El Paso – Wer durch das texanische El Paso fährt, sieht die eng an eng gebauten Häuser der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez. Die USA und Mexiko liegen hier in Blickweite, ein Grenzzaun soll illegale Übergänge verhindern. El Paso mit seinen 680 000 Einwohnern ist durch die Nähe zu Mexiko stark lateinamerikanisch geprägt. Viele Bürger sind Hispanics, ein Teil lebt illegal hier. Jedes Wochenende kommen mexikanische Familien zum Einkaufen nach El Paso, vor allem, wenn es, wie am Samstag, Sonderangebote zum Schulbeginn gibt. In mehreren überfüllten Lagern halten sich zudem tausende Migranten aus Südamerika auf, die um Asyl nachsuchen. Als Präsident Donald Trump im Frühjahr vom „nationalen Notstand“ sprach und Gelder für den Mauerbau forderte, meinte er auch El Paso.
Der 21-jährige Patrick Crusius aus der Stadt Allen nahe Dallas fuhr am Wochenende fast 1000 Kilometer in Richtung Südwest-Texas. Glaubt man einem im Internet veröffentlichten Manifest, das von ihm stammen soll, erschien ihm die Grenzstadt als perfektes Ziel. Ermittler sind überzeugt, dass das Manifest authentisch ist. Veröffentlicht wurde das vierseitige Schreiben auf der vom rechtsextremen Spektrum bevorzugten Plattform „8chan“.
Der Täter habe so viele Mexikaner wie möglich töten wollen, berichtete der Sender ABC unter Berufung auf Ermittler. In dem Text wird unter anderem die „Hispanic invasion of Texas“, also der starke Zuzug von Latinos nach Texas, als Tatmotiv angegeben. „Ich bin total nervös, aber kann nicht länger warten,“ schreibt Crusius. El Paso stehe für das, was „falsch in diesem Land“ sei. Und: „Ich werde vermutlich heute sterben.“
Das Manifest zeigt Sympathien für den Massenmord von Christchurch in Neuseeland, bei dem der Rechtsterrorist Brenton Tarrant am 5. März zwei Moscheen angriff, 51 Menschen erschoss und 50 weitere verletzte. Tarrant berief sich auf rechtsextreme Theorien. Auch beim norwegischen Massenmörder Anders Breivik stand Ausländerhass im Vordergrund. 2011 tötete er 77 Menschen, vorwiegend jugendliche Teilnehmer eines Zeltlagers.
Das Manifest von Patrick Crusius erschien Berichten zufolge nur 14 Minuten, bevor er am Samstag gegen 10.40 Uhr Ortszeit vor dem Walmart-Einkaufszentrum parkte, sich Ohrenschützer aufsetzte und mit einem legal erworbenen Schnellfeuergewehr AK-47 losging. Gleichzeitig war das FBI über das Manifest informiert worden, konnte die Identität des Autors aber nicht gleich feststellen. Das gab Crusius Vorsprung für seine Hassmorde.
Die ersten Opfer starben vor dem Walmart-Eingang. Ein wackliges Handy-Video zeigt, wie Augenzeugen weinend um Hilfe rufen. Eine Überwachungskamera hält den Moment fest, als Crusius das Einkaufszentrum betritt. Videos von Augenzeugen dokumentieren, wie Menschen sich unter Tischen oder Auslagen verbergen und Schüsse fallen. Einer nach dem anderen, pausenlos. „Die Leute rannten und riefen, da sei ein Attentäter. Die Angestellten sagten, wir sollen uns in den Transportcontainern verstecken, mit denen sonst Waren angeliefert werden“, berichtete Kianna Long, die mit ihrem Mann einkaufen war. Eine andere Augenzeugin sagte: „Ich habe eine ganze Gruppe von Kindern gesehen, die ohne Eltern da standen. Ich habe so viele geschnappt, wie ich konnte, und bin losgerannt. Das war alles, was ich für die Kinder tun konnte.“
Am Ende des Amoklaufs bleiben 20 Tote und 26 Verletzte, von denen viele um ihr Leben kämpfen. Mindestens drei Tote sind Besucher aus Mexiko. Patrick Crusius stirbt an diesem Tag nicht. Er wird gestellt, ergibt sich widerstandslos. Er redet mit den Ermittlern, die von einem „Hass-Verbrechen“ ausgehen und die Tat als inländischen Terrorismus einstufen. Die Staatsanwaltschaft kündigte an, die Todesstrafe für den Schützen zu fordern. Ob Fremdenhass auch das Motiv eines zweiten Blutbads war, ist unklar. Der Täter von Dayton wurde erschossen (Text unten).
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Angehörigen der Opfer in einem Kondolenztelegramm ihr Mitgefühl aus. „Die Grausamkeit und Abscheulichkeit dieser Taten bestürzen uns alle zutiefst“, heißt es darin. US-Präsident Trump ordnete eine fünftägige Trauer-Beflaggung an. Bei Twitter schrieb er: „Gott segne die Menschen von El Paso. Gott segne die Menschen von Dayton.“ Der Tweet enthält aber weder eine Forderung nach schärferen Waffengesetzen, noch eine Verurteilung der Täter. Trump steht hinter der Waffenlobby und der „National Rifle Association“. Nach Amokläufen an US-Schulen hatte er sogar Forderungen unterstützt, Lehrer zu bewaffnen.
Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Beto O’Rourke, der aus El Paso stammt, macht Trump für die Attacke mitverantwortlich. „Er ist ein Rassist und er schürt den Rassismus in diesem Land“, sagte O’Rourke nach einem Besuch von Verletzten. Die Zahl der Hassverbrechen sei in der Regierungszeit Trumps, der „Mexikaner als Vergewaltiger und Kriminelle“ bezeichne, gestiegen.