Ein Wagendorf trotzt der Millionenstadt

von Redaktion

Mitten in der Boomtown München gibt es ein kleines Dorf, das anders ist. Im „Stattpark Olga“ leben die 27 Bewohner in umgebauten Bau- und Zirkuswagen. Die Gemeinschaft ist ihnen wichtiger als Konsum. Die Stadt unterstützt das außergewöhnliche Projekt.

VON MIRJAM PRELL

München – Zwischen den Bau- und Zirkuswagen steht die Hitze, Hühner gackern. Martin Lidl, 51, tritt aus seinem Wagen, im Unterhemd, barfuß, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Gut gelaunt macht er es sich in der Hängematte auf seiner selbst gebauten Terrasse bequem. Seit acht Jahren lebt Martin mit seiner Familie im „Stattpark Olga“ in München. Seine Heimat sind zwei ausgebaute Zirkuswagen.

Der „Stattpark Olga“ ist ein einzigartiges Projekt. Mitten in der Boomtown München leben die „Olgas“, wie sich die Bewohner nennen, in einer Art Wagendorf zusammen – 20 Erwachsene und sieben Kinder. Der Älteste ist 64, der Jüngste ein knappes Jahr. Die Olgas sehen sich als eine Art Gegenmodell zur Konsumgesellschaft. Bewusst und frei zu leben, das ist es, was die Gruppe eint.

Martin Lidl ist seit Anfang an dabei. Der Anfang, das war vor fast neun Jahren. Martin lebte schon vorher in seinem Zirkuswagen, in Sünching bei Regensburg. Dann traf er auf die Olgas – und schloss sich an. Das Leben in der frei gewählten Gemeinschaft sieht er als Bereicherung. „Du lernst täglich dazu, vor allem über dich selbst“, sagt Martin.

Eine überdachte Terrasse verbindet die zwei Zirkuswagen. Einen Wagen teilen sich Martin und sein siebenjähriger Sohn Miro. Stolz präsentiert Miro sein Kinderzimmer – mit ganz viel Lego. Wer eintreten will, muss links oder rechts vom Esstisch über die Sitzbank klettern. Überall entdeckt man raffinierte Details: versteckte Regale und Schubläden, Stangen und Haken. Jeder Balken und Winkel wird kreativ als Stauraum genutzt. Über eine Treppe geht es in Martins „Turmzimmer“ – sein Übungsraum. Der 51-Jährige ist Gitarrist, tritt bei Festivals auf, begleitet auch mal Stummfilmvorführungen im Kino. Der zweite Wagen gehört seiner Frau Sarah und ist zugleich Gäste- und Arbeitszimmer. In einem kleinen Vorraum sind Waschbecken und Spiegel, an einer Stange an der Wand hängt Kleidung.

Sarah ist Atem-, Sprech-, und Stimmtrainerin. „In unserem Garten stand früher ein Wohnwagen. Da habe ich zeitweise drin gelebt und auch aufs Abi gelernt“, erzählt die 35-Jährige. Auch danach lebte sie in Wohngemeinschaften. Klassisch zu wohnen, kann sie sich nur schwer vorstellen. „Die Gemeinschaft ist mir dafür zu wichtig.“

Der Stattpark hat seine ganz eigene Choreografie. Überall stehen Pflanzentröge und Gegenstände, von denen man auf den ersten Blick nicht glaubt, dass sie noch jemand braucht. In der Mitte des Platzes haben die „Olgas“ einen mobilen Pool und ein Trampolin aufgebaut. Etwas abseits stehen zwei Dixi-Klos und eine Komposttoilette. Ein gemeinsamer Briefkasten hängt am Eingang zum Gelände.

Alle Wagen haben Öfen, geheizt wird mit Gas oder Holzbriketts. „Viele stellen sich das ganz schlimm vor“, sagt Martin amüsiert. „Aber ich friere eher, wenn ich bei Freunden in einer Wohnung bin.“ Der Strom kommt weitgehend aus eigenen kleinen Solaranlagen, fließend Wasser gibt es im Stattpark nur im Sanitärwagen. Dort stehen auch eine Waschmaschine und eine Dusche für alle. Sich eine Dusche zu teilen, sei kein Problem, sagt Martin. Wasser holen die Olgas in Kanistern in ihre Wagen. „Im Winter muss man vorausschauender sein“, sagt Sarah. Das Wasser friert da schnell zum Eisblock. Das Abwasser fließt über ein selbst verlegtes Rohrnetz in die Kanalisation.

Nico kommt über den Platz gelaufen. Der 19-Jährige ist Martins Ältester und lebt in einem Bauwagen schräg gegenüber. Was seine Freunde zu seiner Art zu wohnen sagen? „Krass. Echt jetzt? Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt.“ Freunde der Kinder kommen gerne hierher. Für die Kinder sei das hier wie ein Abenteuerspielplatz, sagt Martin. „Voll spannend“ sei es im Stattpark, pflichtet Miro bei.

Leben im Stattpark heißt auch, sich gegenseitig zu unterstützen. Paula Schwaab wohnt in einem umgebauten DHL-Wagen. Die 29-jährige Mutter studiert Soziale Arbeit. Für Familien sei die Gemeinschaft eine enorme Hilfe, sagt sie. Es sei immer jemand da, der einspringen kann.

Aber die Gemeinschaft erfordert auch Zeit und Energie, denn der Stattpark ist wie ein kleines Dorf, in dem sich jeder kennt. Probleme, die es auch gibt, werden möglichst gemeinsam gelöst. Dienstags werden Themen, die alle betreffen, besprochen. Eine Entscheidung erfolgt immer im Konsens, das kann anstrengend sein. „Dadurch lernst du aber auch, zuzuhören, und wann dir etwas wirklich wichtig genug ist, um dein Veto einzulegen“, sagt Peter Lübke. Der Servicetechniker ist einer der ältesten Stattpark-Bewohner und Martins direkter Nachbar.

Die Mietverträge sind begrenzt, alle zwei Jahre müssen die Olgas weiterziehen. Einen neuen Platz in München zu finden, wird immer schwieriger, aber die Stadt hilft, wo es geht. Erst im November zog die Wagenkolonne auf ein städtisches Areal im Stadtviertel Mittersendling. Die Miete, die die Stadt verlangt, wird solidarisch geteilt: Jeder zahlt so viel er kann. „Bis jetzt hat es am Ende immer gereicht“, sagt Martin. Wie viel Miete sie zahlen, verraten die Olgas nicht.

Der Stattpark legt Wert auf eine gute Beziehung zu den Nachbarn. Denn jeder Umzug bringt neue Vorurteile. „Die Menschen glauben zu sehen, dass wir anders sind“, sagt Martin. Aber das stimme nicht. „Wir gehen arbeiten, die Kinder gehen zur Schule, wir haben Nöte und Sorgen wie alle anderen auch. Wir sind auch keine Aussteiger. Das einzige, was bei uns anders ist: dass unsere Häuser Räder haben und wir in einer aktiven Gemeinschaft leben.“

Die Olgas suchen Kontakt zu ihren Nachbarn, organisieren regelmäßig kulturelle Veranstaltungen. Für den bereitgestellten Platz wollen sie etwas zurückgeben. Es gibt Lagerfeuerabende, Künstler treten auf. Aktionen wie der Umsonstladen oder die Radlwerkstatt kommen gut an. Ende Juni gab es einen Tag der offenen Tür, zu dem viele Menschen aus dem Viertel kamen. Zu erklären und sich kennenzulernen, brauche Zeit, sagt Sarah. Das Traurige: „Immer wenn wir das Gefühl haben, angekommen zu sein, müssen wir wieder weg.“

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