„Es war eine Art Massenmeditation“

von Redaktion

INTERVIEW Elliott Landy war vor 50 Jahren Fotograf auf Woodstock, dem legendärsten Musikfestival aller Zeiten

Kein Festival erreichte jemals wieder so einen Kultstatus wie jenes vor 50 Jahren nahe dem beschaulichen US-Städtchen Woodstock. Musiklegenden wie Joan Baez, Janis Joplin, The Who, Joe Cocker oder Jimi Hendrix spielten vom 15. bis 17. August 1969 vor 500 000 Menschen. Woodstock markierte den Höhepunkt der Hippie-Ära – und zugleich ihr Ende. Der Fotograf Elliott Landy war damals der offizielle Fotograf des Festivals. Ein Gespräch mit dem heute 76-Jährigen über ein Kultereignis, dessen Strahlkraft auch er nicht erahnte.

Herr Landy, ist Woodstock auch deshalb so bekannt, weil es so viele ikonografische Bilder davon gibt?

Klar, das lag an dem Film, der die besondere Atmosphäre so gut eingefangen hat. Er zeigt, wie es war und wie die Menschen zu diesem Zeitpunkt empfunden haben. Er fängt den Geist der Zeit ein, den Willen zu Frieden und Verständigung. Die jungen Leute waren so drauf, ich weiß es, denn ich war einer von ihnen.

Wie sind Sie Fotograf des Festivals geworden?

Ich lebte damals in Woodstock, ein kleiner Ort, und jeder wusste, dass ich Fotos von Musikern gemacht hatte. Meine Schwester hat mich irgendwann einmal Michael Lang vorgestellt, der später einer der Organisatoren des Festivals wurde, und wir haben uns ab und an unterhalten, wenn wir uns auf der Straße getroffen haben. Eines Tages rief er an und sagte, er würde ein Festival organisieren und ob ich es fotografieren könnte. Ich sagte: Klar. Das war der Deal, wir haben uns nicht einmal die Hand darauf gegeben, so lief das damals. Sie haben mir kein Honorar versprochen, die hatten dann eh kein Geld mehr. Ich wollte es einfach machen.

Hätten Sie damals geglaubt, dass man 50 Jahre später immer noch über Woodstock spricht?

Nein. Über so etwas habe ich gar nicht nachgedacht. Ich habe ja keine Fotos gemacht, um ein wichtiges Ereignis zu dokumentieren. Ich hatte einen Auftrag und es hat Spaß gemacht. Wenn die Fotos jetzt als historisch gelten, finde ich das immer noch merkwürdig. Im Grunde habe ich genau das gemacht, was heute die Leute bei Konzerten mit ihren Smartphones machen: einen besonderen Moment für mich festhalten.

Sie hatten damals überall Zugang. Heute darf man auf Konzerten oft nur wenige Minuten und nur von einem bestimmten Ort aus Fotos schießen…

Eine sehr traurige Entwicklung. Es ist der Grund, weshalb ich schon länger keine Konzertfotos mehr mache.

Weil man sehr lange auf den einen besonderen Moment warten muss?

Ja, genau das war meine Herangehensweise. Ich habe nie etwas inszeniert. Ich war die Fliege an der Wand – einfach immer da, bis mich keiner mehr beachtet hat. In gewisser Hinsicht habe ich das Talent, mich unsichtbar zu machen. Ich will die Menschen nicht belästigen, und das spüren sie.

Speziell Ihre berühmten Bilder von Bob Dylan und The Band wirken sehr intim.

Auf einigen lächelt Dylan sogar, ich weiß. Es war viel unspektakulärer, als man denken könnte. Er fragte mich, ob ich ein paar Fotos von ihm und seiner Familie machen könnte. Es hat oft nur wenige Minuten gedauert. Es hat so gut funktioniert, weil er merkte, dass ich nichts von ihm wollte, außer eben einer guten Fotografie. Es ging nicht um Ausbeutung, sondern um das Foto. Ich habe in solchen Augenblicken nicht darüber nachgedacht, ob das Bild viel Geld bringen könnte oder mich berühmt macht. Und ich glaube, die Menschen spüren das. Wir kamen damals recht gut aus, aber wir haben nicht viel gesprochen. Ich war ohnehin schüchtern.

Wie kam es zu dem bekannten Foto der Band, auf dem sie wie eine Bande Gangster aussehen?

1969 brauchten sie ein Foto für das Cover ihrer zweiten LP und ich hatte schon einige Sitzungen mit ihnen, aber sie waren nie so recht zufrieden. Mir fiel auf, dass sie ziemlich reife Persönlichkeiten waren und in gewisser Hinsicht altmodisch, was damals für Rockmusiker beides ungewöhnlich war. Mir fielen die Fotografien von Mathew Brady aus der Zeit des Bürgerkriegs ein und ich dachte, dieser Stil würde zu diesen Typen passen. Die Idee gefiel ihnen. Sie stellten sich einfach in die Landschaft und setzten diesen ernsten Blick auf, den man damals eben aufsetzte, wenn man fotografiert wurde. Und es passte.

Heute würde man sagen: Perfektes Marketing.

Die Wahrheit ist das beste Marketing. Die Menschen bekommen das, was man ihnen zeigt. Ich hatte noch andere gute Bilder von ihnen, aber sie sagten: das auf diesem Foto sind wir, das nehmen wir.

Dylan oder Janis Joplin oder Jimi Hendrix sind heute entrückte Idole. Sie haben sie in Woodstock getroffen – waren das Posen auf den Fotos – oder waren die eben so?

Keiner von ihnen hat versucht, ein bestimmtes Image zu kreieren. Sie waren, wie sie waren, und trugen einfach die Klamotten, die ihnen gefielen. Das waren die Sixties: Du tust, wozu du Lust hast. Denke ich jedenfalls. Wir haben uns nie darüber unterhalten, weil es uns egal war.

Hatten die Musiker in Woodstock eigentlich das Gefühl, bei etwas Besonderem mitzuwirken?

Beim Publikum war es auf jeden Fall so. Für die Musiker sind Konzerte ja immer mit Stress verbunden, besonders bei so speziellen Auftrittsbedingungen wie in Woodstock. Viele der Bands haben damals tatsächlich gesagt, dass sie extrem unzufrieden mit ihren Auftritten waren, manche haben vom schlimmsten Konzert ihrer Karriere gesprochen und wollten danach gar nicht mehr über Woodstock sprechen. Alleine die Anfahrt mitten ins Nichts war für viele ein Albtraum. Aber genau diese Abgeschiedenheit war für die Besucher Teil der Magie. Es war eine Art Massenmeditation. Man wird von nichts abgelenkt, hört auf zu denken, sucht den Kontakt zu sich. Eltern und Freunde sind weit weg, die nächste Telefonzelle war mehr als eine Stunde entfernt, man trieb einfach im Hier und Jetzt. Und es geschah etwas Erstaunliches: die Menschen begannen, sich umeinander zu kümmern. Man teilte das Essen, half sich, und alle waren euphorisch.

Es heißt oft, diese positive Energie sei danach spurlos verschwunden.

Das denke ich nicht. Ich trage sie in mir, Sie auch und jeder andere Mensch. Es gibt immer noch viel gute Energie, viele Menschen bringen sich in die Gesellschaft ein. Wir sind heute viel aufmerksamer und sensibler, wenn es um Naturschutz, Frauenrechte, Minderheiten geht. In Wahrheit geschehen jeden Tag sehr viel mehr gute als schlechte Dinge, sonst könnten wir hier nicht friedlich zusammensitzen. Sehen Sie: Damals haben sich 500 000 Menschen selbst organisiert. Es gab keine Polizisten, die einem gesagt haben, was man tun soll und was nicht. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, den Menschen zu erklären, wie sie leben sollen, das ist meine Überzeugung. Das bedeutet nicht, dass jeder tun kann, wozu er Lust hat. Auf andere Menschen zu schießen, oder nachts Lärm machen zum Beispiel. Der Staat muss grundlegende Regeln des Zusammenlebens gewährleisten. Aber eben auch nicht mehr.

Gab es Augenblicke, in denen Sie großartige Fotos hätten machen können, aber keinen Fotoapparat zur Hand hatten?

Nicht in Woodstock. Aber es gibt solche Augenblicke. Ich kann mich erinnern, wie ich mit meinem Sohn Fahrrad gefahren bin. Er war noch klein und fuhr vor mir auf einer menschenleeren Landstraße. Das wäre ein wunderbares Foto geworden. Ich bereue noch heute, dass ich damals keine Kamera dabeihatte.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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