Ägypten ist ein Wüstenstaat, 96 Prozent des Landes bestehen aus Wüste. Das Land ist mit gut einer Million Quadratkilometern fast dreimal so groß wie Deutschland. Die 98 Millionen Ägypter konzentrieren sich auf das Niltal und das Nildelta, die Bevölkerung wächst stark. Durch den Siedlungsdruck wird zunehmend mehr vom begrenzten Ackerland verbraucht. Um die Situation zu entspannen, begann die Regierung Mitte der 90er-Jahre, Bäume in der Wüste anzupflanzen.
Forstwissenschaftler der TU München wie Professor Reinhard Mosandl und Hany El Kateb helfen, diese Wälder in ökologischer und ökonomischer Hinsicht zu optimieren und eine nachhaltige Forstwirtschaft in der Wüste zu etablieren. Ägypten bietet hervorragende Möglichkeiten für großflächige Aufforstungen, da es über ausgedehnte Wüstenflächen sowie über bisher ungenutzte Abwassermengen verfügt. Ungenutzte Abwässer sind Risiko und Chance zugleich: einerseits eine Umweltbelastung, andererseits ein wertvoller Nährstoff, der nicht verschwendet werden sollte.
Die aufgeforsteten Wälder in Ägypten werden mit den leicht aufbereiteten Abwässern der Metropole Kairo (25 Millionen Einwohner) versorgt und damit gleichzeitig gedüngt. Früher hatte man die Abwässer einfach in die Wüste gekippt. Für den Lebensmittelanbau sind die Abwässer allerdings nicht geeignet. Aber den Bäumen geben sie genügend Stickstoff, und mit der reichlich vorhandenen Sonne wachsen die Bäume in der Wüste enorm schnell. „Davon“, sagt Forstmann Mosandl, „kann ein bayerischer Förster nur träumen.“
Sein in Ägypten geborener TU-Kollege Hany El Kateb, bis zu seiner Pensionierung Mitarbeiter am Lehrstuhl für Waldbau, berät den ägyptischen Staatspräsidenten Abdel Fatah El-Sisi in Sachen nachhaltige Wüstenbegrünung. Die Regierung plant, 31 neue Siedlungen in der Wüste zu bauen. Dabei handelt es sich um kleine bis große Städte, zwei davon mit über einer Million Einwohnern. 600 000 Hektar werden laut El Kateb derzeit fruchtbar gemacht. Das ist überwiegend Ackerland mit Bäumen für den Schutz vor Sand und Wind. 1,6 Millionen Hektar sollen nach der ersten Phase folgen.
In verschiedenen Wüstengebieten außerhalb der großen ägyptischen Städte wurden unterschiedliche Baumarten angepflanzt und mit dem vorgereinigten Abwasser bewässert. Im Rahmen dieses Pilotprojekts wurden insgesamt über 4000 Hektar an 24 Standorten aufgeforstet. Das ist etwa das Zehnfache des Englischen Gartens in München.
„Wenn die gesamte vorhandene Menge an Abwässern für Aufforstungszwecke verwendet wird, können 650 000 Hektar Wüstenland aufgeforstet und jährlich 25 Millionen Tonnen CO2 gespeichert werden,“ erklären die Wissenschaftler der TU München. Eine großflächige Aufforstung könnte zudem womöglich die Wolkenbildung stimulieren und Regenfälle nach sich ziehen, die das Land dringend braucht, um seine landwirtschaftlichen Produktionsflächen ausdehnen zu können. Außerdem ist Holz ein wichtiger Baustoff, den Ägypten bisher fast vollständig importiert. cv