„Das Wegschauen ist immer noch nicht aufgearbeitet“

von Redaktion

Professor Helmut Asche über die heutige Situation in Ruanda und die Frage, warum die Welt den Völkermord damals nicht verhinderte

München – Helmut Asche von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ist Professor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien und Ruanda-Experte. Ein Gespräch über die Situation in Ruanda und die Frage, warum die Welt den Völkermord nicht verhinderte

Wie ist heute, 25 Jahre nach dem Völkermord, die Situation in Ruanda?

Es sind enorme Anstrengungen zur Versöhnung unternommen worden. Auch die Bundesrepublik hat das stark unterstützt, indem zum Beispiel die Versöhnungstribunale, die sogenannten Gacacas, gefördert wurden. Aber die Aufgabe ist noch längst nicht erledigt. Gerade das, was in den einzelnen Dörfern und zwischen Nachbarn passiert ist, ist noch immer in allen Gedanken. Deswegen sind Versöhnungsprojekte wie jenes, von dem Sie berichten (s. oben), sehr wichtig.

Spiegeln solche Projekte denn die Realität in Ruanda wider?

Es spiegelt sicher nicht die Breite in Ruanda wieder, aber derartige Versuche auf Dorfebene gibt es mehrere. Die Versöhnungstribunale hatten ja den Sinn, gerade auf lokaler Ebene den Prozess des Zuhörens, Vergebens und miteinander Lebens in Gang zu bringen.

Paul Kagame ist seit 19 Jahren Präsident. Er ist Tutsi und gilt als Diktator.

Natürlich ist das ein diktatorisch geprägtes Regime, das die Meinungsfreiheit stark einschränkt. Aber Kagame und das Parlament haben bemerkenswerte Anstrengungen unternommen. Es ist eine Entwicklungsdiktatur, die die Macht wirklich dazu nutzt, das Land ökonomisch und sozial voranzubringen. Bei aller berechtigten Kritik muss man das anerkennen. Die Regierung ist auch ein Abbild der Bevölkerung. Es ist keineswegs so, dass in der Regierung nur Tutsi sitzen. Es ist durchmischt – soweit man das überhaupt weiß. Weil jetzt nicht mehr offen über Ethnien gesprochen wird. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung zufrieden ist, auch wenn es keine Musterregierung ist.

So viele Menschen haben sich an den Morden beteiligt. Man spricht von bis zu drei Millionen Tätern. Wie kann man so etwas überhaupt aufarbeiten?

Die Aufarbeitung wird sicher noch eine Generation benötigen. Diese Massenbeteiligung in Ruanda ist, wenn man sie ins Verhältnis zur Bevölkerungs- und Opferzahl setzt, schon einzigartig.

Hinter den Massenmorden stand eine menschenverachtende Ideologie.

Die vermeintliche Herrscherschicht, die Tutsi, wurden in Untermenschen verwandelt. Sie wurden als Kakerlaken, als Ungeziefer denunziert, die vom gesunden Volkskörper entfernt werden müssen. Dabei waren die Tutsi in der Breite faktisch nicht mal die Herrscherschicht, außer, dass sie die Könige gestellt haben. Die Ideologie wurde damals über öffentliche und private Rundfunksender stark verbreitet – und diese Propaganda war sehr wirksam.

Ist diese Ideologie noch immer zu spüren?

Sie spukt noch in vielen Köpfern herum und wird von bestimmten Exilgruppen weiter befördert. Aber sie wird nicht mehr offen vertreten, auch, weil den verbliebenen Milizen im Ostkongo die medialen Möglichkeiten fehlen.

Was tut die internationale Gemeinschaft für Ruanda?

Ruanda ist eines der durch Entwicklungshilfe am meisten geförderten Länder. Was aber nicht bedeutet, dass das internationale Wegschauen aufgearbeitet wurde. Auch zum 25. Jahrestag war es in Berlin nicht möglich, parteiübergreifend eine wissenschaftlich gestützte Aufarbeitung der Gründe anzugehen – warum wir nichts getan, sondern uns nur um die Evakuierung der Deutschen gekümmert haben.

Warum ist das so?

Das ist eine gute Frage. Offensichtlich gibt es in den Parteien, die damals in der Verantwortung waren, also CDU, CSU und FDP, immer noch die Befürchtung, es könnte irgendjemand beschädigt werden, zum Beispiel im Auswärtigen Amt. Das ist eigentlich ein beschämendes Faktum.

Der Genozid war zu sehen. Trotzdem hat man nicht eingegriffen. Wieso?

Die damals und heute mächtigste Nation, die USA, waren von den unmittelbar vorhergehenden Erfahrungen in Somalia geprägt. Dort haben die USA relevante militärische Verluste erlitten. Bei der Regierung Clinton herrschte ein Unwille, zu intervenieren – was Bill Clinton später bedauert und als krassen Fehler bezeichnet hat. Für die Deutschen war die Situation insofern besonders, als Ruanda deutsche Kolonie war und die ethnische Trennung in der deutschen Kolonialzeit begann. Wir hatten also eine historische Verantwortung. Und es hätte Möglichkeiten gegeben, einzugreifen, Warum das nicht geschehen ist, ist noch heute unbegreiflich.

Sitzen noch Täter in Haft?

Es sitzen noch Tausende im Gefängnis. Es laufen auch noch Verfahren, national wie international. Es werden vermehrt Täter ausgeliefert, weil die westlichen Länder zunehmend Vertrauen haben, dass den Tätern ein einigermaßen fairer Prozess gemacht wird.

Viele Hutu sind damals geflohen. Sind sie zurück?

Es gibt nach wie vor die Milizen im Ostkongo, aber die sind stark geschwächt. Es gab Mitte der 1990er-Jahre eine große Rückwanderungsbewegung. Der Großteil, etwa eine Million Hutu, sind nach Ruanda zurückgekommen.

Könnte sich ein solcher Völkermord anderswo in Afrika wiederholen?

Das nächstliegende Beispiel ist das Nachbarland Burundi, wo wir die gleiche ethnische Situation haben wie in Ruanda. Auch im Sahelraum, oder in Äthiopien gibt es ethnische Spannungen. Das ist nach wie vor eine große Herausforderung in Afrika.

Würden wir heute helfen?

Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Aus der Erfahrung in Ruanda ist insofern gelernt worden, als die sogenannte „Responsibility to Protect“, also die Verpflichtung zu beschützen, etabliert wurde als gemeinsame, internationale Verantwortung. Andererseits gibt es Beispiele wie Kamerun, wo die englischsprachigen Volksgruppen massiv unterdrückt werden. Außer salomonischen Aufrufen zur Versöhnung tun die westlichen Staaten nichts. Dass die Bereitschaft einzugreifen gediehen ist, muss man also nach wie vor mit einem großen Fragezeichen versehen.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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