München – Im Sommer reisen Millionen Deutsche „ans Meer“, und die meisten können nachher sagen: „Ich habe im Meer gebadet.“ Goethe hat einen solchen Satz nie geäußert: Dabei konnte er schwimmen und auf seiner Italienreise ist er auch ans Meer gekommen. Aber baden? Nicht im Meer, nur in Flüssen und Seen: „Den ganzen Tag still und fleißig wegen der Hitze; abends (…) im Tiber gebadet“, schreibt er am 1. August 1787 aus Rom.
Das Meerbaden war zu Goethes Zeit noch nicht üblich. Auch im alten Rom mit seiner ausgebauten Bäderkultur pflegte man es nicht. Zur römischen Stadt gehörten öffentliche Bäder, die Thermen, vergleichbar heutigen Wellness-Anlagen, aber Strandbäder gab es nicht. Konnten die Römer etwa nicht schwimmen? Wohl schon, sonst hätten sie von einem saudummen Menschen wohl kaum gesagt: „Er hat weder schwimmen noch lesen gelernt – Neque natare, neque litteras didicit.“
Dass damals die Kenntnis des Schwimmens verbreitet war, ist vielfach bezeugt, etwa in der Bibel: Die „Apostelgeschichte“ berichtet, wie um das Jahr 60 der Apostel Paulus nach seiner Verhaftung in Jerusalem mit einem Gefangenenschiff nach Rom überführt wird. Als das Schiff vor Malta in Seenot gerät, befiehlt der Kommandant „jenen, die schwimmen konnten“, es zu verlassen; die übrigen klammern sich an Planken, und alle erreichen das Land. Fazit: Römer konnten durchaus schwimmen, taten es aber nicht zum Vergnügen.
Der Mensch ist ein Landwesen und verbindet mit dem Meer oft Vorstellungen, die angstbesetzt sind: wilde Wellen, Sturmfluten, bedrohliche Tiefe, kurz: eine Urgewalt, der man machtlos gegenübersteht. Der Meeresgott – in der griechischen Mythologie Poseidon, in der römischen Neptun – galt deshalb in der Antike als die unbeliebteste Gottheit: Ein übel gelaunter, reizbarer Mann, der mit seinem Dreizack willkürlich die Meere aufwirbelte oder die Erde erschütterte, Tod und Verderben bringend. In der Bibel verdichtet die „Sintflut“ das Bild vom alles verschlingenden Meer.
„Nordsee ist Mordsee“ lautet auch heute noch ein geflügelter Reim. „Ich gehe sehr ungern ins Meer und ich habe das Gefühl, ich gehöre da nicht hin“, bekannte Fernsehmoderatorin Anne Will. Und sie ist kein Einzelfall. Die Tourismusindustrie stellt sich darauf ein, indem sie in Strandhotels mit großen Swimmingpool-Anlagen beides ermöglicht: Baden am Meer und im Meer.
Mensch und Meer kamen sich in Europa erst Mitte des 18. Jahrhunderts näher, als englische Ärzte die heilende Kraft des Meerwassers feststellten. Es entstanden an der Südostküste Englands die ersten Seebäder, in denen Nervenleiden, Haut- und Gelenkerkrankungen mit Meerwasser behandelt wurden (Thalassotherapie): durch Trinkkuren, Wannenbäder – und, vor allem, Baden im Meer.
Bei diesem „sea-bathing“ wurde der Gast in einem von Pferden gezogenen Badekarren, einer Art mobiler Umkleidekabine, vom Strand ins Meer gefahren, entkleidete sich, stieg über eine hinten angebrachte Treppe ins Meer hinab und tauchte dann mehrmals ein. Um vor Blicken geschützt zu sein, war über der Treppe eine Art Zelt befestigt, das herabgelassen werden konnte.
Der Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg, der 1774/75 auf einer Englandreise das „sea-bathing“ ausprobierte, war so begeistert, dass er in einem Artikel die Frage stellte: „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ Lichtenberg schlug als Standort die Insel Helgoland vor: „Sollte eine solche Anstalt in jenem glücklichen Winkel nicht möglich sein?“ Es war möglich, aber erst 1826. Das erste deutsche Seebad wurde 1794 in Heiligendamm nordwestlich von Rostock an der Ostseeküste eröffnet – auf Initiative des Leibarztes des Herzogs von Mecklenburg, Samuel Gottlieb Vogel, eines Schülers von Lichtenberg. 1797 folgte mit Norderney das erste Nordseebad, und im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die gesamte Nord- und Ostseeküste mit Seebädern überzogen. Der ursprüngliche medizinische Zweck trat dabei gegenüber dem gesellschaftlich-mondänen bald zurück. Schon 1825 schrieb der junge Dichter Heinrich Heine aus Norderney: „Es ist hier sehr amüsant. Wellengeräusch, schöne Frauen, gutes Essen und göttliche Ruhe.“
Mit den schwerfälligen Badekarren ließ sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die steigende Gästezahl nicht mehr bewältigen. Es wurden lange Badestege gebaut, von denen sich die Badenden, nackt oder mit Badehemd bekleidet, ins Wasser ließen. Dabei herrschte strikte Geschlechtertrennung, mit verschiedenen Stegen und Badezeiten für Männer und Frauen. Fotografieren und Ferngläser waren am Strand verboten.
Die Geschlechtertrennung ließ sich auf Dauer nicht aufrechterhalten, weil Familien zusammenbleiben wollten. Man führte deshalb „Familienbäder“ ein, aber mit der Auflage eines Badekostüms, das den Körper möglichst verhüllen sollte: Frauen trugen einen Ganzkörperanzug, ähnlich dem heutigen „Burkini“ (aber nicht so eng anliegend), Männer ein gestreiftes Badetrikot. Das Badekostüm wurde nur im Wasser benutzt, am Strand trug man elegante Kleidung.
Die Badehose bzw. der einteilige Badeanzug setzte sich erst in den 1920er-Jahren durch; der Bikini wurde 1946 von einem Pariser Modeschöpfer erfunden, genauer: neu erfunden. Denn in der Antike gibt es Vorbilder.
Die Masse der Bevölkerung verreiste damals nicht, weil sie dafür kein Geld hatte und keine Zeit: Ein allgemeiner gesetzlicher Urlaubsanspruch wurde erst nach dem 1. Weltkrieg eingeführt. Badereisen waren also ein Vorrecht der höheren Schichten. Das Volk konnte meist nur in den heimischen Flüssen und Seen baden. Die Badesitten waren dort lockerer als in den Badeorten am Meer.
Der französische Journalist Jules Huret war höchst erstaunt über das Badetreiben am Berliner Wannsee: „Ich konnte es nicht fassen! In Norderney hätte ich beinahe eine Anzeige bekommen, weil ich beim Spazierengehen zu nahe am Strand für Frauen vorbeikam. Und hier bin ich inmitten hunderter fast unbekleideter Berlinerinnen. (…) Die Männer und Jungen tragen nur einen mit einer Schnur befestigten Lappen um die Hüften, springen im Sand herum, spielen Ball, machen Gymnastik und zeigen ihre Muskeln.“
Ans Meer fahren die Deutschen in Massen erst seit Ende der 1950er-Jahre. Für die Deutschen in der DDR kam nur die Ostsee infrage; die Westdeutschen zog es nach Italien, wo die Strände der Adria bei Rimini den Namen „Teutonengrill“ erhielten. Mit dem Flugtourismus wurde die gesamte Mittelmeerküste zum Ziel – Spanien, Griechenland, Türkei, Tunesien. Schließlich der globale Süden von Thailand über die Seychellen bis zur Karibik.
Kulturgeschichtlich gesehen ist das Meer der Deutschen nicht die heimische Nord- und Ostsee, sondern das Mittelmeer. Die Mittelmeerfahrten des Schriftstellers Ernst Jünger (1895–1998) umspannen fast das ganze 20. Jahrhundert. Am 26. April 1971, nach der Ankunft in Stalis auf Kreta, notierte er in sein Tagebuch: „Das erste Bad im Mittelmeer. Es war wie eh und je, prächtig. Obwohl mit gewissen Mängeln gerechnet werden muss. So mit Ölrückständen (…) Ferner bedrückt, hier wie überall, der Anblick von Neubauten, die längs der Küste emporwuchern.“
Trotz dieser Mängel, die inzwischen zugenommen haben, bleiben die Mittelmeerküsten das bevorzugte Urlaubsziel der Deutschen. Allerdings wird kaum einer noch dem Dichter Adalbert Stifter folgen, der am 20. September 1857 begeistert aus Triest schrieb: „Mein Sehnen seit vielen Jahren ist in Erfüllung gegangen: ich habe das Meer gesehen“.
HELMUT BERSCHIN
Der Autor ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in Regensburg und Tutzing.