Unschuldig vor dem Ruin

von Redaktion

Mit einem verbotenen Arzneimittel hat ein Fischzüchter aus dem Landkreis Dachau die Moosach in Freising verseucht. Das Gift gefährdet dort die Existenz anderer Traditionsbetriebe, die völlig unschuldig sind. Einer von ihnen ist Peter Baumgartner. Er fühlt sich im Stich gelassen und wirft den zuständigen Behörden Versagen vor.

VON MANUEL ESER

Freising – Diesen Tag wird Peter Baumgartner (65) nicht vergessen. Der 15. September 2018 verändert sein Leben. Seit 240 Jahren sind Mitglieder der Familie Stadtfischer in Freising. Doch plötzlich steht ihnen das Wasser bis zum Hals. Völlig unverschuldet. Ein grünes Gift bedroht ihre Existenz. Ein Gift, mit dem ein anderer Züchter, der das Gewässersystem der Moosach nutzt, seine Fische behandelt und die Sedimente des Flusses verseucht hat – und das es auch in Baumgartners Teiche schwemmt.

Baumgartner ahnt nichts Böses, als Kontrolleure an seiner Tür stehen, um Fischproben zu nehmen. „Ich habe gesagt: Macht’s nur. Ich war mir ja sicher, dass sie nichts finden können, weil ich nichts Unrechtes gemacht habe.“ Dann der Schock: Die Proben ergeben, dass die Fische mit Malachitgrün belastet sind. Der Farbstoff wird bei Zierfischen eingesetzt, um Pilzbefall zu behandeln. Da er im Verdacht steht, krebserregend zu sein, ist er bei Fischen, die für den Verzehr bestimmt sind, aber verboten.

Für Baumgartner ist der Befund „der Super-GAU“, wie er sagt. „Von heute auf morgen wird dir der Boden unter den Füßen weggezogen.“ Denn ab sofort sind seine Teiche gesperrt. Fische darf er nicht mehr verkaufen. Stattdessen hat er hohe Kosten, um die Forellen am Leben zu halten. „Denn entsorgen darf ich die nicht“, berichtet er. 20 Kilo Kraftfutter verabreicht der Züchter den unverkäuflichen Fischen täglich. Seine Großkunden hat er längst verloren. Er selbst muss zukaufen, um seinen Verkaufswagen am Grünen Markt und seinen Steckerlfischgrill im Biergarten am Laufen zu halten. „Und das, obwohl ich nichts Unrechtes getan habe.“

Der Fall zermürbt die Familie. Bei den Behörden ist Baumgartner anfangs der Hauptverdächtige, weil seine Fische die ersten sind, die positiv auf Malachit getestet werden. „Wenn Menschen uns am Wochenmarkt ansprechen, können wir aufklären. Dann glauben uns die Kunden, dass wir uns nichts haben zuschulden kommen lassen“, sagt Baumgartner. „Aber was ist mit denen, die gar nicht mehr kommen?“

Für Baumgartner steht von Anfang an fest: Das Gift muss flussaufwärts eingebracht worden sein. Etwa fünf Kilometer entfernt züchtet Bernd Kiffner Fische an der Mauka, einem Nebenarm der Moosach. Ein Bekannter von Baumgartner, auch Fischerei-Experte, wirft einen Blick auf die Teiche dort. „Er hat entdeckt, dass das Wasser grün war“, sagt Baumgartner. Der Bekannte habe Kiffner zur Rede gestellt. Kurz darauf geht bei der Polizei eine Selbstanzeige des Züchters ein, der seinen Hauptsitz im Landkreis Dachau hat: Ein Mitarbeiter habe das verbotene Arzneimittel „versehentlich“ zugegeben, gibt er an.

Baumgartner atmet auf. Allerdings nur kurz. Denn die erhoffte Hilfe bleibt aus. Stattdessen werden ihm von den Ämtern neue Steine in den Weg gelegt. Und die staatlichen Mühlen mahlen langsam – zu langsam für jemanden, der unschuldig um seine Existenz kämpft. Denn um Schadensersatz geltend machen zu können, ist Baumgartner auf eine Verurteilung des Verursachers angewiesen.

Die Staatsanwaltschaft erhebt aber erst am 6. Mai 2019 Anklage – acht Monate, nachdem die Kontrolleure bei Baumgartner waren. Fast genauso lange muss bekannt gewesen sein, welcher Betrieb das Malachit eingebracht hatte. In der Anklageschrift wird eine am 24. September 2018 im Betrieb Kiffner durchgeführte Beprobung aufgeführt, die verdächtig hohe Werte ergab. Werte, die sich nur mit einer vorsätzlichen Malachit-Behandlung der Fische erklären lassen.

Auf das Warten folgt der nächste Schock: Die Staatsanwaltschaft erhebt nur Anklage wegen Verstößen gegen das Arzneimittel- und Lebensmittelgesetz, nicht wegen Gewässerverunreinigung. Die Belastung der Moosach ist es aber, die den Schaden für Baumgartner verursacht. Denn über Sedimente schwemmt es das Mittel immer wieder in seine Becken. „Die Belastung der Fische geht nur langsam zurück“, sagt der 65-Jährige. Auch neue Setzlinge fürs nächste Geschäftsjahr kann er nicht hochziehen. Zu groß ist das Risiko, dass sie über die Moosach Malachitgrün abbekommen. Geld von der Bank gibt es keines mehr. „Bei einer so unsicheren Zukunft bekommst du kein Darlehen.“

Eine zweite Anklage gegen Kiffner nach Umweltstrafrecht ist nicht möglich. Das würde gegen das Verbot der Doppelbestrafung verstoßen. Eine Strafanzeige wegen Gewässerverunreinigung hätte das Landratsamt stellen müssen. Baumgartner hatte die Behörden frühzeitig alarmiert. Bereits am 18. November 2018 hatte er Anzeige wegen Gewässerverunreinigung erstattet. Doch erst am 9. Mai stellte das Landratsamt eine Strafanzeige – drei Tage nach der Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft. Zu spät. Für Baumgartner ist das nicht zu begreifen, er spricht von Behördenversagen. Mit schlimmen Folgen für ihn, der nun keinen Schadenersatz von Kiffner fordern kann.

Die Lage im Betrieb spitzt sich zu. 1200 Gramm wiegen die unveräußerlichen Fische inzwischen. „Normalerweise werden sie zwischen 300 und 700 Gramm verkauft“, sagt Baumgartner. Dazu die Sommerhitze, die die Fische anfällig macht für Bakterien und Parasiten. „Sie werden krank und verenden.“ Die regelmäßigen Kontrollen seiner Fische zahlt Baumgartner selbst. Es gelingt ihm, zumindest die Hälfte seiner 25 Teiche freizuproben. Etwa 50 Prozent seiner Fische darf er wieder verkaufen. Trotzdem: 23 Tonnen Forellen im Wert von 150 000 Euro seien noch immer unverkäuflich, sagt Baumgartner. Und das, obwohl die Fische so minimal belastet sind, dass selbst das Landratsamt keine Gefahr mehr sieht. „Auch nicht bei häufigem Verzehr“, wie Landrat Josef Hauner (CSU) betont.

Hauner beteuert, dass die unschuldigen Züchter „mit Hochdruck“ unterstützt würden. Neben Baumgartner ist noch die Forellenzucht Nadler aus Moosmühle, ebenfalls im Landkreis Freising, betroffen. Laut Baumgartner habe Hauner die Züchter zum Gespräch geladen. „Da wurde mir gesagt, dass das Landratsamt nichts machen kann, weil die Befugnis woanders liegt.“ Das Amt fordert die Züchter schriftlich auf, sich Gedanken über die Sanierung des Flusses zu machen. Und es rät, sich an einen europäischen Fischereifonds zu wenden. „Das führt komplett am Ziel vorbei“, sagt Baumgartner. Der Fonds sei nicht für Gewässersanierungen gedacht. „Außerdem würde ich mindestens auf der Hälfte der Kosten sitzen bleiben, obwohl ich den Schaden gar nicht verursacht habe.“ Kiffner verdonnern die Behörden erst am 20. Mai dazu, ein Absetzbecken zu errichten, um dort den belasteten Schlamm abzufangen. Baumgartner schüttelt den Kopf. „Jetzt kommen sie darauf. Jetzt, wo sich das Malachit überall verteilt hat.“ Nur einmal hat er Hoffnung auf Hilfe. Seine Anwältin habe im Juni mit dem Landratsamt einen Bestandsschutz für die freigeprobten Teiche vereinbart, und dass die Kontrollen künftig vom Amt bezahlt würden. Das Landratsamt dementiert. Baumgartners Aussagen seien „schlicht falsch“.

Immerhin: Aus dem Landtag kommt Rückenwind. Eine Petition, in der die Sanierung der Moosach gefordert wird, erhält von allen Fraktionen Unterstützung – eine Seltenheit, wie der Freisinger Abgeordnete Benno Zierer (FW) betont. Auch er spricht von „Behördenversagen“, bemängelt fehlende Abstimmung und langsames Handeln. „Da ist viel Zeit verplempert worden.“ Nun ist das Umweltministerium gefragt. Laut Zierer soll es mit den Behörden eine tragfähige Lösung finden.

Auch in der Bevölkerung wächst die Solidarität. In sozialen Medien wird eine Spendenaktion für die unschuldigen Fischer gefordert. Tenor: „Wir Freisinger sind besser als unsere Politiker.“ Baumgartner rührt das, sagt aber: „Ich möchte keine Almosen, sondern, dass die Behörden in die Pötte kommen.“ Verlassen will er sich darauf aber nicht mehr. Er hat sich dazu entschieden, gegen das Landratsamt zu klagen. Er fordert, dass der Bescheid, der ihm den Verkauf von Fischen untersagt, aufgehoben wird. „Das, was die Behörden veranstalten, ist längst nicht mehr verhältnismäßig“, sagt Baumgartner. „Von meinen Fischen geht keine Gesundheitsgefahr aus. Ich habe mit der Verunreinigung des Flusses nichts zu tun – und trotzdem stehe ich vor dem Ruin.“

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