Der Täter hat selbst drei kleine Kinder

von Redaktion

Nach dem Tod des achtjährigen Buben, der am Montag in Frankfurt vor einen Zug gestoßen wurde, diskutiert die Politik über Konsequenzen. Der mutmaßliche Täter war in der Schweiz zur Fahndung ausgeschrieben.

VON STEFAN REICH

Frankfurt – Am Morgen nach der Tat herrscht im Frankfurter Hauptbahnhof fast schon wieder Normalbetrieb. Auch an Gleis 7 warten Fahrgäste auf Fernzüge nach München und Düsseldorf. Ohne die Blumen und Kerzen, die Passanten am Gleiskopf niedergelegt haben, und ohne die Kamerateams, die weiter vom Tatort berichten, wäre kaum zu erahnen, was sich hier keine 24 Stunden zuvor abgespielt hatte.

Ganz hinten am Bahnsteig, im Abschnitt E, markieren nur zwei farbige Striche die Stelle, an der ein 40-jähriger Eritreer, der in der Schweiz lebte, einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen hatte. Zur Person des mutmaßlichen Täters gelangen am Dienstag nach und nach Details an die Öffentlichkeit. Was ihn aber zu der schrecklichen Tat bewog, bei der der Bub ums Leben kam, bleibt aber im Dunkeln. Klar wird nur: Habde A. war laut Züricher Kantonspolizei in psychiatrischer Behandlung und wurde in der Schweiz polizeilich gesucht.

Am Vormittag erklärt zunächst eine Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft: „Der mutmaßliche Täter hat zu seinen Motiven keine Einlassungen gemacht.“ Ermittelt werde wegen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Terrorverdacht steht nicht im Raum, die Ermittlungen gehen nicht an die Bundesanwaltschaft.

Der 40-Jährige, so viel scheint zunächst gesichert, stammt aus Eritrea. Seit 2006 lebte er in der Schweiz, im Kanton Zürich. Er besitzt dort eine unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis. Er ist verheiratet und hat drei Kinder – ein, drei und vier Jahre alt.

Nachmittags tritt Bundesinnenminister Horst Seehofer mit Vertretern der Sicherheitsbehörden vor die Presse. Seehofer spricht den Angehörigen sein Beileid aus. Dieter Romann, Präsident des Bundespolizeipräsidiums, gibt bekannt, der 40-Jährige habe 2008 in der Schweiz Asyl erhalten. „Er galt als gut integriert und hatte eine uneingeschränkte Aufenthaltsbewilligung.“ Dann habe er vergangene Woche eine Nachbarin mit einem Messer bedroht und gewürgt. Die Schweizer Polizei habe ihn national zur Fahndung ausgeschrieben. Es sei möglich, dass er in Deutschland auf der Flucht war. Der Eritreer war laut eigener Aussage Tage zuvor mit dem Zug von Basel nach Frankfurt gereist.

Laut Zeugen soll sich der Mann am Montag zunächst hinter einer Säule auf dem Bahnsteig an Gleis 7 versteckt haben. Als sich um 9.59  Uhr ein einfahrender ICE näherte, stieß er zunächst die Mutter, eine 40-Jährige aus dem Hochtaunuskreis, ins Gleisbett. Sie konnte sich noch auf ein Nachbargleis rollen. Ihr Sohn hatte offenbar keine Chance. Ihn soll der Mann direkt vor den Zug gestoßen haben.

Bevor er flüchtete, griff Habde A. noch eine 78-jährige Frau an. Sie stürzte auf dem Bahnsteig und verletzte sich an der Schulter. Augenzeugen, unter ihnen ein nicht im Dienst befindlicher Polizist, nahmen die Verfolgung auf und hielten den 40-Jährigen fest, bis die Polizei ihn festnahm.

„Es gilt Dank und Respekt auszusprechen für dieses Beispiel praktizierter Zivilcourage“, sagt Seehofer am Dienstag vor Journalisten. Nun müsse man Konsequenzen beraten, die aus dem Vorfall zu ziehen seien. Man könne nach einem so grässlichen Verbrechen nicht zur Tagesordnung übergehen.

Der Minister kündigt Spitzengespräche mit dem Verkehrsminister und der Bahn an. Und er fordert mehr Polizeipräsenz im öffentlichen Raum, auch wenn das keine Garantie für absolute Sicherheit sei. Technischen Verbesserungen an Bahnsteigen dürfe man nicht von vornherein Absagen erteilen. Ausländer- und aufenthaltsrechtliche Konsequenzen aus dem konkreten Fall zu ziehen, halte er nicht für angebracht.

Derweil mahnen andere Politiker, den Fall nicht zu instrumentalisieren. „Aus furchtbaren Taten und Leid dürfen nicht Hass und Hetze entstehen“, sagt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Der FDP-Vizefraktionsvorsitzende Stephan Thomae warnt vor vorschnellen Bewertungen.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel hatte schon am Montagmittag getwittert: „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!“ Der Bundesvorsitzende der Linken, Bernd Riexinger, antwortete, es gehe Weidel darum, „Hass zu verbreiten und Menschen gegeneinander aufzuwiegeln“.

Kurz nach Seehofers Pressekonferenz gibt die Züricher Kantonspolizei bekannt, Unterlagen, die bei der Durchsuchung der Täter-Wohnung gefunden wurden, deuteten auf eine psychische Erkrankung und eine entsprechende Behandlung des Eritreers hin. Bis vergangene Woche sei er aber nur wegen eines kleinen Verkehrsdeliktes aufgefallen. Auch seine Frau und die Nachbarin hätten ausgesagt, sein Ausbruch habe sie völlig überrascht.

Bis zum Nachmittag haben da, wo am Morgen ein paar Blumensträuße lagen, viele Passanten weitere Blumen, Stofftiere und Zettel mit Beileidsbekundungen niedergelegt. Eine für den Abend in der Bahnhofsmission geplante Andacht wird wegen des erwarteten Andrangs vor den Bahnhof verlegt. 400 Menschen kommen. „Wir können nicht glauben, dass ein Leben sinnlos abbricht, das gerade erst begonnen hat“, sagt der Leiter der Bahnhofsmission, Carsten Baumann. Es ist die Frage nach dem Warum, die die Trauernden umtreibt. Sie bleibt unbeantwortet.

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