Mission auf dem Mond. Im Dezember 1972 endete das Apollo-Programm schließlich. Zwölf Menschen haben bisher ihre Fußabdrücke auf dem Mond hinterlassen. Aber die Berühmtheit der Crew von „Apollo 11“, die wie Popstars gefeiert wurden, erlangten die anderen US-Astronauten nie. Freunde wurden Armstrong, Aldrin und Collins nicht. Collins bezeichnete die Besatzungsmitglieder später einmal als „einander freundlich gesinnte Fremde“.

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