„Des derfst glauben“. Sieglinde Schmid zögert keine Sekunde, wenn man sie fragt, ob sie im August 1969 gerne dabei gewesen wäre beim legendären Festival zu Woodstock. „Das war genau meine Musik: Janis Joplin, Jimi Hendrix und vor allem Carlos Santana. Aber damals war man erst mit 21 Jahren volljährig und die Eltern hätten den Trip nie erlaubt.“ Schmid, Jahrgang 1951, muss also zuhause im beschaulichen Türkenfeld hinter Fürstenfeldbruck bleiben und aus der Ferne bewundern, was da Magisches passiert. „Wir wussten alle, dass da etwas Besonderes vor sich geht. Aber wir durften ja nicht einmal nach München zum Tanzen“, erinnert sich Schmid. Ist man aber natürlich trotzdem, heimlich mit dem Zug.
Aber Schmid schafft es dann doch noch nach Bethel im Bundesstaat New York, wo das Woodstock-Festival eigentlich stattfand. 1976 besuchte sie ihre Cousine, die 1969 dabei war und mit ihrem Mann in Beach Lake wohnt – keine 30 Autominuten von dem Feld entfernt, auf dem Musikgeschichte geschrieben wurde. Schmid erfährt, dass zum Jahrestag am 15. August immer Happenings mit Konzerten stattfinden. Von da an steht fest: so oft es geht, will sie dabei sein, beim Gedenken an das legendäre Festival. Mindestens zehn Mal war sie seither da. Ganz genau weiß sie es nicht mehr. 2017 das letzte Mal.
Neben der Musik ist sie von der Atmosphäre begeistert. „Das ist einfach Peace and Love, dieses Hippie-Ding. Und in Wahrheit bin ich ja auch ein Hippie.“ Sieglinde Schmid sieht nicht aus wie ein Hippie und wenn man sich ihre Schnappschüsse früherer Woodstock-Wallfahrten ansieht, stellt man fest: das hat sie noch nie. Aber die Haltung zählt und sie ist Überzeugungstäterin, die längst auch ihre Tochter und den Enkel mit dem Woodstock-Virus infiziert hat. Immer wieder zieht es sie hin, die Begegnung mit feierwütigen Gleichgesinnten ist für sie jedes Mal ein Erlebnis. „Da steht dann plötzlich einer vor dir, der sieht aus wie Jesus und benimmt sich auch so. Wo hast du sowas schon?“ Der Glaube daran, dass man ein bisschen verrückt bleiben muss, verbindet alle, und selbstverständlich die Begeisterung für die Rockmusik.
Auch beim 50. Jahrestag ist Sieglinde Schmid wieder dabei – Ehrensache. Tickets hat sie auch schon. Für Ringo Starr, der mit seiner All Star Band am 16. August auftritt, und für Carlos Santana, der am Tag darauf ein Konzert gibt. Denn auch wenn ein großes Jubiläumskonzert abgesagt werden musste, wird der Jahrestag mit Musik gefeiert. Sieglinde Schmid ist die Einzige aus ihrer alten Clique, die nach Woodstock fährt, die anderen haben irgendwann angefangen, normale Leben zu führen. Aber Sieglinde Schmid, passionierte Sport-Cabrio-Fahrerin, will nicht so normal sein wie andere. „Manche halten mich für ein bisschen merkwürdig. Aber wenn du mit all den Menschen auf diesem Feld stehst und die Musik hörst, das ist einfach unbeschreiblich.“ Zoran Gojic