Der Ort: Hinterwieselharing an der Gschwoab. Die handelnden Personen: ein anarchischer Kasperl und sein dappiger, aber sehr philosophischer Spezi Seppl. Dazu Figuren wie der lahmarschige Wachtmeister Wirsing, der großspurige Zauberer Wurst oder die einsame Hexe Strudlhofer. Willkommen bei „Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater“! Seit 25 Jahren lassen Josef Parzefall (59) und Richard Oehmann (52) die Puppen tanzen. Seit 2005 erscheinen Hörspiele, die deutschlandweit gefeiert werden – weil Kinder hier nicht von oben herab bespaßt werden und sich auch die Eltern bestens unterhalten fühlen. Parzefall schreibt zudem für das „Betthupferl“ im BR, Oehmann führt Regie beim Nockherberg-Singspiel. Dr. Döblinger ist übrigens eine Romanfigur des Autors Heimito von Doderer – und er hat seinen Doktor nicht im Flamingokegeln gemacht, auch wenn Kasperl und Seppl das glauben.
Herr Oehmann, Herr Parzefall, 25 Jahre als Kasperl und Seppl – was verändert sich da?
Richard Oehmann: Der Lack der Figuren. Josef Parzefall: Der hält ja nicht ewig, deshalb muss man sie ab und zu restaurieren, und da verändern sie sich. Wir haben uns auch verändert – aber uns hat keiner restauriert. (lacht) Oehmann: Doch. Teile sind schon repariert worden. Die Bandscheiben zum Beispiel.
Geht das Puppenspielen so sehr ins Kreuz?
Parzefall: Oh ja. Zum Auftrittsort fahren, das Zeug in den zweiten Stock schleppen… Oehmann: …und dann steht man bis zu zwei Vorstellungen am Stück in überstreckter Haltung hinter der Bühne. Das ist nicht gesund.
Dafür stehen Sie heute als bekanntestes Puppentheater Bayerns da. Es heißt über Sie, Sie trügen maßgeblich zu einer gelungenen Kindheit bei.
Parzefall: Das ist nett und freut uns, wenn’s so ist.
Ich kann’s bestätigen: Überlandfahrten mit einem Hörspiel von Doctor Döblinger werden zum reinen Familienvergnügen.
Parzefall: Dann sind wir anscheinend ein gutes Sedativ für die Kinder.
Nein, nein, da wird aufmerksam zugehört.
Oehmann: Das stimmt schon. Aber so ganz genau erklären kann ich mir immer noch nicht, warum sich das Kinder so gerne anhören. Natürlich, die Figuren gackern hin und her, alle haben ihre eigenen sprachlichen Marotten. Aber wie das genau funktioniert und warum sich das zum Teil Dreijährige anhören, die noch nicht so viel von der Handlung kapieren – keine Ahnung.
Vielleicht haben Sie für das Kasperlspielen das Kind in sich wiederentdeckt?
Parzefall: Wenn, dann war’s immer schon da. Oehmann: Man erinnert sich halt daran, was man gerne gemacht hat als Kind – und was man lustig fand. Von Karl Valentin bis zur Muppet Show. Parzefall: Und man erinnert sich an alles, was man nicht gemocht hat. Eine warme Wollstrumpfhose zum Beispiel, die furchtbar kratzt.
Moral scheint Ihnen ziemlich egal zu sein. Bei Ihnen sind auch die Bösen nicht wirklich böse.
Parzefall: Ein wirklich böser Charakter wäre uns selbst unangenehm. Wenn der Zauberer absurden Hobbys frönt und sich gerne mal begroßmuttern lässt, ist das doch viel lustiger. Auch bestimmte Verhaltensweisen finden wir nicht gut: Selbst wenn’s eine lästige, nervtötende Hexe ist – es ist nicht schön, wenn die von allen dauernd ausgegrenzt wird. Oehmann: Genauso, wie rein gute und brave Figuren saulangweilig sind. Da haben wir lieber Schattierungen. Dafür sind wir aber auch schon kritisiert worden. „Das sind ja alles gebrochene Charaktere“, hat eine Journalistin mal gesagt. „Kinder brauchen in dem Alter doch ein klares Gut und ein klares Böse.“ Parzefall: Das war mal eine psychologische Theorie: Kinder brauchen Archetypen. Die Theorie muss man aber nicht vertreten. Oehmann: Das ist auch so langweilig zu spielen. Wer mag Asterix? Obelix ist viel lustiger. Kein Mensch mag Micky Maus. Donald Duck ist viel interessanter.
Haben die Figuren reale Vorbilder?
Parzefall: Zum Teil schon. In der Großmutter ist viel von meiner Mutter drin. Man kann aber nicht sagen, dass sie ein Porträt von ihr ist. . . Oehmann: Nein, so penetrant ist seine Mutter nicht. Parzefall: Aber gewisse Redensarten und Verhaltensformen finden sich durchaus wieder. Das hat sie auch sehr gefreut. Sie hat ja sogar ihre Haare für die Puppe hergegeben.
Wie kam’s dazu?
Parzefall: Die ersten Puppen habe ich mit meiner Mama gebaut. Als wir zur Frisur kamen, sagte sie: „Bei mir in der Bürste bleiben immer Haare hängen, die sammle ich.“ Oehmann: Mein Bruder Gregor, der Bildhauer ist, hat die Köpfe der Puppen gemacht. Ein Gemeinschaftswerk. Parzefall: Ich musste Seppls Lederhose nähen. Eine greislige Arbeit.
Ihre Stücke transportieren immer auch gesellschaftspolitische Themen – Fremdenfeindlichkeit, Klimawandel, Strukturwandel.
Parzefall: Aber nicht mit Vorsatz. Auf der neuen CD „Kasperl und das Traumwetter“ haben wir nicht auf den Klimawandel hinweisen wollen, das hat sich so eingeschlichen. Wir haben sogar kurz gezögert, ob wir’s machen sollen, weil es so aktuell ist. Oehmann: Wir haben keine Lust auf den moralischen Zeigefinger. Wir haben das Hörspiel im November geschrieben, da hatte man natürlich die Erfahrung vom Dürresommer davor. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es jetzt wieder 38 Grad haben würde.
Ist Paulaner vielleicht deshalb mit dem Posten der Nockherberg-Regie auf Sie zugekommen, Herr Oehmann? Weil sich beim Kasperl auch politische Spitzen finden?
Oehmann: Ich weiß nicht. Das ist auf Empfehlung von Marcus H. Rosenmüller so passiert. Aber ich glaube nicht, dass das politische Unterfutter vom Dr. Döblinger sein Argument war. Es ist ja auch nicht so viel davon drin. Ab und zu finden sich bei uns halt Parallelen zum realen Kasperltheater.
Herr Oehmann, Sie kommen aus Weilheim, Herr Parzefall, Sie aus Straubing. Wie viel von Ihrer Herkunft steckt in den Geschichten?
Parzefall: Sprachlich fließt bei mir sicherlich einiges ein, beim Seppl, bei der Großmutter. Manche alten Wörter bewahren wir auch richtig. Niederbairische Wörter wie quigazn für quietschen.
Mittlerweile werden Sie ausgezeichnet für Ihre Verdienste um die bairische Sprache. Ist das ein bewusstes Anliegen?
Parzefall: Zunächst mal ist es praktisch. Weil man mehr Möglichkeiten hat, verschiedene Stimmen und Charaktere nur akustisch darzustellen. Die einen Figuren sprechen Hochdeutsch, die anderen Bühnendeutsch, die anderen Jugenddeutsch, und dann gibt’s Dialektsprecher. Oehmann: Das ist ja das Traurige am deutschen Film und Fernsehen, dass sie so wenig mit Dialekt arbeiten. Es gibt da so viele schöne Nuancen. Ich kann mich übrigens noch erinnern, dass ich als Bub den Pumuckl sehr gerne gehört habe – mich aber wahnsinnig geärgert habe über schlecht Bairisch sprechende Kinder. Das waren halt wahrscheinlich Profis, mit denen man schnell arbeiten konnte – aber mich hat das aufgeregt.
In München gibt es unter Kindern kaum noch Dialektsprecher. Sehen Sie sich da auch auf einer Mission?
Parzefall: Nein, wir sind nicht missionarisch unterwegs. Wir sind nicht traurig wenn ein Kind bei uns ein paar Brocken Bairisch lernt, aber das ist uns keine Herzensangelegenheit. Man merkt allerdings schon, dass selbst in den kleinsten Dörfern auf dem Land nur noch sehr wenige vollbairisch reden. Aber das suchen sich die Leute selber aus – da kann ich nicht versuchen, sie in eine Richtung zu drängen.
Sie bereiten Erwachsenen genauso Vergnügen. Muss man sich manchmal zusammenreißen, um kindgerecht zu bleiben?
Parzefall: Beim Schreiben manchmal schon. Wenn man die ganze Szene liest und merkt, das versteht kein Kind mehr, muss man neu überlegen. Wenn die Erwachsenen ihren Spaß haben, ist es gut, aber nicht unser Hauptziel. Oehmann: Manchmal reitet uns natürlich der Humor davon. Aber selbst wenn man mal Freude hat an einem absurden Dialog, muss man die Dinge irgendwann wieder klarstellen. „Zurück zum Thema: Prinzessin retten.“
Gibt’s eigentlich mittlerweile eine Warteliste, um bei Ihnen Gastsprecher zu werden?
Parzefall: Eine Warteliste gibt es nicht. Es gibt Leute, die Interesse bekunden. Oehmann: Nette Leute. (lacht) Aber wir sagen nicht, wer.
Gerhard Polt, Josef Hader, Jule Ronstedt – zuletzt Inka Friedrich: Wie kommt die Prominenz auf Sie zu?
Oehmann: Inka Friedrich war mit ihren Kindern aus Berlin zu Besuch und hat sich eine Aufführung angeschaut. Wir haben dann sehr nett geratscht. Ich hatte mich erinnert, dass sie in dem Film „Sommer vorm Balkon“ in einer Szene mit ihrer Mutter am Telefon Badisch spricht –eben genau ein Beispiel dafür, wie man gut mit Dialekt umgehen kann. Da haben wir uns überlegt, das wär doch was… Parzefall: Viele Gäste sind übrigens auf uns zugekommen, weil sie mal mit ihren Kindern bei unseren Aufführungen waren.
Und wie reagieren die Kinder auf die Gastauftritte?
Parzefall: Jule Ronstedt hat uns erzählt: Trotz so und so vieler Hauptrollen hatte ihre Tochter zum ersten Mal Respekt vor ihrem Beruf, als sie gehört hatte, dass sie beim Kasperl eine Rolle spricht. Oehmann: Die Tochter hat dann laut Jule ganz ehrfürchtig gefragt: „Mama! Da darfst du mitmachen? Mama!“
Das Gespräch führte Johannes Löhr