Anrollschwierigkeiten

von Redaktion

Seit 15. Juni rollern E-Scooter durch München – und gehören zu den viel diskutierten Themen der Stadt. Das Fazit fällt unterschiedlich aus – je nachdem, welche Erwartungen man an die Gefährte hat. Aber zwei Punkte zeichnen sich ab: Die E-Tretroller haben noch eine zu schlechte Ökobilanz – und es gibt ein Alkoholproblem.

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

München – Wer zu späterer Stunde unterwegs ist, sieht sie häufiger. Junge Menschen auf E-Scootern, die nicht mehr ganz die Linie halten. Das Gefährt ist praktisch, hat man die letzte U-Bahn verpasst. Allerdings gelten für die batteriebetriebenen Tretroller die selben Alkoholgrenzen wie beim Auto. 418 Anzeigen wegen Alkohol hat die Münchner Polizei in nur acht Wochen stellen müssen. „Das ist schon heftig“, sagt Polizeisprecher Werner Kraus. (siehe Interview rechts).

Alkohol ist nicht der einzige Verstoß. Viele fahren zu zweit auf den Rollern, düsen über Gehwege, durch Fußgängerzonen und Parks – was verboten ist. Gefahren werden darf nur auf Radwegen und Straßen, falls es keinen Radweg gibt. An der Gesetzeslage liege es aber nicht, sagt Kraus. Es brauche schlicht noch mehr Aufklärung.

„Viele betrachten E-Scooter eher als Spielzeug denn als Verkehrsmittel“, sagt auch Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Städtetag. „Die Anbieter müssen ihre Kundschaft besser über die regelkonforme Nutzung aufklären.“ Der Berliner Behindertenverband forderte jüngst gar verpflichtende Fahrstunden. Solche gibt es allerdings auch nicht für E-Fahrräder, die deutlich schneller fahren können als die auf 20 km/h beschränkten E-Scooter.

Hört man sich um, ist die Aufregung aber geringer, als sie auf den ersten Blick scheint. Die Roller seien eine „sehr gute Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr“, heißt es beim ADAC. Ähnlich äußert sich die Deutsche Bahn. „Alles, was dazu beiträgt, klimafreundliche Mobilität zu vernetzen, findet unsere Unterstützung und Förderung“, sagt Berthold Huber, Personenverkehrsvorstand der Bahn. Eine verstärkte Mitnahme der Roller in Zügen habe man bisher aber noch nicht festgestellt.

Das verwundert nicht, denn mit den Rollern werden vor allem kurze Distanzen bewältigt. Die durchschnittliche Fahrstrecke liege derzeit bei 2,5 bis 3 Kilometern, die Nutzungsdauer im Schnitt bei 15 Minuten, sagt Balthasar Scheder von „Tier Mobility“, einem von vier Sharing-Anbietern in München. „Das sind auch die Strecken, die wir adressieren wollten. Der sogenannte erste und letzte Kilometer.“ Neben „Tier“ gibt es noch „Lime“, „Voi“ und „Circ“, die in München E-Scooter auf der Straße haben.

Auch bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), die mit „Tier“ kooperiert, ist man entspannt. Es gebe bisher „keine nennenswerten Probleme“, sagt Sprecher Matthias Korte. „Wir sind mit der Kooperation sehr zufrieden und erhalten von den Kunden positives Feedback.“ Scheder bestätigt: „Die E-Scooter werden sehr gut angenommen. Die Resonanz übertrifft unsere Erwartungen.“

Laut der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung des Bundes ist das Aufstellen von Leih-E-Scootern Gemeingebrauch und Bedarf keiner Genehmigung. Die Stadt hat also kaum eine Handhabe. „E-Scooter können überall abgestellt werden, wo sie kein Sicherheitsrisiko sind und keine Behinderung darstellen“, sagt Münchens Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle. Also die selbe Situation wie bei Leihfahrrädern – was im vergangenen Jahr für chaotische Zustände sorgte. „Obike“ hatte München mit seinen gelben Billigrädern geflutet. Ergebnis: Die Räder landeten in der Isar, in Bäumen oder wurden zu kunstvollen Protestwerken gestapelt. Obike zog sich entnervt zurück.

Von solchen Zuständen scheint man bei E-Scootern weit entfernt. Alle vier Anbieter haben eine von der Stadt erarbeitete freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnet. So dürfen zum Beispiel maximal 1100 Roller pro Anbieter aufgestellt werden. Böhle lobt die Anbieter. „Das zeigt, dass sie wissen, dass ihr Erfolg auch von der Sympathie der Münchner abhängt. Wer Chaos stiftet, macht sich bei der Bevölkerung nicht beliebt – und wird vermutlich auch nicht viel Umsatz machen.“

„Tier Mobility“ hat derzeit 800 Roller im Einsatz, die meisten innerhalb des Rings. „Bislang sind keine Scooter in der Isar oder im Eisbach gelandet“, sagt Sprecher Balthasar Scheder. Nur ein Roller sei unauffindbar gewesen. Bei wenigen Scootern habe es Vandalismus-Schäden gegeben. Ansonsten nur kleinere, leicht behebbare Defekte.

Im französischen Marseille zum Beispiel sieht es anders aus. Unter Jugendlichen ist es zum Sport geworden, die Roller im Meer zu versenken. Taucher holen die Roller dann wieder mühsam aus dem Hafenbecken. Nicht nur für die Anbieter ist das ein Problem, auch für die Umwelt. Denn die Lithiumbatterien sind hochgiftig und umweltschädlich, sollte ihr Inneres ins Wasser gelangen.

Auch das ist ein großes Thema: Wie ökologisch sind E-Tretroller? Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte sie als Alternative zum Auto angepriesen. Beim Umweltbundesamt ist man skeptisch. „Wenn man sich die Nutzungsweiten anschaut, werden vermutlich vor allem Rad- und Fußwege ersetzt. Das sehen wir kritisch“, sagt Katrin Dziekan, Verkehrsexpertin beim Umweltbundesamt. Studien dazu gibt es auch beim Umweltbundesamt noch nicht, Aber Umfragen aus französischen Städten dienen als Fingerzeig: nur acht Prozent der Befragten wären sonst ins Auto gestiegen. Ein Großteil gab an, er wäre sonst gelaufen, geradelt oder mit dem öffentlichen Nahverkehr gefahren.

Zur Ökobilanz gibt es ebenfalls noch nichts Belastbares, aber die Zweifel sind groß. „Grundsätzlich sind E-Scooter eine nette Sache, die Spaß macht. Aber aus Sicht der Nachhaltigkeit ist es fatal“, sagt Martin Glöckner, Geschäftsführer des Münchner Umweltvereins Green City. „Sämtliche Berichte auch aus anderen Ländern zeigen, dass die Haltbarkeit der Roller zwischen drei und neun Monaten liegt. Das ist nicht im Sinne der Nachhaltigkeit. Und es müsste eine ordentliche Recyclingkette geben. Ich habe nichts davon gehört, dass da was angedacht ist.“

Dziekan stimmt zu. „Aus Umweltsicht ist das eine Katastrophe. Es muss das Ziel sein, die Geräte möglichst lange nutzen zu können, um Ressourcen zu schonen. Reparaturfähigkeit ist dafür eine wichtige Bedingung. Auch die Batterie muss herausnehmbar und damit austauschbar sein.“ Bisher sind die Batterien fest verbaut. Die Anbieter müsse alle Roller jede Nacht einsammeln, aufladen und wieder verteilen. Das erfolgt über Partnerfirmen mit Lastwagen. „Ein E-Scooter kann aber nur dann umweltfreundlich sein, wenn er keine zusätzlichen Fahrten mit fossil betriebenen Fahrzeugen generiert“, kritisiert Dziekan.

Bei „Tier Mobility“ bestreitet man die Probleme nicht, hält sie aber für lösbar. Manche Anbieter hätten noch Roller der ersten Generation, die für den Verleihbetrieb nicht konzipiert seien, sagt Scheder. Bei „Tier“ habe man Roller der zweiten Generation und kalkuliere mit einer Lebensdauer von mindestens zwölf Monaten. Die Lebensdauer werde sich weiter verbessern, in der Folge die Ökobilanz. Bei „Tier“ soll es noch heuer Roller mit wechselbaren Batterien geben. Die Batterien könnten dann vor Ort ausgetauscht werden. Dann sollen auch vermehrt Cargo-Bikes statt Laster zum Einsatz kommen. Denn feste Ausleihstationen gibt es nicht. Die Kunden können die Roller am Zielort stehen lassen.

Das Umweltbundesamt rät insgesamt zu mehr Gelassenheit. E-Scooter , sagt Dziekan, seien „nicht das Hauptproblem unserer Verkehrspolitik. Es ist ein Nischenprodukt. Wenn wir über Verkehrswende reden, geht es um andere Themen. Denken wir an die CO2-Steuer, oder die Diskussion um Tempolimits“. Man dürfe das Thema nicht überhöhen. Green-City-Geschäftsführer Glöckner erinnert an Inline-Skates. Vor 20 Jahren ein großer Hype, sehe man sie heute kaum noch. „Ich vermute, dass auch E-Tretroller so ein Nischenprodukt werden.“

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