München – Hummeln sind fleißig. So fleißig, dass sich ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt hat. Hummeln werden gezüchtet, um Gewächshäuser zu bestäuben. Firmen aus Belgien und den Niederlanden verkaufen ganze Völker übers Internet. Doch das birgt Gefahren, erläutert die Biologin Melanie von Orlow vom Naturschutzbund Deutschland.
Hummeln im Gewächshaus. Ist das denn schon normal?
Ja. Man hatte schon 1986 die ersten Erfolge. Die Wissenschaft wollte mehr über Hummeln wissen und begann mit dem Züchten. Schnell hat sich herausgestellt, dass Hummeln sehr effektive Bestäuber sind, die gut in geschützten Umgebungen zurechtkommen und weniger komplex und aggressiv sind als die Honigbiene. Seitdem werden Hummeln weltweit im Obst- und Gemüsebau eingesetzt, bei Tomaten und auch Erdbeeren gehören sie zum Standard.
Klingt sehr praktisch…
Ja, ich kann verstehen, dass man keinem Menschen den anstrengenden und wahrscheinlich auch schlecht bezahlten Job des Bestäubens anbieten möchte. Grundsätzlich finde ich es auch in Ordnung, wenn Hummeln in Gewächshäusern unter professioneller Hand gehalten werden. Wenngleich es mit artgerecht nichts zu tun hat. Ein Gewächshaus ist keine natürliche Umgebung, die Blütenvielfalt fehlt. Doch das ist nicht das einzige Problem.
Welche Risiken birgt der Einsatz von gekauften Zuchthummeln noch?
Zum einen wollen die Firmen schlicht Geld verdienen. Sie beuten im Prinzip die Hummeln nur als Nutztiere aus. Ihnen geht es um möglichst hohe Erträge. Dabei erobern sie Gebiete, in denen bislang gar keine Hummeln heimisch waren. Was das langfristig für die Artenvielfalt dort bedeutet, ist nicht absehbar. Einheimische Arten könnten verdrängt werden. In Chile gilt beispielsweise eine eingeschleppte Hummelart schon als invasive Art. Hummeln gab es in dem Land bisher nicht, die regionalen Bienen werden verdrängt und mit Parasiten und Krankheiten angesteckt.
Geraten die Zuchthummeln in die freie Natur?
Das ist das nächste: Die Firmen werben intensiv dafür, die Zuchthummeln auch im Freiland einzusetzen. Das kann den heimischen Bestand verfälschen und gefährden. Außerdem musste ich auch schon erleben, dass Zuchthummeln nach der Bestäubung einfach irgendwo hingeschmissen werden. Die Firmen müssen die Tierchen nach der Bestäubung nicht mehr zurücknehmen. Das führt leider zu traurigen Beispielen von extremer Tierquälerei. Es ist auch ein Skandal, dass die Hummeln übers Internet an jeden geliefert werden. Meiner Ansicht nach gehören sie nur in die Hände von erfahrenen Landwirten, die eine Qualifikation für den Umgang mit den Tieren nachweisen können.
Welche Hummelarten werden denn gezüchtet?
Das ist auch schwierig zu beantworten. Die Firmen werben damit, dass es sich um Erdhummeln handelt. Eine Art, die bei uns heimisch ist. Aber die Firmen können nicht unendlich aus den eigenen Beständen vermehren, sie müssen frisches Blut reinbringen. Dafür nehmen sie Königinnen aus der freien Natur. Das Problem: Es gibt verschiedene Erdhummelarten, die Unterscheidung ist schwierig. Dadurch kann es zu unbeabsichtigten Kreuzungen kommen.
Stehen Hummeln denn nicht unter Naturschutz?
Bei uns schon. Die Züchter nutzen eine Gesetzeslücke und beziehen ihre Königinnen aus Ländern, wo die Tiere nicht geschützt sind, beispielsweise aus der Türkei oder den Niederlanden. Die gezüchteten Hummeln unterliegen damit nicht mehr dem Bundesartenschutzgesetz.
Was können Landwirte und Verbraucher tun?
Die Landwirte müssten nur einen Teil ihres Feldes brach liegen lassen mit Totholzhaufen, dann hätten sie automatisch Hummeln. Der Verbraucher ist dem Ganzen ausgeliefert. Im Handel ist von Zuchthummeln bestäubtes Obst und Gemüse nicht gekennzeichnet. Aber man sollte sich nicht für dumm verkaufen lassen. Manche Obst- und Gemüseerzeuger stellen den Einsatz von Zuchthummeln als besonders ökologisch dar. Das ist natürlich Quatsch.
Interview: Aglaja Adam